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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Lasst uns unangepasst und weniger beschämt sein!

Ist es wirklich schlimm, sich über ein Kompliment zu freuen? stern-Autorin Laura Karasek fragt sich, wo hört das Kompliment auf und wo fängt Sexismus an.

Von Laura Karasek

Freundinnen, Leserinnen, Kritikerinnen – sind Sie auch manchmal sexistisch?

Ich schon, fürchte ich. Ist es falsch, dass ich der weiblichen Zahnärztin mehr Sanftheit zutraue und dem männlichen Fitnesstrainer mehr Drill? Wenn ich die Service Hotline anrufe, hoffe ich, dass ein Mann meinen Computer repariert und wenn ich ein Umzugsunternehmen beauftrage ist es mir lieber, wenn es nur Männer schickt.

Bin ich deshalb etwa frauenfeindlich oder Chauvinistin? Und Achtung, jetzt kommt noch eine schlimmere Beichte: ich liebe Komplimente und mir macht eine Bemerkung über mein Äußeres nichts aus – es sei denn, sie ist kritisch! (Okay, Beleidigungen finde ich nicht so toll) Ich fühle mich durch ein Kompliment weder angegriffen noch reduziert. Als ich meinem ersten Chef sagte, ich wolle mal eine Woche erleben, "bei der sich Kollegen nicht über mein Outfit äußerten" erwiderte er: "Das wäre eine harte Woche für Dich." Und vermutlich hatte er Recht.

Ist es denn wirklich schlimm, wenn jemand sagt "Da freuen sich aber unsere Kunden, wenn eine Augenweide wie Sie mitkommt!" Oder: "Wenn Sie am Meeting teilnehmen, sind die Männer ja noch aufgeregter!"

Wo hört das Kompliment auf und wo fängt Sexismus an? Und wie gehen wir der ganzen Empörung aus dem Weg?

Tipps für den Alltag:

  1. Seien Sie bloß nicht zu schön! Gut geföhnt ist verpönt. Am besten legen Sie sich eine Kurzhaarfrisur zu, um ernst genommen zu werden. Entscheiden Sie sich: entweder hohe Schuhe oder ein hoher IQ!
  2. Schämen Sie sich, wenn sie weiblich und sexy sind – das animiert Männer nur, Sie anzubaggern und Frauen, Sie zu hassen.
  3. Wagen Sie es ja nicht, über 40 zu werden (oder über 40 auszusehen) und sich anzumaßen, Sie dürften noch mitspielen.
  4. Wenn Sie Ihr alljährliches Team-Event oder Ihre Weihnachtsfeier haben: stellen Sie sich bloß nicht neben eine hübsche, dünnere Frau!
  5. Es ist wie beim roten Teppich. Wenn Sie als C-Promi dort beachtet werden wollen, laufen Sie ja auch nicht gleichzeitig mit Boris Becker drüber. Suchen Sie sich einen noch unbekanteren Gast, einen z-Promi oder sogar ß-Promi. Gibt es auch Umlaut-Promis? Also Ü-Promis?
  6. Oder wenn Sie sterben. Sterben Sie bloß nicht am selben Tag wie der Papst. Oder wie Helmut Kohl. Es wird Sie keiner beachten.

Aber wir Frauen wollen und verdienen doch Beachtung!

Ich hatte sogar mal eine Praktikantin, die sich beschwerte: "Immer sagen alle nur etwas über meine Arbeit, meine Leistung – nie bemerkt jemand was über meine Frisur oder meine Klamotten." Sie gebe sich solche Mühe. Sie wollte nicht als Streberin, als Büro-Neutrum wahrgenommen werden, sondern als Frau.

Ist denn Männlichkeit für uns Frauen so erstrebenswert, so toll? Ich bin authentisch und mag es trotzdem nicht nur ungeschminkt. Mascara heißt nicht gleich Maske, fake face.

Darf mir Schönheit nicht wichtig sein, weil ich dann sofort als oberflächliche Tussi gesehen werde, die Macron für eine Süßigkeit hält und die AfD für ein Haarpflegeprodukt?

Wollen wir wirklich in einer total entsexualisierten, politisch korrekten Welt leben? Ich habe nichts gegen einen frivolen Spruch, solange er humorvoll ist. Ich will locker bleiben, weil ich eine gewisse Entspanntheit auch von anderen erwarte. Und ich rede hier gewiss nicht von dem widerlichen Weinstein - sondern von harmlosen Komplimenten.

Eure Empörung ist so anstrengend! Hat das Kompliment, die Bemerkung über Ihre schönen Haare, Sie wirklich so getroffen, verletzt, herabgewürdigt? Seriously?

Trotzdem ist es falsch, dass diejenigen, die sich gegen Kommentare wehren, als eingeschnappte, zickige Schnepfen, als untervögelte Petzen beschimpft werden. Denn kommt es nicht darauf an, wie wir uns wehren? Ich wäre immer bereit für einen Konter, einen Gegenwitz, einem frechen Spruch. Aber ich fülle gewiss kein Formular aus oder leite rechtliche Schritte ein, weil ein Kollege mein "Lächeln" mag oder "sich nicht mehr konzentrieren kann", wenn ich denn Raum betrete.

Er ist doch auch nicht sauer, wenn ich ihn bitte, mir beim Drucker zu helfen und anbiete, ihm einen Blaumann mitzubringen. Ist es also sexistisch, von Männern zu verlangen, dass sie Technik beherrschen und Handwerken können?

Ich bin ein Sexist! Oder?

Neulich las ich in einem Interview mit Virginie Despentes (ihr Film "Baise-moi – Fick mich" wurde wegen Sex und Gewalt verboten):

"Ich gehöre zur Pro-Sex-Fraktion des Feminismus. (...) Ich bin mit einigen Pornostars eng befreundet und bin überzeugt, dass das Hauptproblem, mit dem sie konfrontiert sind, nicht der Job selbst ist – sie sagen, sie performen mit Vergnügen, und das glaube ich ihnen. Nein, das wirkliche Problem ist, dass sich die anderen beschämt fühlen von dem, was sie tun."

Ja, wir alle kennen das Gefühl von "Du passt hier nicht rein."

Lasst uns alle etwas weniger reinpassen, etwas weniger beschämt sein! 

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