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Tarifstreit: Mehr Lohn - jetzt sind wir dran!

Die Tarifrunde 2008 wird so hart wie lange nicht mehr. Doch die Chancen auf höhere Gehälter sind ungleich verteilt. Wer kann gewinnen, und wer muss sich bescheiden?

Von Roman Heflik und Doris Schneyink

Edgar Bogaletzki sitzt in einem dreckigen Kabuff mitten in der riesigen Halle sechs der Duisburger Hüttenwerke Krupp Mannesmann. Seine Kollegen sehen in ihren silberfarbenen Schutzanzügen aus wie Astronauten, sie arbeiten an den 120 Tonnen schweren, rot glühenden Pfannen, in denen der Rohstahl veredelt wird. "Ein Knochenjob", sagt Bogaletzki, "die Jungs trinken eine Kiste Wasser pro Schicht, weil es so heiß wird." Früher stand er selbst an den Pfannen, inzwischen ist er Vorarbeiter Metallurgie und verdient 3193 Euro brutto im Monat, netto bleiben ihm 1960 Euro.

Lange Zeit war der Stahlarbeiter mit seinem Gehalt ganz zufrieden, doch das ist nun anders. "Das Geld ist in all den Jahren mehr geworden, aber in der Tasche fühlt es sich immer weniger an", sagt der 47-Jährige. Ständig steigen die Preise für Lebensmittel, Gas, Strom und Benzin. Bogaletzki hat zwei Kinder, lebt getrennt von seiner Frau, Rücklagen hat er keine, der letzte Urlaub liegt zweieinhalb Jahre zurück. "In den 90er Jahren konnte ich mir mehr leisten." Dabei arbeitet er in einer absoluten Boombranche: Die Umsätze der deutschen Stahlindustrie sind förmlich explodiert, die Erlöse seit 2003 von 26 auf über 42 Milliarden Euro gestiegen. Nun will Bogaletzki seinen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte: Acht Prozent mehr Lohn fordert die IG Metall für die 108 000 Beschäftigten der Eisen- und Stahlindustrie. Absolut angemessen, findet Bogaletzki. "Da muss richtig was kommen."

Anforderungen steigen, Stunden werden reduziert

Das findet die Erzieherin Ines Wellendorf auch. Die Gewerkschaft Verdi verlangt ebenfalls acht Prozent mehr für die 1,3 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes beim Bund und in den Kommunen. Gemeinsam mit 21 Kolleginnen trägt Wellendorf die Verantwortung für 170 Zwerge, die lärmend durch die Reggio-Kita im thüringischen Gotha toben. Basteln, turnen, spielen und vor allem: lernen. Die Anforderungen an die Erzieherinnen steigen ständig, schließlich sollen die Kitas ein Ort der Bildung sein. "Das alles ist gut, aber es kostet auch Zeit", sagt Ines Wellendorf. Doch davon bleibt ihr immer weniger, ihre Stelle wurde von 40 auf 30 Stunden zusammengestrichen.

Die Einstiegsgehälter für junge Kolleginnen sind massiv gesunken. Zudem seien n Gotha, so Wellendorf, seit der Wende mehr als 300 Erzieherinnen entlassen worden. "In den ganzen Jahren war man froh, wenn man seinen Job behalten durfte", sagt sie. Doch nun ist es vorbei mit der Bescheidenheit. "Überall ist der Aufschwung sichtbar, und der Staat hat riesige Steuereinnahmen. Wir wollen mit den acht Prozent auch, dass man endlich unsere Leistungen anerkennt", sagt die Erzieherin.

Acht Prozent mehr Einkommen - an solche stolzen Forderungen muss man sich in Deutschland erst wieder gewöhnen. Und Stahlarbeiter und Erzieher sind längst nicht die Einzigen, die in der Tarifrunde 2008 ihren Anteil am Aufschwung fordern. So verlangen die Beschäftigten der Chemieindustrie bis zu sieben Prozent mehr, die Kollegen in der Textilbranche 5,5 Prozent, und der Marburger Bund will für die Klinikärzte gar zehn Prozent durchboxen.

"Wir Ärzte waren Duckmäuser"

Der Chirurg Holger Geißler arbeitet in der Notaufnahme des Klinikums Fürstenfeldbruck. Er sagt: "Alle denken immer, wer Arzt ist, hat einen Mercedes, und die Ehefrau fährt Porsche. Aber das galt für einen einfachen Krankenhausarzt noch nie. Ich sage immer, meine drei Kinder sind meine drei Rolls-Royce." Geißlers Augen sind rot gerändert, manchmal arbeitet er bis zu 14 Stunden am Tag, dazu kommen die Nacht- und Wochenenddienste. Seine Bezahlung (4900 Euro brutto plus Zulagen) habe noch nie in einem Verhältnis zu seinem Arbeitspensum gestanden, sagt er. Damit müsse jetzt Schluss sein: "Wir Ärzte waren in der Vergangenheit nicht bescheiden, wir waren Duckmäuser. Wir sollten endlich fordern, was wir wert sind."

Das klingt wie eine Drohung, und so ist es auch gemeint. Die Tarifverhandlungen werden zu einem Machtkampf zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. So entschlossen wie seit Jahren nicht versuchen die Arbeitnehmervertreter das Ruder bei der Lohnentwicklung herumzureißen - trotz Bankenkrise und wachsender Angst vor einer weltweiten Rezession. IG-Metall-Chef Berthold Huber erklärt 2008 zum "Megatarifjahr". Und der Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel kommt zu dem Schluss: "Die Voraussetzungen für erfolgreiche Lohnabschlüsse sind günstig."

Zwar schwächt sich der Aufschwung in Deutschland ab, aber er ist immer noch robust. Viele Branchen haben 2007 Rekordergebnisse eingefahren, die Auftragsbücher sind voll, 40 Prozent der mittelständischen Unternehmen wollen neue Mitarbeiter einstellen. Die Arbeitslosenquote ist gesunken, die Gewinne sind gestiegen - als Folge nimmt der Staat mehr Steuern ein. Die Kommunen erzielten 2007 Überschüsse von 6,4 Milliarden Euro. Städtetagspräsident Christian Ude sagt: "Wir sind zuversichtlich, dass es auch 2008 für viele Städte weiter aufwärtsgeht."

Fairen Anteil am Aufschwung

Seit der Motor der deutschen Wirtschaft wieder schnurrt, hat sich die Stimmung verändert. Jahrelang predigten Politiker und Arbeitgeber Lohnzurückhaltung. Heute fordert niemand mehr: "Wir müssen den Gürtel enger schnallen." Auch Bundespräsident Horst Köhler zeigt Verständnis für die Forderungen der Gewerkschaften: "Das sollte niemanden überraschen." Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagt: "Die Arbeitnehmer haben es verdient, dass sie 2008 mit deutlichen Lohnerhöhungen ihren fairen Anteil am Aufschwung erhalten."

Tatsächlich haben die Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren nur Krümel vom wirtschaftlichen Erfolg abbekommen. Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, spricht von einem "deutschen Sonderweg": "Die Lohnzuwächse sind in Deutschland deutlich hinter der Entwicklung aller anderen Industrienationen zurückgeblieben." 2007 sind trotz des kräftigen Aufschwungs die Tariflöhne im Schnitt gerade mal um 2,2 Prozent gestiegen. Und auch die sind nicht bei allen angekommen: weil Arbeitgeber aus dem Flächentarifvertrag flüchteten oder übertarifliche Zulagen strichen. "Negative Lohndrift" nennen Ökonomen dieses Auseinanderklaffen von Tarifzielen und Gehaltsrealität.

Zudem hat die Große Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Steuern und Abgaben seit 2005 massiv erhöht. Und die Verbraucherpreise steigen ebenfalls kräftig. Die realen Nettolöhne, also das, was nach Steuern, Abgaben und Inflation als Kaufkraft im Geldbeutel bleibt, sind selbst im Aufschwung gesunken und haben das Niveau von 1991 erreicht. "Wir jammern über den schwachen Konsum, aber wenn die Menschen kein Geld im Portemonnaie haben, können sie auch nichts ausgeben", sagt Gustav Horn.

Lohnquote sinkt

Auch die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, geht stetig nach unten. Lag sie im Jahr 2000 bei 72,2 Prozent, so sind es heute nur noch 64,6 Prozent. Zugleich sind die Einkünfte aus Aktien- und Unternehmensgewinnen kräftig gestiegen - allein 2007 um 7,2 Prozent auf 645 Milliarden Euro.

Laut einer Untersuchung von Stefan Liebig, Professor für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen, empfanden in den alten Bundesländern noch vor zwei Jahren 75 Prozent der Erwerbstätigen ihr Einkommen als gerecht. "Heute sind es nur noch 62 Prozent", sagt Liebig. Der Zusammenhang ist eindeutig: Je besser es der Wirtschaft geht, desto größer wird die gefühlte Ungerechtigkeit. Besonders in der Mitte der Gesellschaft wächst der Unmut über die Verteilung der Beute. Stefan Liebig erklärt das so: "Die Qualifizierten spüren, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt und sich damit das Machtgewicht zu ihren Gunsten verschiebt. Sie können bessere Gehälter verlangen."

"Sieben Prozent müssen sein"

Melanie Hempel ist Chemiemeisterin und vollkommen unbescheiden. Die Haare der 27-Jährigen sind pink-schwarz gefärbt, und wenn sie lacht, blitzt ihr silbernes Mundpiercing auf. "Wir haben bei Henkel keinen Grund zum Meckern", sagt sie, "aber sieben Prozent mehr Lohn müssen es dieses Jahr schon sein." Die junge Meisterin leitet im Henkel-Werk Genthin in Sachsen-Anhalt 25 Mitarbeiter, die Wasch- und Spülmittel wie Persil, Vernel oder Pril produzieren. Melanie Hempels Gehalt liegt laut Tariftabelle bei 3218 Euro brutto, doch Henkel zahlt traditionell über Tarif. Hinzu kommen Nacht- und Wochenendzuschläge sowie Leistungsprämien.

Power-Frau Hempel geht es blendend, sie hat sich ein Haus mit einem großen Garten gekauft, gerade war sie für eine Woche auf Lanzarote, "aber eine größere Fernreise will ich dieses Jahr auch noch machen". Die Forderung nach sieben Prozent findet sie trotz ihrer guten Bezahlung gerecht. "Henkel profitiert von uns - und wir von Henkel", sagt die Chemiemeisterin.

Vielen Arbeitgebern und Ökonomen ist dieses Selbstbewusstsein unheimlich. Zu hohe Löhne könnten "allzu leicht ein Ende des Aufschwungs bedeuten", klagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig-Georg Braun. Auch der Tarifexperte Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft warnt vor überzogenen Abschlüssen: "Es ist falsch, Nachschlagsdebatten zu führen, wenn der Höhepunkt der Konjunktur schon überschritten ist. Spätestens wenn der Abschwung da ist, jammern alle über Entlassungen."

"Konsumentengetragenes Wachstum"

Der Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS, Klaus Wellershoff, sieht das ganz anders: "In den vergangenen Jahren war das Wachstum stark getrieben durch das, was die Unternehmen machen, durch Investitionen. Diese Dynamik wird sich verschieben - weg von einem unternehmensgetragenen hin zu einem konsumentengetragenen Wachstum. Das muss nicht schlecht sein. Es ist nur anders."

Anders ist in der Tarifrunde 2008 vor allem: Die Arbeitnehmer haben keinen Sinn mehr für Zurückhaltung. "Wir kennen dieses rituelle Wehklagen zur Genüge", spottet Hubertus Schmoldt, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie. Wenn erfolgreiche Unternehmen wie Nokia selbst rentable Werke wie jenes in Bochum schließen, kommt bei den Arbeitnehmern die Botschaft an, dass Lohnverzicht und Produktivität nicht honoriert werden - zum Beispiel mit einem sicheren Job. Wozu dann noch bescheiden sein?

Melanie Hempel hat keine Angst um ihre Stelle. "Man weiß nie, wie sich die Wirtschaft entwickelt, aber wegen der Löhne wird man unser Werk nicht schließen", sagt sie. Immerhin produziere Henkel auch in Düsseldorf, und die Westlöhne lägen immer noch höher als die im Osten. Zweifellos gehört die Chemiemeisterin zu den Gewinnern auf dem Arbeitsmarkt: Sie arbeitet für ein erfolgreiches Unternehmen in einer Branche, die gutes Geld verdient und in der die Gewerkschaft großen Einfluss besitzt.

Die Verkäuferin Beate Nicolaus aus dem pfälzischen Edenkoben hat das Gefühl, zu den Verlierern zu gehören. "Wir kämpfen gegen Verschlechterungen, die Arbeitgeber wollen Zulagen für Spätdienste streichen, dann verlieren wir bares Geld", sagt die 41-Jährige. Seit sechs Monaten ringen die rund 2,5 Millionen Beschäftigten im Einzelhandel um einen Tarifvertrag. Von sieben Prozent können sie nur träumen: Ungefähr die Hälfte der Beschäftigten sind Teilzeitkräfte oder Minijobber, die sich schlecht organisieren, aber leicht ersetzen lassen. Die Streiks verpufften bisher wirkungslos, die Arbeitgeber heuerten einfach Leiharbeiter an. Beate Nicolaus macht sich keine Illusionen: "Andere Branchen können ein sattes Plus durchsetzen, für uns wird es immer schwieriger."

Solidarität ist Luxus

Die Gewerkschaften haben diese Ungleichheiten längst akzeptiert. Solidarität für andere Branchen ist Luxus geworden. Der Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder sagt: "Früher konnten die starken Gewerkschaften die schwächeren mitziehen. Heute kämpft jeder für sich. Es gibt kaum ein Land, in dem die Unterschiede bei den Löhnen in den letzten Jahren so enorm gewachsen sind wie in Deutschland." Eine Entwicklung, die auch den Unternehmern schaden könnte. Volkswirtschaftler warnen bereits: Schauen die einzelnen Arbeitnehmergruppen nur auf den eigenen Vorteil, kommt es unweigerlich zu mehr Konflikten. Der Streik der Lokführergewerkschaft GDL gibt einen Vorgeschmack auf diese Zukunft.

Spezialisten und Hochqualifizierte haben im Gehaltspoker die besten Karten. Martin Hofferberth, Vergütungsexperte der Unternehmensberatung Towers Perrin, sagt: "Die Unternehmen spüren, dass sie beim Gehalt nachlegen müssen, um besonders Qualifizierte zu halten." Planten viele Firmen mit 3,5 Prozent höheren Personalkosten für 2008, müssten sie jetzt ihre Zahlen nach oben korrigieren. Der Geldsegen erreicht vor allem die gut Ausgebildeten in boomenden Exportbranchen.

Der Weg heißt Bildung

Wissenschaftler Schroeder sieht einen Weg, um die Aufspaltung in Gewinner und Verlierer zu bremsen. Und dieser Weg heiße Bildung. "Wir müssen diejenigen, die von Globalisierung und Lohnkonkurrenz bedroht sind, überzeugen, dass sie sich weiterqualifizieren und ihre Arbeitsplätze sicherer machen." Das sei vor allem Aufgabe der Gewerkschaften.

Melanie Hempel hat diesen Weg längst eingeschlagen: Sie paukt abends Industrie- Englisch und will ein Fernstudium in Maschinenbau beginnen. Davon profitiert nicht nur ihr Arbeitgeber Henkel - auch für sie wird sich das Lernen auszahlen: Als Ingenieurin kann sie auch künftig unbescheidene Forderungen stellen.

Weitere Informationen:

Frank Sieber Bethke, "So kommen Sie zu mehr Gehalt", stern-Ratgeber, Linde Verlag, 176 Seiten, 9,90 Euro

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Roman Heflik und Doris Schneyink