AOL-Stellenabbau Warten, wen's erwischt

5000 Mitarbeiter werden die Internetfirma AOL bis spätestens Anfang 2007 verlassen müssen. Ob deutsche Angestellte betroffen sind, will das Unternehmen nicht bestätigen. Ein AOL-Mitarbeiter sagte, die Jobangst sei längst zur Gewohnheit geworden.

Der amerikanische Internet-Dienstleister AOL trennt sich mit einem Strategiewechsel von bis zu 5000 Stellen, unter anderem durch den Verkauf des Online-Zugangsgeschäfts in Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Von den am Donnerstag der Belegschaft vorgelegten Plänen ist etwas mehr als ein Viertel der rund 19.000 AOL-Beschäftigten betroffen. In Europa könnte eine erhebliche Zahl der Mitarbeiter beim Kauf des Bereichs vom neuen Besitzer übernommen werden. AOL beschäftigt in Europa 3000 Mitarbeiter.

Die deutliche Stellenreduzierung steht im Zusammenhang mit der in dieser Woche angekündigten Umstellung auf kostenlose E-Mail und andere Dienste für AOL-Kunden, die Breitband-Zugang zum Internet haben. Dadurch will AOL mehr Online-Werbekunden gewinnen und besser mit den Hauptkonkurrenten Google, Yahoo! und MSN von Microsoft konkurrieren. Durch die geänderte AOL-Geschäftsstrategie wird erheblich weniger Personal für Marketing, Werbung, Infrastruktur und den Kundendienst benötigt.

Auf der Suche nach Käufern

"AOL Deutschland steht in intensiven Verhandlungen mit Käufern für das Zugangsgeschäft", sagte der Sprecher von AOL Deutschland, Jens Nordlohne, am Freitag der dpa in Hamburg. Wegen dieser Gespräche seien Diskussionen um einen Stellenabbau "eine einzige Spekulation". In Deutschland sind 1500 Mitarbeiter an den Standorten Hamburg, Duisburg und Saarbrücken beschäftigt. Deutschland sei nach den USA für AOL der wichtigste Markt, ergänzte der Sprecher.

"Man gewöhnt sich an die Angst"

"Wir haben auch erst heute früh aus der Zeitung erfahren, dass AOL Entlassungen plant", so ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will, in der Hamburger AOL-Zentrale gegenüber stern.de. Angst vor Kündigung herrsche aber momentan aber nicht, "wenigstens nicht mehr als sonst, schließlich geht es AOL schon länger schlecht. Irgendwann verdrängt man die Angst". Außerdem sei es wahrscheinlicher, dass AOL eher in den Call Centern des Unternehmens in Saarbrücken und Duisburg Stellen abbauen würde als in Hamburg, wo Verwaltung, Marketing und Redaktionsteam von AOL sitzen.

In Frankreich verhandelt AOL exklusiv mit Neuf Cegetel über das französische Zugangsgeschäft. Der Verkauf des Zugangsgeschäfts der AOL Europe mache Fortschritte und man hoffe, dass im Herbst Vereinbarungen erzielt werden könnten, hatten AOL und die Mutterfirma Time Warner, der weltgrößte Medienkonzern, bereits am Mittwoch vor Analysten mitgeteilt. Dem Vernehmen nach müssen potenzielle Käufer Mitarbeiter übernehmen.

Auch die Onlineausgabe der "New York Times" vom Freitag berichtete, eine erhebliche Zahl der europäischen Mitarbeiter könnte von den Käufern behalten werden. Weitere 2000 Jobs, vor allem in den amerikanischen Service-Zentren, würden dagegen gestrichen. AOL werde im laufenden und kommenden Jahr Sonderbelastungen von 250 bis 350 Millionen Dollar in Kauf nehmen, um Abstandszahlungen zu machen, das Geschäft zu reduzieren und andere Kosten zu tragen. AOL habe seit dem Jahr 2000 bereits 4700 Stellen gestrichen.

Einsparungen von einer Milliarde Dollar

AOL erwartet bis Ende 2007 durch Restrukturierungsmaßnahmen Belastungen von bis zu 350 Millionen Dollar. Zugleich plant das Unternehmen, seine Betriebskosten im kommenden Jahr um mehr als eine Milliarde Dollar zu kürzen. Die Aktien der AOL-Mutter Time Warner gingen am Donnerstag mit 0,12 Prozent im Minus bei 16,65 Dollar aus dem Handel.

Am Mittwoch hatte AOL erklärt, dass der Verkauf seines Internet-Zugangsgeschäfts in Europa auf gutem Wege sei. Das Unternehmen sei zuversichtlich, dass der Verkauf bis Herbst über die Bühne gehe. Für das Internet-Zugangsgeschäft von AOL Deutschland sind neben den Internet-Anbietern United Internet und Freenet die Telekom-Konzerne Telecom Italia, KPN und Versatel für die nächste Bieterrunde ausgewählt worden, wie eine mit dem Verkaufsprozess vertraute Person sagte. „Mitte August werden die Gebote in der zweiten Runde erwartet.“ Für das britische AOL-Zugangsgeschäft böten BSkyB, Orange und Carphone Warehouse, hieß es von der mit dem Verkauf vertrauten Person. In exklusiven Gesprächen für das französische Zugangsgeschäft von AOL ist Neuf Cegetel. Das Unternehmen biete rund 300 Millionen Euro, hieß es in den Kreisen.

Kundenbindung durch Umsonst-Angebote

AOL hatte zudem angekündigt, seinen Breitbandkunden keine Gebühren mehr für E-Mail- und andere Internetdienste berechnen. Mit dem Strategiewechsel will das Unternehmen mehr Besucher auf ihre Seiten locken und mit Werbung Geld verdienen. Das Gratis-Angebot zielt vor allem auf Nutzer ab, die über andere Anbieter ins Internet gehen, aber ihre E-Mail-Adresse bei AOL behalten wollen. AOL hatte viele seiner Kunden an Konkurrenten wie Google und Yahoo verloren, die diese Dienste schon lange umsonst anbieten.

Reuters


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