Kommentar Verdi streikt sich in Stücke


Wochenlang lag der Müll auf den Straßen, nun ist er wieder weg: Der Streik im öffentlichen Dienst nimmt ein Ende. Doch was hat er den Angestellten und der Gewerkschaft eigentlich gebracht?
Von Catrin Boldebuck

Na endlich. Der Müll wird abgeholt, der Kindergarten macht wieder auf. In den Kommunen geht der längste Streik im Öffentlichen Dienst zu Ende. Nach Hamburg und Niedersachsen bahnt sich nun auch eine Lösung in Baden-Württemberg an. Dort wollen die beiden Schlichter Roland Sing, früherer AOK-Chef für Baden-Württemberg, und Claus Meissner, ehemaliger Präsident des Landesverwaltungsgerichtshofs, voraussichtlich am Sonntag ihren Kompromiss verkünden.

Ihr Ziel hat die Gewerkschaft Verdi nicht erreicht. Denn die meisten Angestellten und Arbeiter in Hamburg und Niedersachsen (und wahrscheinlich auch Baden-Württemberg) müssen in Zukunft länger arbeiten - zwar nur ein paar Minuten mehr pro Tag, aber sie müssen freie Tage für Fortbildung drangeben.

Kampf um den Status Quo

Seit Beginn des Streiks Anfang Februar standen die Gewerkschaftsmitglieder mit dem Rücken zur Wand: Zum ersten Mal kämpften sie nicht für mehr Gehalt, sondern für den Erhalt des Status Quo. Und wieso sie einen Tarifvertrag für die Länder fordern, den sie in den Kommunen bekämpfen, ist für Außenstehende nur schwer zu kapieren. Verdi bot keinen Spielraum für Kompromisse. Deshalb konnte die Gewerkschaft nur verlieren.

Auch an Ansehen. Denn Verdi kämpft nur für die, die etwas zu verlieren haben: einen sicheren Job. Statt um die Schwachen, kümmert sie sich um die Starken. Warum hat Verdi nicht auch die privaten Müllentsorger, die länger arbeiten und weniger verdienen, zum Streik aufgerufen? Was ist mit den Busfahrern, die für eine private Tochtergesellschaft fahren? Auch dass die Kollegen im Osten bereits 40 Stunden arbeiten, hat die im Westen nicht geschert.

Und die vielen anderen Verdi-Mitglieder, die Angestellten im Einzelhandel, bei Banken und Versicherungen, fragen sich, wieso ihre Beiträge für die Streikkasse des Öffentlichen Dienstes draufgehen. Schließlich müssen sie bereits länger arbeiten und auf Zulagen verzichten.

Den Niedergang seiner Gewerkschaft kann Franz Bsirske mit dem Streik nicht aufhalten. Statt einer großen Gesamtlösung gibt es jetzt viele Einzelabschlüsse. In Hamburg murren die Müll-Leute bereits über ihren komplizierten Abschluss: In Zukunft gibt es in der Hansestadt vier verschiedene Arbeitszeiten, nach halben Stunden gestaffelt zwischen 38 und 40 Stunden pro Woche. Die Tarifgemeinschaft droht zu zerbrechen. Auch Verdi wird sich weiter aufspalten. Und viele Gewerkschaftsmitglieder werden sich überlegen, ob ihnen Verdi wirklich jeden Monat ein Prozent ihres Bruttogehalts Wert ist.


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