HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Zuschauen, wenn an einer glücklichen Zukunft gebaut wird

Bei meinen täglichen Runden mit dem Hund durch unser Wohngebiet komme ich seit geraumer Zeit an einer Baustelle vorbei. Ein altes Haus wurde abgerissen, nun wird ein neues gebaut. Jetzt traf ich die Familie, die täglich vorbeischaut, um ihrem heranwachsenden Ort vom gemeinsamen Glück beizuwohnen. Eine wunderbare Begegnung.

In Frank Behrendt Viertel entsteht ein neues Familienheim

In Frank Behrendt Viertel entsteht ein neues Familienheim

Neugierige kleine Augen, weit aufgerissen, hatten nur ein einziges Ziel: Das fauchende, orangefarbige Ungetüm aus Stahl: ein Bagger. Er kämpfte sich durch das Erdreich, der Keller wurde ausgehoben. "Da kommt auch ein Kicker-Raum rein, in dem ich mit meinen Jungs später spielen werde", erklärte mir der Vater und sein Gesicht war ein helles Strahlen. Ich war auf meinem Spaziergang stehengeblieben, das jüngere Kind lief zu meinem Hund, das Ehepaar, das zuvor mit dem Bauleiter gesprochen hatte, begann zu plaudern.

Ich liebe es, in unserem Viertel zu wissen, wer wo wohnt, wo jemand neu einzieht. Anonymität ist nicht mein Ding, persönliche Nähe empfinde ich als Lebensqualität. Wenn ich meine Mutter motivieren möchte, doch zu einem ihrer Kinder in die Großstadt zu ziehen, winkt sie immer ab und sagt: "Junge, da kenne ich doch niemand, hier sind wir ein Netz aus Vertrautheit und Hilfsbereitschaft. Das gebe ich nicht auf." Ich verstehe sie. In Otterndorf, an der Nordseeküste, wo meine Geschwister und ich in unserem blauen Haus eine glückliche Kindheit und Jugend verbrachten, wohnen nun viele Eltern, deren Kinder die einstigen familiären Trutzburgen verlassen haben.

Die älter gewordenen Paare oder auch die nach dem Tod eines Partners allein zurückgebliebenen Frauen und Männer, halten zusammen. "Wenn bei einem Nachbarn das Licht nicht wie immer zur üblichen Zeit in der Küche angeht, fragen wir nach, ob alles in Ordnung ist, sagt meine Mutter. "Lebendige Alarmanlagen", wie es mir ein alter Schulfreund, der immer noch oben an der Küste in dem verträumten Städtchen hinterm Deich wohnt, kürzlich mit einem Schmunzeln beschrieb. Anonyme Vereinsamung und Todesfälle, wie sie in Großstädten immer wieder vorkommen, würde es da nicht geben. Die Nachbarn halten zusammen, so wie im idyllischen fiktiven Örtchen "Deekelsen" in meiner früheren ZDF-Lieblingsserie "Der Landarzt".

Zurück auf die Baustelle: "Wir freuen uns auf die Leute hier und unser Haus", betonte die sportliche junge Mutter neben mir, während ihr Sohn weiterhin fasziniert den Bagger im Blick hatte. Ich zählte die Vorzüge von Rodenkirchen auf, dass sich alle Einkäufe, die man zum Leben braucht, zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen lassen. Engagierte Bewohner wie die wunderbare Ute Schmidt, die das Magazin "Kölner Stadtteilliebe" herausgibt, halten flammende Plädoyers für das Shopping im "Veedel", wie man hier bei uns in Köln sagt. Der zunehmende Online-Handel macht den stationären Händlern um die Ecke das Leben schwer, viele haben schon die Segel gestrichen. Jeder Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe ist wie der Tod eines Familienmitglieds.

Aber es gibt auch Hoffnung, die lokalen Ladenbesitzer haben sich in einer Werbegemeinschaft organisiert, tun jede Menge, um das Einkaufen vor Ort attraktiv zu halten. Auch die zuziehende Familie siedelt bewusst um, weil sie aus der pulsierenden Innenstadt weg möchte, etwas mehr Distanz zwischen Arbeit und Leben anstreben. In der kommenden Woche wollen sie hier Restaurants testen und das Angebot an Geschäften unter die Lupe nehmen.

Der Junior stupste uns energisch an: "Schaut mal, wie stark der Bagger ist." Wir lächelten. Ich konnte ihn gut verstehen. Als meine Eltern vor über 40 Jahren ihren Traum vom Eigenheim in die Tat umsetzten, fuhren wir auch oft gemeinsam auf die Baustelle. Die Erdarbeiten übernahm der Vater meines Schulkameraden Heiner, der hatte jede Menge Bagger. Als wir einmal im Führerhaus mitfahren durften, während Papa Rösing beim Ruderverein eine Rinne ausbaggerte, war das wie ein Abenteuerurlaub für uns.

Die junge Familie führt ein Bautagebuch. Die Eltern machen Fotos, die Kinder malen Bilder. Wenn das Haus fertig ist, werden sie eine ewige Erinnerung an die Entstehungsphase haben. Was mich beeindruckte: Sie hatten sich von dem alten Haus, das zuvor auf ihrem Grundstück stand "verabschiedet". Dabei hatten sie in einem ruhigen Eckchen einen kleinen "Erinnerungsbaum" gepflanzt, der symbolisch die vielen Geschichten, die das Haus in den zahlreichen Jahrzehnten erlebt hatte, bewahren soll. Zauberhaft.

Eine alte Dame hatte bis an ihr Lebensende in dem verwitterten Hexenhäuschen gewohnt. Manchmal habe ich sie gesehen und sie lächelte über unseren Hund. Sie hatte früher selbst einen gehabt, als ihr Mann noch lebte und die Kinder noch zu Hause waren. Vergangenheit. Der Bruder des kleinen Bagger-Fans, der die ganze Zeit liebevoll meinen Hund gestreichelt hatte, meldete sich zu Wort: "Kommst du mit Fee auch wieder vorbei, wenn wir hier wohnen?" Ich ging in die Knie und sah dem kleinen Blondschopf in die Augen: "Na klar, das verspreche ich dir." Der Junge strahlte und ich ging weiter. Erfreut darüber, dass ich ein Stück Glück gesehen hatte, das liebenswerte Menschen gemeinsam für die Zukunft bauen.

Themen in diesem Artikel