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Angela Merkels Euro-Marathon: Gipfelstürmerin im blauen Samtjackett

Es war ein Tag, auf den die Welt schaute. Entscheidung im Bundestag, Euro-Gipfel in Brüssel. Mittendrin flitzte eine Frau im blauen Samtjackett umher und wies die Banken in die Schranken.

Von Friederike Ott

Am 26. Oktober, dem Tag, an dem Angela Merkel den Euro retten soll, beginnt die Welt um kurz vor zwölf auf die deutsche Kanzlerin zu schauen. Sie betritt den Bundestag in einem euroflaggenblauen Samtblazer, der wirkt wie ein Symbol dafür, dass es heute um alles geht. Um die Europäische Union, den Euro, die Finanzwelt. Und sie, Merkel, ist fest entschlossen, all das zu retten.

Um kurz nach zwölf ertönt der Gong. Nun ist es Zeit für die Kanzlerin, ihre Regierungserklärung abzugeben. Sie weiß, dass es heute im Bundestag um viel geht. Wenn die Abgeordneten nicht hinter ihr stehen und grünes Licht für die Erweiterung des Rettungsschirms EFSF geben, dann sieht es schlecht aus für den Euro, die Europäische Union und für sie, die Kanzlerin, die es nicht geschafft hat, ihr eigenes Parlament hinter sich zu vereinen. Deshalb gibt sie sich große Mühe, konziliant zu wirken. Sie appelliert so leidenschaftlich wie selten an die Abgeordneten, die größte Belastungsprobe der Wirtschaft- und Währungsunion zu meistern.

Kurz nach 15 Uhr: Die erste große Hürde des Tages hat die Kanzlerin genommen. Das Parlament hat ihr den Rücken gestärkt und für die Erweiterung des Rettungsschirms gestimmt. Ganz knapp hat sie sogar eine eigene Kanzlermehrheit bekommen. Nur neun Widersacher in ihrer Fraktion stimmten mit „Nein“, darunter Wolfgang Bosbach (CDU) und Peter Gauweiler (CSU). Doch die Kanzlerin kann nur einmal tief durchatmen und muss schnell weiter in den Flieger nach Brüssel. Dort warten die übrigen 26 Staats- und Regierungschefs der EU-Länder, später wird es unter den Vertretern der 17 Euro-Ländern und den Banken richtig zur Sache gehen. Es ist ein großer Tag für Europa, die Kanzlerin darf sich keinen Fehler erlauben.

Es ist ein heißes Gefecht, ein Feilschen und Ringen

Kurz nach 20 Uhr: Angela Merkel hat in Brüssel den ersten Gipfel hinter sich, das Treffen der 27 EU-Länder. Auch die Länder, die nicht den Euro als Währung haben, wollen in die Entscheidungen miteinbezogen werden. Großbritannien etwa fürchtet, dass sich die Schuldenkrise auf die eigene Wirtschaft auswirkt.

Dieses erste Treffen ist eine vergleichsweise leichte Übung für die Kanzlerin. Die Eckpunkte für die Rekapitalisierung der Banken sind zuvor von den Finanzministern beschlossen worden. Und nach dem Treffen ist dann auch klar: Die Banken müssen sich in der Schuldenkrise besser gegen Risiken wappnen und ihr Kapital aufstocken. Bis zum 30. Juni haben sie dafür Zeit und müssen neun statt bisher vier Prozent Kernkapital bereithalten. Die Banken brauchen jetzt 106 Milliarden Euro. Das wird die Europäische Bankenaufsicht später in der Nacht verkünden.

Um kurz vor neun beginnt der Showdown, das Treffen der Eurogruppe wird mit 90 Minuten Verspätung eröffnet. Es ist ein heißes Gefecht, ein Feilschen, Diskutieren und Ringen um Positionen. Merkel und Sarkozy wollen zusammen den Druck auf die Banken erhöhen. Sie wollen das sogar persönlich mit den Bankenchefs klären, verkünden sie.

Auch um kurz vor zwölf ist noch nicht klar, wie stark die Banken bluten müssen

Dann geht es Schlag auf Schlag: Um 21 Uhr will Italiens Premier Silvio Berlusconi ein Reformkonzept vorlegen, um die hohen Schulden seines Landes in den Griff zu bekommen, um das Wachstum zu stärken. Der Druck auf den umstrittenen Italiener ist groß, auch die Schulden seines Landes gefährden die Eurozone. Dann, um viertel vor zehn, sind Merkel und die anderen Euro-Regierungen entschlossen, den Hebel für den Euro-Rettungsschirm EFSF zu bedienen. So soll seine Schlagkraft auf etwa eine Billion Euro erhöht werden. Bisher reicht er „nur“ für eine Kreditsumme von 440 Milliarden Euro.

Um viertel nach zehn ist klar, dass die Börsen mit den Ergebnissen des Gipfels von Merkel und Co zufrieden sind. Der Dow-Jones-Index hat bei einem Plus von 1,4 Prozent geschlossen. Besonders die Banken legen zu, noch wissen sie nicht, wie die Entscheidung über den Schuldenschnitt ausfällt.

Auch um kurz vor zwölf ist noch nicht klar, wie stark die Banken bluten müssen. Davon hängt ab, wie groß das staatliche Rettungspakete für die Griechen ausfallen muss.

"Es ist den Banken nichts anderes übrig geblieben"

Um Mitternacht verkündet die Europäische Bankenaufsicht, wie viel Geld die Banken brauchen. Die deutschen Banken kommen mit 5,2 Milliarden frischem Kernkapital noch recht glimpflich weg. Griechenlands Geldhäuser benötigen 30 Milliarden Euro, um nicht wieder in eine Krise zu schlittern.

Es geht auf ein Uhr morgens zu und Merkel und Sarkozy knöpfen sich nun wie angekündigt die Banken vor. Dafür wird der Gipfel unterbrochen. Die Banken winden und sträuben sich. Es ist ein zähes Ringen. 50 Prozent. Darauf sollen die Geldhäuser verzichten. Merkel und Sarkozy bleiben hart. Um halb vier morgens ist dann endlich klar: Die Banken müssen auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Eurogruppenchef Juncker sagt: "Es ist ihnen nichts anderes übrig geblieben."

Um halb fünf ist die Kanzlerin noch immer auf den Beinen und sieht noch immer aus wie am Mittag im Bundestag im blauen Samtjackett, nur die Augenringe sind tiefer geworden. Sie ist müde, aber zufrieden. "Wir haben heute Nacht gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse aus der Krise ziehen", sagte sie. "Mir ist sehr bewusst, dass die Welt heute auf diese Beratungen geschaut hat." Zehn Stunden haben sie gedauert. Dann steigt sie in ihre Limousine. Nicolas Sarkozy ist wenige Minuten zuvor abgereist.

  • Friederike Ott