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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Wenn der Sommer nach früher schmeckt

Frank Behrendt erinnert sich gerne an besondere Momente von früher und auch wenn er sich für moderne Technologien begeistern kann, hält er es für sehr gesund, immer mal wieder bewusst digitale Pausen einzulegen - besonders in den Ferien.

Wenn der Papa im Hause Behrendt die alte Kiosk-Fahne von früher hisst, wissen die Kinder, dass die Eistruhe frisch gefüllt wurde

Wenn der Papa im Hause Behrendt die alte Kiosk-Fahne von früher hisst, wissen die Kinder, dass die Eistruhe frisch gefüllt wurde

Als Eltern, Schüler und Lehrer der Klasse meiner jüngsten Tochter kürzlich vor Beginn der Sommerferien am Rheinufer gemeinsam das Ende des Schuljahres feierten, hatte eine Mutter in einer Kühlbox Eis mitgebracht. Jede Menge vertraute Sorten, die alle von früher kannten: "Capri", "Dolomiti", Twister" - es begann eine herrliche Zeitreise zurück.

Eifrig wurde sich an die eigenen Sommerferien erinnert und in Bezug auf die Eissorten gefachsimpelt, was sich mittlerweile geschmacklich verändert hatte. Interessant war, dass für viele der Sommer in ihrer Erinnerung wie ein Eis von Langnese schmeckte. Ein Traum für jede Marke. Aber auch die hat sich im Laufe der Jahre verändert, ob zum Positiven sei dahingestellt.

Plötzlich hielt jemand sein Smartphone hoch, spielte einen Song mit voller Lautstärke ab. Gänsehaut, Vertrautheit, seliges Grinsen überall: "So schmeckt der Sommer", die Werbe-Hymne der marktführenden Eis-Macher aus dem Jahr 1994. Damals sah das Markenlogo noch aus wie ein fröhliches rot-weiß gestreiftes Kiosk-Fähnchen. Jeder im ganzen Land von der Ostsee bis in den tiefsten Bayerischen Wald wusste: Wo das Signet mit dem Langnese-Schriftzug flatterte, da war eine gut gefüllte Eistruhe nicht weit.

Den Song hat damals ein Sänger aus den Niederlanden gesungen, Edward Reekers. Als ich mir einen Clip des Sängers bei einem Auftritt im ZDF ansah, musste ich grinsen: Der Mann mit der großartigen Stimme trug ein quietschbuntes Hemd mit zahlreichen Früchten drauf, wie man es sonst nur vom für seinen ausgefallenen Look bekannten Humoristen Jürgen von der Lippe gewohnt war.

Der über 20 Jahre alte Kino- und TV-Spot von Langnese, den ich mir im Anschluss anschaute, ist dagegen ein kleines Meisterwerk. Damals, als noch niemand von Storytelling sprach, hatten die Werber genau das perfekt umgesetzt. Musik, Songtext und Bilder sind immer noch eine wunderbare Komposition. Mein Tipp: Schauen Sie sich den Clip mal wieder im Netz an: "Weißt du noch, im letzten Jahr, weißt du noch? Ein Sonnenstrahl, der war da, weißt du noch..."

Eine kleine Liebesgeschichte rund um Sommer und Eis. Der Langnese-Laster fährt durch die Stadt und sorgt für Begeisterung. Die Menschen strömen herbei, große, kleine, eine Ballett-Tänzerin lächelt, immer noch zum Verlieben schön. Der alte Eismann hängt die Langnese-Fahne raus, rückt energisch den blütenweißen Kittel zurecht und öffnet dann schwungvoll seinen Kiosk. Gänsehaut ist garantiert, wenn die Musik ihren Höhepunkt erreicht, der Ansturm der Kunden beginnt. Der wunderbare Eisverkäufer lächelt milde, die Zwillinge mit ihren abgefahrenen roten Pudelmützen bekommen jeweils ihr Eis und verzehren es strahlend.

Ein Mini-Spielfilm voller Leichtigkeit, mit Liebe zum Detail inszeniert. Am Ende rauscht der Langnese-Transporter durch die prächtige Allee von dannen, auf der Rückwand das Logo, das für unsere glücklichen Sommer stand. Ich habe mir damals eines dieser legendären Kiosk-Fähnchen gesichert, ich hänge es heute aus Spaß für meine Kinder raus, wenn ich die Kühltruhe frisch mit Eis gefüllt habe. Werbe-Romantik für die Ewigkeit.

Aber auch der Sommer 2019 kann wunderbar sein und so schmecken, wie wir ihn uns wünschen. Meine kleine Tochter Holly hatte vor einiger Zeit darum gebeten, dass wir "Ferien ohne Handy" verleben. Was sich zunächst komisch anfühlte und auch von mir mit der Ausrede "Ich muss doch Bilder machen" kommentiert wurde, wird jetzt eiskalt durchgezogen. Mehrere Wochen ohne Social-Media empfinde ich inzwischen als geradezu bereichernd, um das echte Leben mit allen Sinnen voll und ganz einzuatmen.

Urlaubsfotos machen die Kinder mit ihren kleinen Kameras, großzügigerweise leihen sie diese auch ihren Eltern mal für ein paar Schnappschüsse aus. Das Argument der Smartphone-Notwendigkeit für Dokumentationszwecke ist damit hinfällig. Bücher habe ich genug dabei, echte übrigens, weil ich nach einem Test mit dem eReader feststellte, dass die Dinger zwar praktisch sind, ich aber das Gefühl mit einem echten Buch in der Hand nach wie vor viel sinnlicher finde.

Liege, Sand, Meer, ein Eis und Sonnencremeflecken auf bedruckten Buchseiten gehören zu meinen Puzzleteilen für einen wunderbaren Sommer. Den wünsche ich euch allen auch. Ich mache jetzt eine digitale Sendepause, ihr lest mich hier wieder am 23. August. Lasst euch bis dahin das Leben schmecken - mit oder ohne Eis!

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