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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Zurück zur Natur am Tag der Einfachheit

Am 12. Juli ist der Tag der Einfachheit. Grund genug, sich auf das Wichtigste zu besinnen: auf die Natur. Wieso das in unserer immer schneller werdenden Welt notwendig ist. 

Von Frank Behrendt

Es gibt diverse offizielle Feiertage in jedem Land. Und dann gibt es die kuriosen. Kaum ein Tag, der nicht einen Anlass bietet, um sich an etwas Außergewöhnliches oder jemanden zu erinnern. Am heutigen 12. Juli gibt es ausgerechnet in Amerika den "National Simplicity Day" - den Tag der Einfachheit. Er geht auf den Dichter Henry David Thoreau zurück, dem unter anderem im wunderbaren Kinofilm "Der Club der toten Dichter" gehuldigt wird.

Es gibt einige Songs, die den Soundtrack meines Lebens bilden. Genauso gibt es einige Kinofilme, die für mich immer eine besondere Bedeutung haben werden. Einer von ihnen war, ist und bleibt "Der Club der toten Dichter".

Rund 30 Jahre ist dieses cineastische Meisterwerk von Regisseur Peter Weir inzwischen alt, aber es ist immer noch extrem sehenswert. Ich habe den Streifen gerade kürzlich wieder genossen und bekam erneut eine Gänsehaut. Der leider vor fünf Jahren aus dem Leben geschiedene Schauspieler Robin Williams spielt darin den Lehrer in einem Elite-Internat der versucht, seinen schon in jungen Jahren in Konventionen gefangenen Schülern das eigene Denken beizubringen. Er will sie dazu bewegen, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, sich für das Schöne zu begeistern. Dazu benutzt er die Kraft der Sprache.

Der Film ist eine einzige Liebeserklärung an die Literatur, an die Poesie und an die Macht des Wortes. Robin Williams hat in dem Streifen nicht nur eine Rolle gespielt - er hat diesen Film gelebt. Die legendäre Szene, als die Schüler auf die Tische steigen um für ihren Lehrer einzustehen und dabei "Captain my Captain" intonieren ist eine meiner absoluten Lieblingsmomente, ein Plädoyer für Haltung. Ich weiß noch, wie mein Vater - der auch die amerikanischen Literaten liebte - uns am Abendbrottisch mehr über die im Film erwähnten Poeten erzählte.

Rückbesinnung auf eine einfache Lebensweise

Auch über Henry David Thoreau, der am 12. Juli 1817 das Licht der Welt erblickte. Eines seiner berühmtesten Bücher ist "Walden oder Leben in den Wäldern". Darin propagiert der Autor das Prinzip eines einfachen Lebens in und mit der Natur. Dabei schreibt er basierend auf eigenen Erfahrungen, denn er hatte sich im Jahr 1845 in den Wäldern von Concord im amerikanischen Bundestaat Massachusetts eine Blockhütte gebaut, in der er zwei Jahre lang am See „Walden Pond“ lebte um sich der Industriegesellschaft der damaligen USA zu entziehen. Er war kein klassischer Aussteiger, sondern ein Mann, der Erkenntnisse sammeln wollte.

Sein Ziel war der Gewinn von Lebensqualität durch die Rückbesinnung auf eine einfache Lebensweise. Als Faulenzer und verrückten Spinner haben viele Thoreau zu Lebzeiten verlacht, inzwischen wird seinem Werk und seinen klugen Gedanken gehuldigt. Wenn man heute den rasanten technologischen Fortschritt und die immer stärker zutage tretenden Folgen des Klimawandels betrachtet, ist eine höhere Wertschätzung der Natur längst mehr nicht nur romantische Verklärung sondern dringende Notwendigkeit. Gegen Ende des Buches schreibt Thoreau eine Passage, die oft zitiert wurde, wenn es um einen Bewusstseinswandel geht: "Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen? Wenn einer nicht (Gleich)Schritt mit seinen Kameraden hält, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört, in welchem Takt und wie fern sie auch sei. Es ist nicht wichtig, dass ein Mensch so schnell reift wie ein Apfelbaum oder eine Eiche. Soll er denn seinen Frühling zum Sommer machen?" Wow. Geschrieben wurden diese Zeilen vor 174 Jahren in einer einfachen Blockhütte am Waldenufer.

Dort befindet sich heute eine Pyramide aus Kieselsteinen. Sie wächst jedes Jahr ein Stückchen weiter. Menschen aus aller Welt pilgern an diesen magischen Ort und hinterlassen einen kleinen Stein an der Stelle, an dem der literarische Hohepriester der Einfachheit einst seine Gedanken über das Leben und die Natur verfasste. Die Steinchen sind Beleg dafür, dass ideelle Werte wieder auf dem Vormarsch sind, selbst im materialistisch geprägten Amerika. Ich habe mir das Buch "Walden", das bei meinem Vater im Arbeitszimmer stets in Griffweite stand, gerade neu gekauft und beginne es am Tag der Einfachheit zu lesen. Es stehen viele wunderbare Sätze drin, die immer noch inspirieren. So wie dieser: "Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen, wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen."