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stern-Ratgeber: Was tun, wenn der Jobverlust droht?

Es gibt viele Wege, seinen Arbeitsplatz zu verlieren: Betriebsverkauf, Kündigung, Firmenpleite. Der neue stern-Ratgeber "Arbeitsplatz in Gefahr - das sind Ihre Rechte" erklärt alles, was Sie wissen müssen, wenn der Job in Gefahr ist.

Bevor sich die Wege im Job trennen, hilft es manchmal zu schweigen

Bevor sich die Wege im Job trennen, hilft es manchmal zu schweigen

Wer die Zeitung aufschlägt, dem stechen täglich Berichte über Massenentlassungen ins Auge - 3900 Stellen entfallen bei Airbus, 6000 bei Bayer, Nokia Siemens Networks baut 6000 bis 9000 Jobs ab. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit ist, wie Umfragen immer wieder zeigen, die größte Sorge der Deutschen. "Plötzlich bin ich und viele Kollegen nur noch Ballast", sagt beispielsweise Walter, 54 Jahre, "Wenn ich in meinem Alter den Arbeitsplatz verliere, so finde ich keinen Arbeitsplatz mehr. Das bedeutet, dass meine Familie und ich in spätestens ein bis zwei Jahren ein Sozialfall sind."

Arbeitsplatzverlust kann auf vielfältige Weise entstehen: durch Kündigung, Betriebsschließung, Verkauf oder Insolvenz der Firma. Für Betroffene haben Inken Wanzek und Christine Rosenboom den stern-Ratgeber "Arbeitsplatz in Gefahr - das sind Ihre Rechte" geschrieben. Seit vier Jahren setzen sie sich täglich mit diesen Problemen auseinander, kennen die Fragen und Ängste der Kollegen. Sie wissen welchen psychischen Druck Arbeitgeber ausüben, um die Unterschrift unter einen Aufhebungsvertrag oder für eine Beschäftigungsgesellschaft zu bekommen.

Frau Wanzek, wie sollen sich Arbeitnehmer, die mit drohendem Arbeitsplatzverlust konfrontiert werden, entscheiden?

An erster Stelle sollte die Überlegung stehen: "Droht mir Hartz IV, oder bin ich anderweitig finanziell abgesichert?" Droht Hartz IV, dann sollte man sich auf jeden Fall mit seinen Chancen in einem Kündigungsschutzprozess auseinandersetzen. Hierin liegt häufig eine große Chance, den Arbeitsplatz zu erhalten. Viele Arbeitnehmer wissen das nicht, haben Angst gegen das Unternehmen zu klagen. Dabei unterlaufen Arbeitgebern gerade bei Kündigungen erstaunlich oft Fehler. Wir haben etwa 200 Kündigungsschutzprozesse begleitet. Diese Kollegen konnten fast alle ihren Arbeitsplatz erhalten und arbeiten wieder in ihrem alten Betrieb. Es lohnt sich also, über seine Rechte Bescheid zu wissen.

Die Arbeitsmarktsituation ist schwierig. Warum unterschreiben dennoch so viele Arbeitnehmer freiwillig einen Aufhebungsvertrag oder gehen in die Beschäftigungsgesellschaft?

Stellenabbau und Mobbing gehören in vielen Unternehmen leider zusammen. Psychischer Druck ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Um diesem Druck zu entgehen, unterschreiben viele Mitarbeiter. Es gibt wirkungsvolle Techniken, wie man Trennungsgespräche überstehen kann. Eine davon ist, während des gesamten Gespräches einfach zu schweigen. Das Arbeitsgericht Berlin hat entschieden, dass eine Firma das 'Nein' eines Mitarbeiters zu einem Aufhebungsvertrag akzeptieren und von weiteren Trennungsgesprächen absehen muss. Weiß man das, dann kann man dem Arbeitgeber unter Hinweis auf dieses Urteil mitteilen, dass man keine weiteren Trennungsgespräche führen möchte. In unserem Buch haben wir dazu einen Musterbrief abgedruckt, um praktische Hilfe anzubieten.

Frau Rosenboom, gerade Konzerne gehen immer mehr dazu über, Betriebe zu verkaufen. Können Arbeitnehmer dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren?

Bis 1972 konnte der neue Betriebsinhaber entscheiden, ob er die Mitarbeiter übernehmen wollte oder nicht. Das hat sich mit der Einführung des Paragraph 613a des Bürgerlichen Gesetzbuch geändert. Heute verliert man durch einen Verkauf des Betriebes seinen Arbeitsplatz nicht mehr. Der neue Arbeitgeber kann aber im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen kündigen. Tarifvertrag und Betriebsvereinbarungen sind für ein Jahr geschützt, Betriebszugehörigkeitszeiten und individuelle Vereinbarungen wie Teilzeit bleiben erhalten. Man kann dem Betriebsübergang zwar widersprechen, muss dann aber beim bisherigen Arbeitgeber mit einer Kündigung rechnen.

Wie wir am Beispiel BenQ gesehen haben, kann die Insolvenz des Unternehmens sehr plötzlich auf Arbeitnehmer zukommen. Ist dann noch etwas zu retten?

An dieser Stelle müssen die Mitarbeiter die Angebote des Insolvenzverwalters wohlwollend prüfen. Hier ist der Gang in eine Beschäftigungsgesellschaft meist ratsam. Gerade BenQ hat gezeigt, dass die Hoffnung, einen Käufer zu finden, nur eine vage Grundlage für die Entscheidung ist, da bei der Sanierung voraussichtlich sehr viele Arbeitsplätze abgebaut werden. Ansonsten muss man Fristen beachten, in denen Insolvenzforderungen wie rückständige Gehälter angemeldet und Insolvenzgeld beantragt werden muss.

Frau Wanzek, immer mehr Arbeitnehmer klagen über Schikanen am Arbeitsplatz. Wer ist besonders betroffen?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mobbing jeden treffen kann, auch den vermeintlich Starken. Doch es gibt spezielle Risikogruppen. Dazu gehören Menschen, die über wenig soziale Kompetenz verfügen, sich also schlecht in die Gruppe integrieren. Auch sehr leistungsorientierte Mitarbeiter sind Mobbing gefährdet, wenn der Chef sie beispielsweise aus Altersgründen loswerden will. Besonders gefährdet sind aber Menschen, die ein starkes Harmoniebedürfnis haben, sich nie wehren und um des lieben Friedens willen schnell nachgeben. Bei ihnen sieht der Chef die größte Chance, dass sie schnell einen Aufhebungsvertrag unterschreiben und er damit sein Abbausoll erreicht.

Wenn Mobbing krank macht, schafft man es, wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren?

Unsere Erfahrung ist, man muss sich von Anfang an wehren. Man sollte sich aber nicht scheuen, ärztliche Hilfe zu suchen. Schreibt einen der Arzt krank, darf das Zuhause-Bleiben nicht zu einer Flucht werden. Das negative Gefühl, danach wieder in die Firma zu müssen, kann so stark werden, dass man bereit ist, seinen Arbeitsplatz aufzugeben. Hier ist es wichtig, sich klar zu machen, welche Folgen dies hat. Als Hartz IV-Empfänger kann man in eine ähnlich verheerende psychische Situation geraten. Wenn man nach einer Krankschreibung wieder in die Firma zurückkehrt, sollte man gleich am ersten Tag den Betriebsrat aufsuchen und mit vertrauten Kollegen essen gehen. Das gibt Sicherheit.

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