HOME

Unternehmensgründer mit Durchblick: Ein Laser-Auge für Qualität

Als Schadnusch Nejad sich mit lasergestützten Prüfsystemen selbständig machte, zweifelten nicht nur Banken an seiner Geschäftsidee. Doch drei Jahre nach Geschäftsgründung weiß Nejad nicht nur wegen des Umsatzes von "atm vision", dass das Risiko sich gelohnt hat.

Von Ingrid Eißele

Wer ins Innerste des Reichs von "atm vision" vordringen will, zu Herrn Nejad, dem Chef, der muss drei elektronische Sicherheitsschleusen passieren. Der Mann ist besser gesichert als der Arbeitgeberpräsident. Hat er Angst vor Terroristen und Spionen? Nein, lächelt Schadnusch Nejad, zückt seine Steckkarte und öffnet mit elegantem Schwung die Glastür. "Die Vorgängerfirma produzierte Lesekarten für Geldautomaten." Und hat ihm ihre schnüffelsichere Schließanlage hinterlassen.

Eine glückliche Fügung, durchaus nützlich für den Nachmieter, der in einem Glashaus am Rande von Salem Hochtechnologie produziert - "da sollen Unbefugte keinen Zugang haben." Nejad macht hochpräzise Prüfsysteme, die mittels Laser beispielsweise die Schweißnähte von Autokarosserien auf schlechte Lötstellen und Siliziumplatten von Solarzellen auf mikrofeine Risse und Unebenheiten absuchen - eine Art Superauge, das teuren Ausschuss vermeiden soll. Denn solche Fehler lassen sich mit bloßem Auge nicht aufspüren, die bisherigen Verfahren fand Nejad unbefriedigend. Sein System wird direkt in die Produktion integriert und mache sie billiger, besser und sicherer.

Er hatte schon fast ausgesorgt

Schadnusch Nejad, 48, schätzt Sicherheit. Umso erstaunlicher, dass sich der zierliche Mann im eleganten Anzug in das Abenteuer seines Lebens stürzte und eine eigene Firma gründete, obwohl er doch eigentlich schon fast ausgesorgt hatte.

Sein Vater, ein persischer Finanzbeamter, schickte den Sohn mit 18 Jahren nach Deutschland zum Studium. Nejad hatte im nordiranischen Sari eine Eliteschule besucht und sprach fließend englisch, aber kein Wort deutsch. "Deutschland hatte aber bei der Elektrotechnik einen besseren Ruf als die USA", erinnert er sich. Er flog nach Frankfurt, lernte binnen weniger Monate deutsch, machte das Abitur, dann studierte er an der Fachhochschule Mainz-Bingen Elektrotechnik. Nebenbei jobbte er als Kellner und gab Mitschülern Nachhilfe in Mathe und Physik. Der strebsame Sohn legte eine Traumkarriere hin. Seine erste Stelle fand Nejad bei Bosch, er blieb zwölf Jahre, aber in einem so großen Unternehmen "hätte ich nicht so schnell Vorstandsmitglied werden können", sagt er mit feinem Lächeln. Das schaffte er binnen kurzem durch einen Wechsel zum Automatisierungskonzern Rohwedder. Später flog er als Vorstandsmitglied des Eletronikunternehmens IPTE um die Welt und kümmerte sich um die 14 Niederlassungen der Firma.

Wenn so einer aussteigt und sein eigenes Unternehmen gründet, müssen doch alle Türen aufgehen? Irrtum. Auch Topmanager Nejad machte die Erfahrung, dass es schwer ist, ganz klein anzufangen. Sogar, wenn man viel Erfahrung mitbringt und einen "super Geschäftsplan", wie er sagt. "Wir hätten nie eine Firma gegründet, wenn nicht der komplette Businessplan für unser Produkt gestanden hätte."

Ein halbes Jahr lang Märkte sondiert

Wir, das sind Ehefrau Kathleen, 33, und er. Ein halbes Jahr lang hatte Kathleen Nejad, die er bei Bosch kennen gelernt hatte, potenzielle Märkte und Kunden sondiert. Sie weiß, wie das geht. Sie hat internationales Management studiert und bei Firmen in den USA, Asien und Australien gelernt, wie man Produkte international vermarktet.

Vorausschauend wie zwei Schachspieler begaben sich die beiden auf den Markt. Ein Unternehmen zu gründen sei heute viel härter, sagt Nejad. "Man kann sich kaum mehr einen Fehler leisten." Er treffe deshalb selten Bauchentscheidungen. "Kein Banker würde sich auf jemand verlassen, der sich nur auf seinen Bauch verlässt." Kathleen Nejad hatte nicht nur die Kosten für die Entwicklung ihres Produkts, sondern auch Folgekosten für die Weiterentwicklung einkalkuliert.

Nur das Zutrauen der Banken fehlte

Alles war da, nur eines fehlte: Das Zutrauen der Banken. Nejad klapperte eine nach der anderen ab. Er wollte eine halbe Million Euro, um mit der Entwicklung beginnen zu können. Vielleicht war seine Idee zu modern, rätselt er. "Das war absolutes High Tech. Sie konnten sich offenbar nicht recht vorstellen, dass man dafür Abnehmer findet. Die wollten etwas Fassbares". Auf dem private-equity-Markt hätte er bestimmt Kapitalgeber gefunden. "Aber wir wollten uns nicht gleich in eine Abhängigkeit bringen."

Er bat um Fördergelder. Auch hier: Absagen. "Sie sind doch ein vermögender Mensch, Sie können doch erst mal selbst investieren", bekam er zu hören. Genau so machte er es schließlich. Er riskierte sein Privatvermögen, mehr als eine halbe Million Euro. Damit bezahlte er zehn Monate lang die Gehälter seiner vier Angestellten, das seiner Frau und sein eigenes Honorar. Wie schaffte er es, nicht nervös zu werden? Immerhin muss er als Familienvater für zwei kleine Kinder sorgen, für Fabienne, 5, und die vierjährige Julienne. "Ich wusste einfach, dass unser Produkt gut ist", sagt er.

Einzig die Sparkasse in Pfullendorf-Meßkirch gewährte ihm einen günstigen Überziehungskredit. Das habe ihn gefreut, sagt Schadnusch Nejad. "Nicht wegen des Geldes, sondern dass mir jemand überhaupt Glauben schenkte."

Vertretungen in China, Taiwan und Singapur

Das Vertrauen hat sich bezahlt gemacht. Nach dem mageren Anfangsjahr macht die Firma, gerade mal drei Jahre alt, einen Umsatz von 2,5 Millionen Euro. Nejad gründete bereits Vertretungen in China, Taiwan und Singapur. In der Solarindustrie herrsche Goldgräberstimmung "wie zu Zeiten der New Economy", sagt er. Besonders in China, das seine Energieprobleme lösen muss und deshalb in die Solarproduktion drängt. "Die brauchen unser Produkt, um Qualität zu produzieren."

Die Firma soll schleunigst wachsen - aber mit Plan. Sein Dreijahresplan sieht 60 Mitarbeiter vor, in fünf Jahren sollen in Salem hundert Leute arbeiten. Softwareentwickler, Produktmanager, Konstrukteure. Die gilt es erst mal zu finden. "Das ist derzeit unser größtes Problem", bekennt er. Er bietet weniger Gehalt als Großunternehmen, dafür mehr Verantwortung. Nejad kann delegieren, das hat er in den Großunternehmen gelernt. Wenn er auf Reisen ist, läuft die Firma inzwischen auch ohne ihn. "Hier wird man gefordert, anderes als an der Uni", sagt Philipp Sauer, 26, und sieht durchaus nicht unglücklich aus. Sauer ist noch Diplomand an der Technischen Hochschule in Karlsruhe und arbeitet seit vier Monaten als Entwickler bei ATMvision, die ihn schon nach Taiwan schickte, um Kunden zu beraten. Im kommenden Jahr soll er nach China.

Er ist häufiger zuhause als früher

"Im Großunternehmen bist du immer ein kleines Rad", sagt Kathleen Nejad. Sie drängte ihren Mann schon seit Jahren zur Selbständigkeit. Die Unabhängigkeit tue auch der Familie gut. Ehemann Schadnusch ist häufiger zu Hause als früher. Es reicht gelegentlich sogar zu einem Badeausflug an den Bodensee. Dennoch wird Schadnusch Nejad immer wieder von Managerkollegen gefragt, warum er diese Torheit begangen habe, den Job eines Vorstandsvorsitzenden aufzugeben. Warum eigentlich nicht, fragt er dann zurück. "Ich bin doch jetzt auch wieder Vorstandsvorsitzender" - von 22 Mitarbeitern und einer kleinen AG, die groß werden und irgendwann vielleicht an die Börse gehen will.

Der Sparkasse Pfullendorf will er übrigens auch dann treu bleiben. "Mit dieser Bank werde ich auch in Zukunft zusammenarbeiten", sagt er. Den Dispo-Kredit hat er nie gebraucht.

print