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Ära Schrempp: Macht liegt schon bei Zetsche

Zum Stellenabbau bei Mercedes hat die Belegschaft bislang kein Wort von Schrempp gehört. Obwohl er offiziell noch 93 Tage den Automobilriesen führt, hat sein Nachfolger Zetsche faktisch bereits die Macht übernommen.

Es ist ruhig um Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp geworden. Auf der Automesse IAA zeigte sich der Manager, der nach 44 Jahren im Unternehmen Ende Dezember in Rente geht, nur ein paar Minuten an der Seite von Kanzler Schröder, in München mischte er sich bei einer Party von Promi-Gastronom Käfer unter die Leute. Zum Stellenabbau bei Mercedes hat die Belegschaft bislang kein Wort von Schrempp gehört. Obwohl der 60-Jährige offiziell noch 93 Tage den Automobilriesen führt, hat sein Nachfolger Dieter Zetsche faktisch bereits die Macht übernommen.

Dass in Stuttgart jetzt ein anderer Wind weht, machte der Chrysler-Sanierer und neue Mercedes-Chef in einem Brief an die Mercedes-Mitarbeiter deutlich. Zetsche redet darin Klartext: Bei der Nobelmarke seien die Kosten in jeder Hinsicht zu hoch, die Konkurrenz einfach besser. Dies kann auch als Kritik an der Ära Schrempp und dem früheren "Mister Mercedes" Jürgen Hubbert verstanden werden.

"Es herrschte der Glaube, es wird schon alles gut"

Das langjährige Führungsduo ließ sich noch vor gut einem Jahr für den Pakt mit dem Betriebsrat feiern, der die Kosten in der Mercedes Car Group um 500 Millionen Euro senkte. Umgekehrt gab der Konzern eine Job-Garantie bis 2012 und muss nun bis zu 8500 Mitarbeiter teuer aus ihren Verträgen herauskaufen. Vor noch härteren Einschnitten schreckten Schrempp und Hubbert zurück - auch um den Frieden mit Betriebsrat und IG Metall nicht zu gefährden.

"Es ist unverständlich, warum der Stellenabbau nicht schon damals in das Paket mit aufgenommen worden ist", sagt Analyst Michael Raab von der Privatbank Sal. Oppenheim. Sein Kollege Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler teilt die Kritik: "In der Einschätzung ist in der Vergangenheit einiges falsch gelaufen. Es herrschte wohl der Glaube, es wird schon alles gut werden."

"Irgendwo bei Daimler brennt es immer"

Schrempp-Gegner sehen darin fast schon ein Leitmotiv seiner zehnjährigen Konzernherrschaft. Fokker, Chrysler, Mitsubishi, smart, Mercedes - die Liste der Problemfälle des einst "Rambo" genannten Managers ist lang. Das geflügelte Wort, "irgendwo bei Daimler brennt es immer", ist in der Branche ein Klassiker. Über zwei Milliarden Euro müssen die Stuttgarter allein in diesem Jahr in die Sanierung von Smart und Mercedes stecken. In der Substanz ist der Konzern aber immer stark genug gewesen. Und zu Schrempps Stärken gehört unbestritten, im letzten Moment stets die Kurve gekriegt zu haben.

Von Zetsche erwartet der Finanzmarkt nun, dass er das Unternehmen ohne Zick-Zack-Kurs in ruhige Fahrwasser bringt. Das spiegelt auch der stark gestiegene Kurs der Daimler-Chrysler-Aktie wider. "Er nutzt jetzt wie Bernhard bei VW die Chance, zu Beginn seiner Amtszeit die Grausamkeiten durchzusetzen", sagt Metzler-Experte Pieper. Der Stellenabbau werde die Personalkosten bei Mercedes um etwa 400 bis 500 Millionen Euro pro Jahr reduzieren. Wenn es auf den Weltmärkten keinen Einbruch gibt, wird Zetsche wahrscheinlich schon 2006 und 2007 glänzende Konzernergebnisse vorlegen können.

Tim Braune/DPA

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