Deutsche Bahn Streiks von Hamburg bis Freiburg


Wegen Warnstreiks im Tarifkonflikt bei der Bahn müssen sich Pendler und Fernreisende am Montag bundesweit auf erhebliche Störungen im morgendlichen Berufsverkehr einstellen. Von Gewerkschaftsseite hieß es, die Bahnbediensteten wollten diesmal "schlicht mehr Geld".

Bahnkunden müssen am Montag schon im morgendlichen Berufsverkehr mit zahlreichen Zugverspätungen und Ausfällen rechnen. Die Gewerkschaften Transnet und GDBA kündigten am Sonntag Warnstreiks mit regionalen Schwerpunkten im Südwesten und den neuen Ländern an. Auswirkungen dürften aber auf dem gesamten Netz zu spüren sein. Eine Annäherung der Standpunkte im laufenden Tarifkonflikt war nicht zu erkennen; vielmehr kündigten die Gewerkschaften tägliche Streiks in der gesamten Woche an. Zum Protest aufgerufen sind zunächst einige Hundert Beschäftigte an Bahnhöfen, in Stellwerken und beim Fahrpersonal.

"Kunden werden betroffen sein"

Die nicht in die Verhandlungen mit der Deutsche Bahn AG eingebundene Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) hatte bereits vor einigen Tagen Streiks angekündigt. Ihr Vorsitzender Manfred Schell sagte im "Tagesspiegel am Sonntag" "massive Behinderungen in alle Richtungen, nach Hamburg, München und nach Frankfurt am Main" voraus. Der Arbeitskampf solle "flächendeckend über alle Transportbereiche, also im Güter-, Fern- und im Regionalverkehr" stattfinden.

Die GDL will bis zu 10.000 Streikende mobilisieren. Die stellvertretende Transnet-Vorsitzende Regina Rusch-Ziemba sprach von "zunächst einigen 100" Gewerkschaftern. Es gebe aber zahlreiche Steigerungsmöglichkeiten. "Dass Kunden betroffen sein werden, wird leider unumgänglich sein", sagte GDBA-Vize Heinz Fuhrmann.

Kaum eine Region nicht betroffen

Die Protestaktionen sollen am frühen Montagmorgen in Dortmund beginnen. In Thüringen soll vor allem der Bahnhof Erfurt betroffen sein. Durch Warnstreiks in Stellwerken werde auch der Zugverkehr von und nach Magdeburg behindert, hieß es. In Bayern ist in Kempten ein Warnstreik geplant. Dies werde auch den Verkehr zwischen München, Ulm und Stuttgart beeinträchtigen. Im Nordosten sind unter anderem Beschäftigte in Wismar und Rostock zum Warnstreik aufgerufen, Auswirkungen sollen bis nach Berlin zu spüren sein. Auch in Hamburg und Frankfurt/Main sind Aktionen geplant.

Die Gewerkschaften haben eine Aussetzung ihrer Warnstreik-Aktionen von einem neuen Gesprächsangebot der Arbeitgeber abhängig gemacht. Die letzte Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern war in der Nacht zum Sonntag ohne nennenswerte Zugeständnisse zu Ende gegangen. Um Mitternacht endete die Friedenspflicht.Zuletzt hatten die Arbeitgeber in der zweiten Runde am Dienstag eine Einmalzahlung von 300 Euro für rund 134.000 Bahnbeschäftigte sowie Erhöhungen um jeweils zwei Prozent für 2008 und 2009 angeboten. Das hatten Transnet und GDBA als "Almosen" abgelehnt. Bis zu 31 Prozent mehr Geld fordert die GDL.

Bahn-Hotline informiert

Die Bahn hat unter der

kostenfreien Telefonnummer 08000-996633

eine Hotline eingerichtet, unter der sie über die aktuelle Situation informiert. Nach Angaben von Personenverkehrs-Sprecher Achim Stauß wurden dort bis Sonntagmittag rund 10.000 Anrufe gezählt. Auch auf der Website www.bahn.de sind aktuelle Informationen verfügbar.

"Unsere Forderung passt auf einen Bierdeckel", sagt Regina Rusch-Ziemba, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Transnet. "Und wir wollen auch ein Ergebnis, das auf einen Bierdeckel passt." Das Motto, mit dem Transnet und die mit ihr Seit’ an Seit' kämpfende Ex-Beamtengewerkschaft GDBA sogar einen kleinen Modellbahn-Kesselwagen haben bedrucken lassen, lautet: "Du bist mehr wert." Mehr heißt: sieben Prozent, mindestens aber 150 Euro. Dafür wird jetzt gestreikt. "Unsere Mitglieder wollten diesmal keine Strukturverhandlungen, sondern schlicht mehr Geld", sagte Rusch-Ziemba am Sonntag in Berlin.

Vorbild der Lokführer: die Piloten

Einige Eisenbahner untermalten dies demonstrativ, indem sie Arbeitgeber-Verhandlungsführer Werner Bayreuther ihre persönlichen Bilanzen in die Hand drückten, die sich etwa aus der Aufrechnung früherer Einkommensrunden gegen Inflationsrate, Mehrwertsteuer- und Sozialabgabenerhöhung und Zulagenabschmelzung ergeben - bis zu minus 21 Prozent in vier, fünf Jahren.

Für reichlich Druck im Kessel sorgt eine Organisation, die gar nicht mit in die Verhandlungen eingebunden ist: die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Sie streikt in der kommenden Woche, egal, was Verhandlungen ergeben. Sie hat noch nicht mit den Arbeitgebern verhandelt - beide Parteien beschuldigen einander, Gesprächsangebote regelmäßig ausgeschlagen zu haben. Doch sie fordert Strukturänderungen, die teilweise Entgelterhöhungen von 31 Prozent zur Folge haben würden, und einen Spartentarifvertrag, wie es vor einigen Jahren erfolgreich die Vereinigung Cockpit für die Piloten vorexerziert hat.

16 Lokführer oder vier Fahrdienstleiter

In die Röhre schaut dabei erst einmal der Bahnkunde: Montagmorgen streikt die Tarifgemeinschaft aus GDBA und Transnet, Montagnachmittag vielleicht die GDL. Die Faustregel lautet: Bundesweit 16 Lokführer in ihren Maschinen an den richtigen Weichen oder auch nur vier Fahrdienstleister an zentralen Leitstellen im Ausstand, und der Zugverkehr in Deutschland ist chaotisiert. Maschinenteile kommen nicht mehr just-in-time ans Fließband, Bahnpendler zu spät an den Arbeitsplatz, der Autoverkehr in Ballungsräumen bricht zusammen. Wie lange das der Arbeitgeber aushält, ist die Frage.

Bahnchef Hartmut Mehdorn wird nicht müde zu beschwören, dass in Deutschland die "beste Bahn, die wir je hatten" unterwegs ist, und dass er zufriedende Mitarbeiter will. Außerdem muss er seinen Track Record - die seit Jahren stets aufsteigende Treppe der Rendite des Bahnkonzerns - weiter hoch halten. Sie sieht für 2007 mindestens 1,2 Milliarden Ergebnis vor Steuern aus dem normalen Betrieb vor. Sonst geht der Zirkus mit dem Streit über die Privatisierung wieder von Neuem los, der gerade am vergangenen Donnerstag ausgestanden schien. Da hatten sich die betroffenen Bundesministerien nach einem halben Jahr Differenzen aller Art auf einen Gesetzentwurf geeinigt. Der soll ausgerechnet am Montag an Verbände, Parteien und die EU-Kommission verschickt werden, bevor er im Kabinett gebilligt werden kann. Verschickt wird er aber mit der Post oder per E-Mail. Da hält sich die Verspätung in Grenzen.

DPA/AP AP DPA

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