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Frank Behrendt: der Guru der Gelassenheit Wir bleiben cool, auch ohne Pool.

Spaß gibt es auch im günstigen Planschbecken.
Spaß gibt es auch im günstigen Planschbecken.
© Getty Images
Diverse Branchen erleben in der Corona-Pandemie einen Boom. Eingesparte Urlaubsbudgets werden in den Ausbau der häuslichen Umgebung investiert - "pimp your home". Plötzlich kreiste das Thema "Pool" jeden Abend über unserem Abendbrottisch.

Als die Temperaturen stiegen, schalteten unsere Kinder noch mal einen Gang hoch und zogen alle Register. „Es wäre doch so schön, wenn wir uns im Pool abkühlen könnten“, flöteten sie zwischen zwei Gabeln Spaghetti. Erschwerend kam hinzu, dass wir das einzig wirklich erfreuliche EM-Spiel unserer Mannschaft gegen Christiano Ronaldo und Co an einem schwül-warmen Sommerabend bei Freunden erlebten, die sich kürzlich ein kleines Schwimmbad gegönnt haben.

Nach dem Verzehr von Grillwürstchen und Kaltgetränk war es natürlich herrlich, die Beine ins kühlende Nass zu halten. Die Kinder hüpften nach jedem Tor unserer Jungs laut kreischend in den Nationaltrikots ins Wasser. Viermal hatten sie das Vergnügen. Viele Handwerker stöhnten, wenn wieder jemand anrief, um sich nach einem Planungstermin für eine häusliche Badelandschaft zu erkundigen. 

Eltern denken an Kosten

Ein Bekannter erzählte mir, dass ein Betrieb ihm die Kosten für den bereits angezahlten Pool anstandslos zurückerstattet hatte, als er ihn durch den Entfall einer Erfolgsprämie doch wieder stornieren musste. „Die hatten so viel zu tun, dass sie eher froh waren, mal durchatmen zu können“, berichtete er mir. „Kommen Sie wieder, wenn sie wieder flüssig sind“, hatte der Chef der Firma meinem Bekannten mit auf den Weg gegeben. Die Poolmania scheint noch für längere Zeit anzudauern, Goldgräberstimmung in blau. Manche Becken, die hier und da gepostet werden erinnern von der Größe zwar eher an das Ermüdungsbecken eines mittleren Fußball-Vereins, aber Pool ist Pool, wer hat, der zeigt. Bei Vorher-Nachher-Aufnahmen war bei diversen Eigenheimen zu beobachten, dass vom kleinen feinen Gärtchen nach dem Einbau des Nassbereichs kaum noch etwas übrigblieb, aber das wurde billigend in Kauf genommen.

Zusätzliche Wasserkosten, die dauernde Reinigung, nicht funktionierende Pumpen, Dichtigkeitsprobleme, über die viele BesitzerInnen oft klagen – Schwamm drüber. Etwas mehr Hollywood von Attendorn bis Wanne-Eickel, das zählt. Und so zog ich weiter jeden Abend tapfer in die argumentative Schlacht gegen unseren Nachwuchs. Meine vorgebrachten Punkte, dass nach dem Anrücken eines Bauunternehmens für das das beliebte Basketballfeld, das große Trampolin und den üppigen Platz für mehrere Airtrack-Turmatten das letzte Stündlein geschlagen hätte, wurden eiskalt weggewischt. Die Abkühlung, das tägliche Schwimmen, die künftigen permanenten Pool-Parties wurden in den schillerndsten Farben geschildert. Auch wir Eltern könnten in den Slots, wenn der Pool vom Nachwuchs nicht frequentiert werden würde, „ein wenig Wasser-Gymnastik mit Pool-Nudel wie im Robinson-Club machen“, wie meine Tochter anmerkte.

Alternative Aufblas-Becken

Na, herzlichen Dank. Ich verwies auf unseren aufblasbaren Pool, der vor Corona stets gute Dienste geleistet hatte und der den Zweck der Abkühlung erfüllte. Der Live-Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten: „Peinlich“ wäre der, „viel zu klein“, „nur was für Babies“. Erfahrene Eltern lassen solche Sprüche der aufmüpfigen Teenager locker an der Bugwand der Empörung abtropfen und blicken lächelnd Richtung Grundstücksgrenze. Ich kramte in der Kiste der Erinnerungen und dachte an meine eigene Kindheit. Die verbrachte ich an einem Ort, an dem die Temperaturen deutlich höher waren, als in unseren Breiten: In den Tropen, in Rio de Janeiro. Wenn hierzulande – wie kürzlich mal wieder passiert – in der Schule „Hitzefrei“ verordnet wurde, dann war das für Brasilien eher ein Witz. Was hier als Hitze gilt, ist dort eher angenehm warm. Ohne die Klimaanlage im Arbeitszimmer meines Vaters konnten wir damals nicht einschlafen, auf der Terrasse hatten meine Eltern ein altes Schwimmbad aus Zeltplanen aufgestellt, das Freunde besorgt hatten. Uns hat das nicht gestört, Hauptsache mal abkühlen zwischendurch, mehr wollten und brauchten wir nicht.

Natürlich hatten einige wohlhabende Schulfreunde in ihren Ferienhäusern stattliche Pools, das war zwar schön, aber es war für uns nicht überlebenswichtig. Vielleicht war die Anspruchshaltung von Kindern früher auch eine andere, es gab schließlich kein permanentes Dauerfeuer von irgendwelchen InfluencerInnen, auf allen digitalen Kanälen, die einem die vermeintlich erstrebenswerte Welt von luxuriösen Wohnungen, entsprechenden Klamotten, Autos und auch privaten Wellnessoasen vorführen. Auch in den Schulen hat der Besitz- und Markenwettstreit deutlich zugenommen.

Wer was hat, zeigt es, wer weniger hat, fühlt sich oft schlecht. Ich sprach kürzlich mit einer Lehrerin, die täglich versucht, den SchülerInnen die wahren Werte des Lebens abseits des Dauerposings zu vermitteln – ein hartes Brot. Kürzlich gab es dann aber doch einen Durchbruch an der Diskussionsfront bei uns zu Hause: Jetzt, wo der Sommerurlaub am echten Meer auf Sylt nicht mehr weit ist, hat sich das Thema Pool bei uns gottseidank erstmal erledigt. Auch Einladungen bei Freunden mit Schwimmbad sind nicht mehr ganz so angesagt nachdem feststellt wurde, dass man darin selten eine Bahn schwimmen konnte, Surfen nicht möglich war und zudem die Helikopter-Eltern immer aus dem Küchenfenster nach dem Rechten sahen. „Die Pools können doch nichts, da kann man auch gleich in die Badewanne gehen“, meinte mein Junior fachmännisch und winkte ab, als die kleine Schwester noch mal einen Vorstoß wagte. Ich habe ihm nicht widersprochen…


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