GESPERRT! Kurzarbeit Wie lange geht das gut?


In zehntausenden Unternehmen ist die Arbeit knapp wie nie. Statt zu entlassen, schicken die Chefs ihre Leute in Kurzarbeit. Bis zu 1,4 Millionen Beschäftigte profitieren davon. Ein Wunder, sagen Experten. Doch es wird nicht ewig währen.
Von Doris Schneyink

Die Monteure Pütz und Bösen sind schon in der 39. Woche, und langsam wird die Sache anstrengend: Die Häuser sind frisch gestrichen, die Gärten umgegraben, Pütz spielt dauernd Tuba im Musikverein, Bösen stürmt für die Alten Herren des SV Hentern. "Meine Frau habe ich auch schon geärgert", sagt der 46-Jährige. Was man halt so tut, wenn man zu viel Zeit hat.

Andreas Pütz, 36, und Walter Bösen haben sehr viel Zeit: Seit Oktober 2008 sind die beiden in Kurzarbeit und gehören damit zu den ersten Opfern dieser Rezession. Oder genauer gesagt: zu den ersten Geretteten. Normalerweise montieren die beiden Männer Bagger und Radlader für den Baumaschinenhersteller Volvo Construction im rheinland-pfälzischen Konz.

Noch vor einem Jahr boomte das Geschäft - auf den spanischen, englischen, russischen Baustellen brauchte man Bagger, und die 1100 Volvo-Leute schufteten im Akkord. Doch im September 2008 krachten die Märkte zusammen, im Oktober wurde die Arbeit bei Volvo knapp, im Dezember ging sie aus. Sechs Wochen lang standen die Bänder fast still. Für einen Teil der Mannschaft hieß das: Kurzarbeit Null. "Das war schon heftig", sagt Walter Bösen. 150 Leute wurden entlassen, ohne Kurzarbeit wären es viel mehr gewesen. Nun tröpfeln die Aufträge wieder: 72 Bagger sollen im Juli gebaut werden. Das ist Arbeit für neun Tage.

Ein kleines Wunder

So gespenstisch ruhig wie bei Volvo Construction ist es in Tausenden deutschen Betrieben: Die Arbeit hat sich dünne gemacht, weder Menschen noch Maschinen sind ausgelastet. Normalerweise reagieren Unternehmer in einer solchen Situation sehr nervös und wollen sofort Mitarbeiter feuern. Doch in dieser Krise ist das anders. Die Firmen nutzen - bislang zumindest - intensiv das Mittel der Kurzarbeit. So schnellte die Zahl der Kurzarbeiter seit Oktober von 60.000 auf fast 1,4 Millionen hoch. "Das ist ein kleines deutsches Wunder", sagt Joachim Möller, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), "wir haben es bislang geschafft, den Einbruch der Wirtschaft abzufedern." Im Ausland würden die Deutschen bewundert für ihre Flexibilität.

Doch je länger das Wunder dauert, desto größer werden die Ängste. Wie lange kann das gut gehen? Wie lange können und sollen die Unternehmen Arbeitskräfte horten? Martin Kannegiesser, Präsident der Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall, warnt bereits: "Wenn sich die Auftragseingänge in den nächsten Wochen nicht spürbar bessern, ist Personalabbau nicht aufzuhalten." Mit über 700.000 Kurzarbeitern ist die Metall- und Elektroindustrie die derzeit größte Problemzone auf dem Arbeitsmarkt.

Längst tobt in den Unternehmen ein Kampf zwischen sogenannten Controllern und Personalern. Die einen wollen möglichst schnell mit dem Rasenmäher über die Zahl der Beschäftigten gehen und einen bestimmten Prozentsatz entlassen. Die anderen wollen ihre Mannschaften so lange wie möglich zusammenhalten. Wer sich durchsetzt, ist noch offen. Das hängt ab von der Unternehmenskultur, von der Stärke der Gewerkschaften und natürlich davon, wie sich die Konjunktur weltweit entwickelt.

Katastrophenprävention

Armin Schild, Chef der IG Metall Frankfurt, ist pessimistisch: "Spätestens nach den Sommerferien wird sich die Rasenmäherfraktion durchsetzen." Schon zur Jahreswende könnte die Arbeitslosenzahl die Vier-Millionen-Marke reißen. Erst in der vergangenenen Woche kündigte der Verband der deutschen Maschinenbauer an, 60.000 Jobs zu streichen.

Für die Große Koalition in Berlin zählt momentan nur eins: Vor der Bundestagswahl am 27. September dürfen keine Katastrophen auf dem Arbeitsmarkt passieren. Massenentlassungen bei einem Dax-Konzern zum Beispiel. Auch deshalb hat Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) die Kurzarbeit für Arbeitgeber radikal verbilligt und immer attraktiver gemacht: Er verlängerte die Bezugsdauer von ursprünglich 6 auf 24 Monate; ab dem siebten Monat übernimmt die Bundesagentur die Sozialabgaben zu 100 Prozent, das Unternehmen zahlt dann keinen Cent mehr. 3,4 Milliarden Euro sind 2009 im Haushalt der Bundesagentur für Kurzarbeit eingeplant. Geld, das von den Beitragszahlern kommt.

Die Zweifel, ob diese Milliarden sinnvoll angelegt sind, wachsen. Wolfgang Franz, Chef des Sachverständigenrats, gehört zu den schärfsten Kritikern: "Es besteht die Gefahr, dass Leute künstlich im Unternehmen gehalten werden, die dann doch entlassen werden müssen. Das hemmt den Strukturwandel." Denn wenn die Autoindustrie auf Dauer schrumpfen muss, hat es wenig Sinn, Fachkräfte monatelang weiterzubeschäftigen, statt sie fit zu machen für neue Jobs.

Missbrauchsversuche

Und ist es überhaupt Aufgabe des Staates, die Unternehmen bei den Personalkosten derartig zu subventionieren? Der Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung, Josef Schlarmann, ärgert sich: "Eigentlich müssen Unternehmen in guten Zeiten vorsorgen, damit sie auch in schlechten Zeiten ihre Mitarbeiter bezahlen können, wenn die nicht ausgelastet sind."

Doch geht es um Staatsknete, kennt die Fantasie keine Grenzen. So schickte VW im Februar 20.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit, verzeichnete aber zur gleichen Zeit dank Abwrackprämie ein dickes Auftragsplus. Im bayerischen Rosenheim haben sogar Ärzte Kurzarbeit für ihre Praxishelferinnen beantragt, um sinkende Honorareinnahmen auszugleichen. Mit Krise hat das nichts zu tun. Die zuständige Arbeitsagentur wies den Antrag zurück. IAB-Chef Joachim Möller räumt ein: "Bei einer so großen Zahl von Anträgen kann man Missbrauchsversuche und Mitnahmeeffekte nie ausschließen. Aber wir haben keine Hinweise, dass das in größerem Umfang passiert."

Es gibt durchaus Dienstleistungsbranchen, in denen Kurzarbeit sinnvoll ist. Uli Mayer-Johanssen ist Chefin von Meta-Design in Berlin, einer der führenden Agenturen für Markenkommunikation. Zu ihren Kunden gehören Siemens, Conti und VW. "Natürlich spüren wir die Krise", sagt Mayer-Johanssen.

Kämpfen gegen Vorurteile

Die Meta-Chefin sitzt in einem schicken Büro, sie ist zierlich, trägt standesgemäß Schwarz und hat, "Gott sei Dank", schon einmal eine heftige Krise erlebt. Als vor acht Jahren die New Economy abstürzte, musste sie mehr als 100 Leute entlassen. Traumatisch für die Mitarbeiter. Traumatisch für die Agentur. "Wir haben damals so viel Wissen verloren", sagt Uli Mayer-Johanssen. Das will sie dieses Mal verhindern. Deshalb sind zwei Drittel der rund 200 Designer, Grafiker und Betriebswirte seit Februar in Kurzarbeit.

Einer von ihnen ist Moritz Schimpf. Der 29-jährige Designer hatte noch nie in seinem Leben von Kurzarbeit gehört und bekam zunächst einen "Riesenschreck". "Aber jetzt finde ich es gut." Einen Tag pro Woche hat er frei, da lernt er Portugiesisch und arbeitet an seiner Präsentationsmappe. "Wenn wir viel zu tun haben, verschieben wir den freien Tag in die nächste Woche", sagt Schimpf. Seine Chefin kämpft derweil energisch gegen Vorurteile. Nein, Kurzarbeit lähme die Abläufe in der Agentur nicht. "Wer wann zu Hause bleibt, wird in den Teams entschieden, die Kunden spüren davon nichts", sagt sie. Mindestens bis Oktober will sie die Sache durchziehen.

Doch je länger die Kurzarbeit dauert, desto belastender wird sie für die Mitarbeiter. Der Industriesoziologe Günter Voß von der Technischen Universität Chemnitz hat sich mit den Folgen der Kurzarbeit befasst. Er warnt: "Die Menschen wiegen sich in falscher Sicherheit. Aber einfach nur stillstehen und hoffen, dass alles besser wird, ist eine schlechte Strategie. Wer kann, sollte sich einen Plan B zurechtlegen."

Finanzielle Sorgen

Auch finanziell wird Dauer-Kurzarbeit eine Bürde. "Das haut beim Geld richtig rein", sagt der Volvo-Monteur Andreas Pütz. Ihm fehlen monatlich etwa 400 Euro. Noch geht es nicht ans Eingemachte, er kann sein Haus weiterhin abbezahlen und die Familie ernähren. Gerade erst ist er zum zweiten Mal Vater geworden. "Aber natürlich macht man sich Sorgen, wie es mit der Firma weitergeht", sagt der Monteur. Nein, so richtig genießen kann er die Zeit nicht. Es ist eben ein Unterschied, ob alle Räder stillstehen, weil der starke Arm der Arbeiter es so will, wie es in einer berühmten sozialistischen Kampfparole heißt, oder weil die Arbeit knapp ist.

Matthias Bichler, Betriebsratschef von Volvo Construction, beobachtet bei seinen Leuten regelrechte Entzugserscheinungen: "Manchmal kommen Männer ‚zufällig‘ vorbei, um zu gucken, ob es wieder mehr zu tun gibt."

Gibt es leider nicht: Die Aufträge im Maschinenbau sind im Mai im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Prozent zurückgegangen. Bei Volvo werden sie in diesem Jahr statt 6000 nur 2000 Baumaschinen montieren. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: "Wir werden auf jeden Fall bis März 2010, vielleicht sogar bis Oktober 2010 Kurzarbeit anmelden", sagt Betriebsrat Bichler.

Die Jobs von Andreas Pütz und Walter Bösen sind für die nächste Zukunft gesichert. Aber die Zukunft ist unsicherer denn je.

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