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Teufelskreislauf Selbstoptimierung: Warum wir verlernen, Dinge selbst zu tun

Unsere Generation hat ein Problem: Wir warten immerzu auf was Großes. Auch stern-Kolumnistin Laura Karasek geht es nicht anders. Warum sie trotz perfekter Matratze wach liegt.

Von Laura Karasek

In unserem Selbstoptimierungswahn verlernen wir rudimentäre Dinge - zum Beispiele das Wechseln eines Autoreifens

In unserem Selbstoptimierungswahn verlernen wir rudimentäre Dinge - zum Beispiele das Wechseln eines Autoreifens

Jungsein. Selbstwahrnehmung. Träume.

Du denkst, Dein Leben könnte verfilmt werden. Du wartest noch. Auf was Großes.

Du willst heiraten. Aber nicht jetzt. Bestimmt mal. Wenn der Richtige kommt. Aber wer soll das sein? Gibt es das denn "den Richtigen"? Vielleicht wollen wir lieber den Falschen, mit dem wir auch mal Fehler machen können, bei dem wir nicht "die Richtige" spielen müssen, die Makellose, die Eine. Und wenn es dann mit "dem Richtigen" nicht klappt – bleibt man dann für immer allein? So kann es doch nicht sein.

Du willst etwas Besonderes sein - aber nicht Klavier üben. Das Besondere ist ja in Dir selbst verankert, erklärst Du Dir, Lernen und Üben ist für Durchschnittsmenschen, für die Mittelmäßigen. Du musst nichts dafür tun, irgendwer wird Dich schon entdecken.

Du glaubst an nichts. Auch nicht an die Liebe? Die Liebe kann man sich nicht verdienen, die bekommt man oder man bekommt sie nicht. Man kann nicht für sie Gewichte heben, sie bekochen oder sie mit Blumen aus ihrem Versteck locken. Aber heute funktioniert doch alles andere so über Effizienz, über Selbstoptimierung. Wieso dann nicht auch die Herzenswelt? Können wir die Liebe optimieren?

Nachts liegst Du wach. Das Wachliegen nervt, weil man die Angst und die Ewigkeit antizipiert, sobald man aufwacht. Ich schaue auf die Uhr und hoffe, es sei wenigstens schon 7.00h – aber meist ist es 4:25h oder 5:17h – und es dauert noch endlos, bis der Lärm der Sorgen vom Presslufthammer der Straße verdrängt wird. Also Wachsein, sich gruseln, sich quälen, über unnötige Scheiße nachdenken ("wie viel Kalorien hatten wohl die Honignüsse, das ich heute gegessen habe?" – wo man doch weiß, dass man während des Schlafs viel mehr Kalorien ab- und das Immunsystem aufbaut - "Ich muss noch online bestellen." "Ich muss mal meine Fotos sortieren, meinen iTunes-Account aufräumen. Ich sollte mich aufräumen... Warum ruft Katha mich eigentlich nicht zurück? Niemand ruft mich zurück. Was habe ich falsch gemacht. Alle hassen mich... ich bin ein schlechter Mensch... und esse zu viel Honignüsse...") und so dreht sich dann das Karussell des Drecks und schleudert beim Drehen wie ein Töpferkrug einfach Matsch und Schleim an die Innenseiten Deines Kopfes.

Tagsüber, wenn wir dann leisten wollen und das Karussell meist wieder mit kleinen Elefanten und Feuerwehrautos bestückt ist, fangen wir ziemlich bald, nachdem wir am Computer sitzen und schreiben oder rechnen sollten, an, eine Kleinigkeit im Internet zu recherchieren (vermutlich war mein Vater auch deshalb so unendlich produktiv, weil er mit der Hand geschrieben hat und das FACEBOOK für das Internet hielt) und drei Stunden später müssen wir feststellen, dass wir ein Abonnement für Augencremes aus der Schweiz abgeschlossen und diverse Youtube Videos über sprechende oder betrunkene Tiere gesehen – aber keine Zeile geschrieben haben.

Dann verfluchen wir das Internet und uns und hassen uns dafür, dass wir so schwach sind und laufend Regale anschauen oder Röcke – anstatt wenigstens Artikel zu lesen.

Wie wir Zeit verplempern

Ein Freund erzählte mir gestern, er habe sich eine neue kaufen wollen. Aber natürlich wollte er nicht in einen Bettenladen laufen. Wer weiß, ob es da die beste Auswahl gäbe. Er hätte das vorerst recherchiert. Heute wird alles vorab nachgesehen, geklärt, geprüft, mit Preisvergleich und Testsieger. Also hatte auch er sich vor dem Matratzenkauf online erkundigt.

Nach dem Material. Zunächst fand er Schaumstoff: da gab es Kaltschaum oder Komfortschaum. Oder wollte er lieber Latex als Gelschaum. Oder doch Federn? Oder war das alles dasselbe? Und welche Art von "Federkern" suchte er? Und wie sollte der Härtegrad sein? Dem Herstellland: Deutschland. Nach der Garantie, der Lieferzeit, der Marke, Allergiker. Ich fühlte mich an den Sketch von Loriot erinnert, bei dem zwei Ehepaare Betten kaufen und darauf herumhüpfen und wippen und wackeln, während Herr Hallmackenreuther (!) ihnen alles über Federkerne erzählt.

Oder soll er selbst die Matratze aus Bonn – denn dort gibt es im Netz das günstigste und nachhaltigste Modell – nach Hause tragen, schleppen, transportieren? Selbst ist der Mann! (obwohl das heutzutage wohl kaum noch ein Mann behaupten kann, denn wo sind denn die echten Kerle, die einen Reifen wechseln, drei Kisten Bier schleppen (nein, heute wird der ADAC per App bestellt und die Getränke beim Online-Lieferservice – statt Bier dann am besten noch Prosecco mit Beerensaft) oder ein Regal alleine aufbauen (dafür wird unter www.myhammer.de lieber ein Handwerker ersteigert)?

Wir verlernen beim Optimieren, Dinge selbst zu tun. Wir haben keine Zeit für solche Sperenzchen. Lieber zum Sport, zum Botoxen, zum Peeling, zur Rückenmassage, zum Meditieren, zum veganen Kochkurs. Es bleibt kein Platz für Fehler, kein Raum für Makel im System. Es gibt keine Vorfreude mehr.

Am Ende hatte er keine Matratze – aber sieben Stunden im Internet verplempert.

Waren die Menschen nicht glücklicher, als sie zwischen zwei Matratzen auswählen konnten? Hart und weich? Welcher Kern, welche Feder – was ist gut für den Rücken, wie viel Schlaf braucht der Mensch, was ist nachhaltig produziert, ohne Tierversuche, preisgünstig, lieferbar?

Und suchen wir bei unseren Männern nicht auch nach Kaltschaum und Härtegrad? Bestellen wir Liebe online wie eine Matratze? Oder sind wir in der Liebe gar entscheidungsfreudiger als beim Bettenkauf? Wir sollten es nicht sein. Denn an der Schlaflosigkeit ist nicht die Matratze schuld, sondern unser eigenes Psycho-Polster.

"Glück gleicht durch Höhe aus, was ihm an Länge fehlt"


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