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BAHN: Kommt Entschädigung bei Zugverspätung?

Wie bei einigen verspäteten Flügen üblich, könnten bald auch Bahnkunden bei Zugverspätungen die Nacht im Hotel verbringen - natürlich auf Kosten der Bahn.

Die Deutsche Bahn soll voraussichtlich ab kommendem Jahr bei Zugverspätungen für Schäden ihrer Kunden haften. Ein geplantes Gesetz verspricht Entschädigung, wenn zum Beispiel abends die letzte Zugverbindung platzt und eine Übernachtung fällig wird. Das Bundesverkehrsministerium bestätigte am Donnerstag einen entsprechenden Bericht des »Handelsblatts«. Die Bahn und der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßten den Plan, mit dem bisherige Entschädigungen auf Kulanzbasis verbindlich geregelt würden.

Bahn erwartet wenig Änderung

Der Gesetzentwurf setzt nach Angaben eines Ministeriumssprechers das Übereinkommen über den internationalen Eisenbahnverkehr (COTIF) von 1999 um. Für den Kunden wird sich letztlich wenig ändern, da die Bahn schon jetzt auf Kulanz so entschädigt, wie es künftig vorgeschrieben ist. Dies betonte auch die Bahn. »Entschädigungen im Verspätungsfall sind bei der Deutschen Bahn bereits übliche Praxis«, erklärte das Unternehmen in Berlin.

Momentan keine Ansprüche bei Verspätung

Pro Bahn erwartet dennoch Verbesserungen für die deutschen Bahnkunden. Die derzeitige Gesetzesgrundlage stammt »aus Kaisers Zeiten und ist entsprechend kundenunfreundlich«, sagte Pro-Bahn-Sprecher Frank von Meißner. »Derzeit hat der Fahrgast bei Verspätungen keinerlei Ansprüche gegen die Bahn.« Der Verband gesteht der Bahn zu, dass sie sich um Kulanz bemüht, wie Meißners Kollege Karl-Peter Naumann im NDR sagte. Allerdings muss ein Kunde zunächst Geld vorstrecken, wenn ihm abends der letzte Zug vor der Nase weggefahren ist und er aufs Taxi umsteigen oder übernachten muss. Erst nachträglich kann er um Entschädigung bitten. Mit dem Gesetz könnten die Kunden nun die Bahn im Streitfall verklagen.

Jeder zehnte Zug hat Verspätung

Die Bahn räumte ein, dass jeder zehnte Zug zu spät kommt. Allerdings ist sie damit nach eigenen Angaben »das zuverlässigste Verkehrsmittel überhaupt«. Laut »Handelsblatt« spielen Verspätungen und der geplante neue Rechtsanspruch vor allem im Nahverkehr eine wichtige Rolle.

Weiter gehende Schadensersatzansprüche angemahnt

Meißner verwies darauf, dass die Neuregelung vor allem angesichts der geplanten Umstellung der Bahn-Tarife wichtig wird. Denn künftig sollen Kunden zunehmend verpflichtet werden, bestimmte Zugverbindungen vorzubestellen. Es muss dann aber sicher gestellt werden, dass die Passagiere bei Verspätungen ohne weiteres auch andere Züge benutzen können. Schadensersatz wäre zudem angebracht, wenn Fahrgäste wegen einer verspäteten Bahn ihren Ferienflieger oder zum Beispiel ein Konzert verpassen, meinte Meißner.

Ministerium blockt ab

Eine derartig weit reichende Schadensersatzregelung für so genannte Folgeschäden ist allerdings nach Angaben des Ministeriums nicht geplant. Dies kritisierte der Verkehrsclub Deutschland. Das geplante deutsche Gesetz kann nur ein Anfang sein.

Bahn betont Verhältnismäßigkeit

Die Bahn verlangte die Wahrung der Verhältnismäßigkeit bei allen künftigen gesetzlichen Regelungen. Derzeit werden bei Verspätungen von mehr als 90 Minuten Gutscheine über 50 Mark ausgegeben, in ICE-Zügen wird ab 30 Minuten Verspätung der Zuschlag für die nächste ICE-Fahrt erlassen. Dies hält sie für verhältnismäßig.

Auch EU-Kommission plant Entschädigung

Außerdem wird in einem Arbeitspapier der EU-Kommission darauf hingewiesen, dass angestrebte Regelungen zur Entschädigung von Fluggästen auch auf andere Verkehrsträger ausgedehnt werden könnten. »Es gibt allerdings derzeit keine konkreten Vorschläge für Entschädigungen bei Zugverspätungen«, betonte ein Sprecher von EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio in Brüssel. Dort wird allgemein darüber nachgedacht, die Rechte von Passagieren zu stärken.

Entschädigungen, etwa in Form von Frei-Fahrscheinen oder Rückerstattungen, gibt es auf Kulanzbasis bereits auf den Linien des französischen Hochgeschwindigkeitszuges TGV oder auch beim Eurostar, der den europäischen Kontinent mit Großbritannien verbindet.