Studie zur Zeitarbeit "Die Löhne bröckeln weiter"


Die gute Nachricht: Das Geschäft mit der Zeitarbeit brummt, vor allem Ungelernte und Hilfsarbeiter kommen so an Jobs. Die schlechte Nachricht: Die ohnehin mickrigen Löhne für diese Menschen werden weiter sinken. Das jedenfalls prognostiziert Meinhard Miegel vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft.
Von Lutz Kinkel

Die Zeitarbeit boomt - und die Branche hat noch viel Luft nach oben. Das zeigt eine Studie des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach sind derzeit rund 670.000 Menschen bei Zeitarbeitsfirmen unter Vertrag, das entspricht 1,7 Prozent der Erwerbstätigen. In anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel in Großbritannien, sind es mehr als doppelt so viele. "Die Zeitarbeit hat Potential", sagte IWG-Chef Meinhard Miegel. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Unternehmen können mit Zeitarbeitern schnell und günstig Personallücken stopfen.

Nach den Daten des IWG, das von den CDU-Politikern Kurt Biedenkopf und Meinhard Miegel geleitet und hauptsächlich von großen Unternehmen finanziert wird, sind die Zeitarbeitsfirmen wahre Jobmaschinen: 60 Prozent der Menschen, die in den vergangenen zwölf Jahren bei der Zeitarbeit angeheuert haben, waren zuvor arbeitslos. Und immerhin 10 Prozent bleiben in dem Betrieb "kleben", an den sie ausgeliehen wurden. Dieser Übergang gelingt allerdings hauptsächlich den gut Qualifizierten, und die sind eine kleine Minderheit.

"Das ist nicht schön"

90 Prozent der Zeitarbeit entfallen nach der IWG-Studie auf einfache, eher gering bezahlte Tätigkeiten, zum Beispiel bei der Gebäudereinigung, in Callcentern, im Transportwesen oder in der Produktion der Automobilindustrie. Zeitarbeiter, die solche Jobs machen, verdienen meist wesentlich weniger als die Stammbelegschaft und sind nur wenige Wochen in einer Firma beschäftigt. SPD und Gewerkschaften wollen deshalb eingreifen: Sie würden diese Gruppe lieber heute als morgen mit Mindestlöhnen absichern sowie die Unternehmen verpflichten, ihnen ebenso viel wie der Stammbelegschaft zu zahlen.

IWG-Chef Reinhard Miegel, bekannt als "Kassandra", also als pessimistischer Warner, hält gesetzliche Regelungen für illusorisch. "Wir werden erleben, dass die Löhne weiter abbröckeln", sagte er mit Blick auf die gering oder gar nicht Qualifizierten. Politik und Gewerkschaften können diesen Prozess, der schon seit Jahren im Gange sei, nur abmildern. "Das ist nicht schön, was da passiert", betonte Miegel - aber eben unabänderlich. Selbst wenn es Mindestlöhne bei der Zeitarbeit gebe, würden Firmen Möglichkeiten finden, diesen zu unterlaufen. Oder ihre Fertigung ins Ausland verlegen. Oder gleich ganz vom Markt verschwinden.

Kleine Betriebe in der Klemme

Dieses Problem, so Miegel, stelle sich weniger bei den großen Industriebetrieben. Aber bei den kleinen Läden, beim Friseur und beim Blumenhändler zum Beispiel. Wenn von ihnen höhere Löhne gezahlt würden, müssten sie die Preise erhöhen und würden damit ihre Marktposition gefährden. Einen Korridor, innerhalb dessen sich Niedriglöhne künftig bewegen könnten, ohne die Wirtschaft zu gefährden, wollte Miegel nicht nennen. Die "soziokulturellen Erwartungen", dass jeder von seinem Lohn gut leben könne, werden jedoch nicht zu halten sein.


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