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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Wenn Teddys die Schutzpatrone in der Krise sind

Teddys
Die Teddy-Schutzpatrone der Familie Behrendt
© privat
Die Corona-Krise geht an keinem spurlos vorbei. Auch jüngere Kinder kriegen mit, dass Eltern und Freunde nur noch ein Thema haben, das ihnen Sorgen macht. Meine Tochter hat deshalb zwei erfahrene Schutzpatrone aktiviert, die uns als Familie beschützen.

Mein Schwiegervater Hans war ein Ur-Kölner und ein Bär von einem Mann. Er war Metzger und wenn er zu Besuch kam, hatte "Opa Hans" immer "eine gute Wurst" für die Enkel oder ein "gutes Filet" für meinen Grill dabei. Hans liebte den Boxkampf und stand immer mitten in der Nacht auf, wenn einer der früheren Faustkampf-Heroen wie Muhammad Ali irgendwo in einer voll besetzten Arena zum Duell antraten.

Den eleganten Boxer mit der feinen Technik mochte er, über deutsche Champions lauteten seine Urteile oft weniger begeistert. "An guten Tagen hätte ich den weggeputzt", pflegte er, der passionierte Hobbyboxer aus Köln-Ehrenfeld zu sagen, wenn Vitali oder Wladimir Klitschko wieder mal einen Kampf mit Ach und Krach nach Punkten gewonnen hatten. Hans liebte seine Familie und tat alles für seine Enkel. Seine Tochter, meine Frau, musste manches Mal ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Papa sprechen, denn am liebsten hätte dieser regelmäßig im Kaufhaus die halbe Spielzeugabteilung leergekauft, um seinen Enkelchen "eine kleine Freude" zu machen.

Als meine Frau ein Kind war und bei einer Operation im Krankenhaus bleiben musste, schenkte er ihr einen kuscheligen Teddy von Steiff. Der war Tröster, Einschlafhilfe, Gesprächspartner. Er wurde nie verschenkt, nie verloren, zog oft um, verlor Fell und auch mal ein Knopfauge, aber er überlebte. Bis heute. Als ihr Papa starb, schenkte meine Frau ihren geliebten Bären unserer kleinen Tochter Holly. Seitdem trägt er den Namen "Opa Hans Bär" und wacht jede Nacht an ihrem Prinzessinnen-Bett. In den Urlaub ist er noch nie mit uns gefahren, die Gefahr wäre zu groß, dass er verloren gehen könnte.

Die Teddy-Force ist gefragt

In Zeiten der Corona-Krise wird er jetzt besonders benötigt und hat sogar pelzige Verstärkung bekommen. Wer mich kennt weiß, dass meine Spielzeuge von früher für mich eine absolute Kraftquelle sind. Sie bauen die Brücke zurück zu meiner glücklichen Kindheit, die ich in Hannover, Rio de Janeiro und Otterndorf an der Nordseeküste verleben durfte. Als wir 1967 zu einem großen Abenteuer nach Brasilien aufbrachen, weil mein Vater als Auslandslehrer an die Schule unter dem Zuckerhut wechselte, war ich als kleiner Junge zunächst gar nicht begeistert. Meine Mutter erzählte mir, dass ich bitterlich geweint hätte, weil ich meine kleine Freundin Nina aus dem Nachbarhaus verlassen sollte.

Als die Abreise näher rückte, schenkte mir mein Großvater Fritz einen großen Teddy-Bären von Steiff. Der Clou war, dass er wohlig brummte, wenn man ihn wiegte. Ich war begeistert. Meine Mutter berichtete, dass ich ohne diesen Bären keinen Schritt mehr tat. Als wir mit einer Boeing 707 der Lufthansa von Frankfurt nach Rio flogen, hielt ich ihn im Arm. Die netten Flugbegleiterinnen legten dem Kuscheltier sogar ein Lätzchen um, damit es beim Essen von mir nicht vollgekleckert wurde. Als Teenie interessierte mich mein Bonanzarad mehr als der Bär, er wanderte auf den Speicher.

Viele Jahre später, als meine Mutter nach einer Aufräumaktion fragte, was sie mit meinen alten Matchboxautos und Indianerfiguren machen sollte, tauchte auch der in einem Koffer gut verpackte Teddy wieder auf. Ich ließ mir meine alten Schätzchen schicken und ersteigerte zudem alles bei Ebay, was ich sonst noch als Kind besessen hatte und gerne gehabt hätte. Jetzt verfüge ich über eine umfangreiche Sammlung in einem Kellerraum, vom "heiligen Gral" spricht meine Frau und versucht dabei nicht zu grinsen. Mir tun die Gefährten von damals gut und geben mir positive Energie. Die können wir aktuell gut gebrauchen, denn die täglichen Nachrichten über infizierte und verstorbene Menschen in Kombination mit den wenig rosigen wirtschaftlichen Aussichten nach irgendwann überstandener Krise, schlagen aufs Gemüt.

Als ich vor ein paar Tagen in meinem Spielzimmer nach dem Rechten sah, fehlte der alte Teddy. Holly erklärte mir, dass sie ihn sich ausgeliehen hätte. Seitdem sitzt er zusammen mit dem anderen alten Bären in ihrem Zimmer und passt auf. Auch unsere Jüngste hat der Ansprache unserer Bundeskanzlerin gelauscht und mitbekommen, dass wir eine besondere Situation haben, in der wir alle sehr gut auf uns und unsere Lieben aufpassen müssen.

Wir haben im Familienkreis über die neuen Regelungen gesprochen und den Kindern in bester Sendung-Mit-Der-Maus-Attitüde erklärt, was da draußen passiert und warum in der nächsten Zeit vieles anders läuft als bisher. Sie lieben ihre beiden betagten Omis und wollen sie noch lange behalten. Daher halten sich die zwei relativ klaglos an die Einschränkungen, die auch ihr Leben massiv tangieren. Holly ist sehr zuversichtlich, dass wir die Krise gut überstehen werden und erklärte mir mit festem Blick aus ihren strahlend blauen Augen: "Der Opa Hans-Bär und Papas Bär werden gut auf uns aufpassen, die haben viel Erfahrung."


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