Boni für Banker Die Gier ist zurück


Seit Ausbruch der Finanzkrise tobt ein Streit über die exzessiven Bonuszahlungen der Banken. Die Institute versprachen Besserung. Doch hinter den Kulissen drehen sie längst wieder am großen Gehaltsrad - selbst die, die vom Staat gestützt werden.
Von Tim Bartz

Der Vorwurf kam frontal und unverblümt. "Massiv und vorsätzlich" sei der Angriff, und er komme einer "fast vollständigen Plünderung" gleich, wetterte die Schweizer Großbank UBS Ende Juni vor einem New Yorker Gericht. Die Zielscheibe des Zorns: die kleine, aber aggressiv wachsende amerikanische Investmentbank Jefferies.

Gerade erst hatte der vergleichsweise winzige Rivale dem einst so stolzen und mächtigen Traditionsinstitut aus Zürich, das ohne die Hilfe des Staates längst zusammengebrochen wäre, auf einen Schlag 36 Investmentbanker abgeworben - praktisch eine komplette Abteilung, Spezialisten für die Fusionsberatung im globalen Gesundheitsmarkt. An ihrer Spitze: Benjamin Lorello, der an der Wall Street bekannt ist für seinen rabiaten Verhandlungsstil und so gut Don Vito Corleone imitieren kann, den Paten aus dem gleichnamigen Bestseller. Mit seiner Truppe hat Lorello in diesem Jahr fast ein Drittel des Gesamtumsatzes der UBS in der Fusionsberatung erwirtschaftet. Nun wechselt er - und kassiert dafür eine Millionenablösesumme wie sie sonst nur für Weltklassefußballer bezahlt wird.

Ob Jefferies' Raubzug gegen geltendes Arbeitsrecht verstößt und die UBS den Millionentransfer stoppen kann, ist noch nicht entschieden. Doch der erbitterte Streit der beiden Geldhäuser um Top-Personal wird nicht der letzte sein, der vor Gericht ausgetragen wird: Auf dem Stellenmarkt für Investmentbanker geht es so heiß zu wie nie. Die Banken an der Wall Street, in der Londoner City und auch in Frankfurt haben längst wieder zur Jagd auf Spitzenleute geblasen. Der Wechsel von Topadresse zu Topadresse gehört wieder zum Alltag - und damit schrauben sich auch die Gehälter der Investmentbanker zurück auf alte Höhen. 10 Millionen Dollar, 20 Millionen Dollar, 30 Millionen Dollar, manchmal noch mehr.

Neue Rekordzahlen, alte Gewohnheiten

Allen voran bei der US-Investmentbank Goldman Sachs, der weltweiten Nummer eins der Branche. Am Dienstag präsentierte sie Rekordzahlen für das zweite Quartal - einen satten Gewinn von 3,4 Milliarden Dollar. Und allein von April bis Juni schüttete das Institut üppige 6,65 Milliarden Dollar an Gehältern und Bonuszahlungen aus. Aufs Jahr hochgerechnet kann jeder der etwa 30.000 Mitarbeiter im Durchschnitt etwa 770.000 Dollar einstreichen - so viel wie noch nie seit 140 Jahren.

Vergessen scheinen der Zusammenbruch der Wall Street im Herbst, die Vorwürfe, wonach auch die exzessiven Bonuszahlungen und die daraus resultierenden Fehlanreize schuld seien am Absturz. Vorüber die zur Schau getragene Demut der Banker angesichts milliardenschwerer, staatlicher Rettungspakete. Vorbei die Zeiten, in denen Banker Mäßigung und das Ende der Gehaltsexzesse gelobten. Das Investmentbanking lebt - obwohl es vor Kurzem noch als Totengräber des Finanzsystems galt.

Das Verrückte daran: Es ist vor allem der Staat selbst, der das Geschäft reanimiert hat. Wie nie zuvor müssen sich Regierungen durch den Verkauf von Anleihen Geld am Kapitalmarkt borgen, um ihre Rettungspakete für die Banken zu finanzieren - die genau an diesem Geschäft jetzt wieder gut verdienen und neue Leute einstellen. Spötter ziehen bereits Parallelen zwischen Investmentbanking und Steinkohlebergbau - "beides hochgradig subventionierte Branchen". "Eingestellt wird quer durch alle Bereiche, vor allem aber im Anleihehandel. Seit Mai läuft unser Geschäft wieder deutlich besser, ich bin sicher: Wir werden das Jahr überleben", sagt ein Frankfurter Personalberater. Seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen - wie auch viele Investmentbanker, sobald es um das hochsensible Thema Gehalt geht.

"Perverses Verhalten"

Viele in der Branche scheuen die Öffentlichkeit. Denn an den so umstrittenen und gegeißelten Vergütungsstrukturen - Millionenboni, Aktienoptionen, die fast manische Orientierung am Aktienkurs - hat sich nichts geändert. In der Branche kursiert sogar wieder das Zauberwort vom Garantiebonus, eigentlich ein Widerspruch in sich. Es handelt sich um eine Gratifikation über das Fixgehalt hinaus - aber eben nicht leistungsabhängig. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise war dieses Instrument in Verruf geraten, jetzt locken die Institute wieder damit. Zwar garantieren sie den Bonus nicht mehr wie früher für zwei bis drei Jahre, aber immerhin noch für ein Jahr. "Alle machen das, anders kommen sie heute kaum an die Topleute heran", sagt ein Personalberater. In Frankfurt sollen Banken bereits mit mehr als 1 Million Euro pro Jahr locken.

"Perverse Strukturen provozieren perverses Verhalten", kritisierte vor zwei Wochen die Association of Executive Search Consultants, deren deutscher Zweig 17 Personalberatungen vereint. Eine ungewohnt deutliche Schelte. Und Jürgen Fitschen, Vorstand der Deutschen Bank, sagt: "Wir stehen unter dem Mikroskop der Öffentlichkeit."

Doch hinter den Kulissen geht das Spiel weiter, da wedeln die Banken mit Bonusversprechen. Ob in London, wo im Mai auf einen Schlag 45 Aktienspezialisten der Commerzbank-Tochter Dresdner Kleinwort bei der britischen Investmentboutique Evolution anheuerten. Oder in New York, wo die Deutsche Bank den Rivalen UBS und Morgan Stanley Anfang Juli die Topgarde ihrer New Yorker Vermögensverwalter abwarb.

Aufbruchstimmung in Frankfurt

Etwas weniger spektakulär geht es in Frankfurt zu. Wie meistens. Doch auch hier dreht sich das Karussell wieder schneller. So stellt die französische Großbank Société Générale, die ihr Investmentbanking europaweit ausbauen will, allein in der Mainmetropole derzeit 20 bis 30 Topleute ein. Barclays Capital sucht Verstärkung für die 150 Mitarbeiter in Frankfurt. Deutschlandchef Omar Selim will die Belegschaft um 50 Banker aufstocken: "Wir wollen mittelfristig im Aktienbereich und in der Fusionsberatung zu den führenden Anbietern in Deutschland zählen", sagt er.

Das will auch Patrick Schmitz-Morkramer, Deutschlandchef der japanischen Großbank Nomura, die die europäischen und asiatischen Leichenteile von Lehman Brothers aufgeklaubt hat. "Unser Ziel ist es, unter die weltweiten top fünf der Investmentbanken zu kommen", sagt er. Und klar ist, dass er dafür neue Leute anlocken muss - mit Spitzengehältern.

Exzesse bei staatsgestützten Banken

Was Adressen wie Deutsche Bank, Barclays, Nomura oder auch Jefferies derzeit so attraktiv macht, ist ihre Unabhängigkeit. Noch hat keines der Institute direkte Staatshilfe annehmen müssen. Anders als teilverstaatlichte Konkurrenten müssen sie sich nicht zurückhalten bei Vorstandsgehältern, die beispielsweise in Deutschland auf 500.000 Euro begrenzt sind, wenn der Staat mitregiert. Vor allem aber bei der Vergütung der Manager unterhalb der Vorstandsebene, bei den "Dealmakern" und "Cashcows" der Banken, sind sie frei von Beschränkungen. Ein klarer Vorteil.

Inzwischen drehen jedoch auch wieder jene Banken mit am großen Gehaltsrad, die den Tsunami der Lehman-Pleite nur dank der Milliardenspritzen ihrer Regierungen überlebt haben. So haben die Citigroup, die von der US-Regierung mit 45 Milliarden Dollar gestützt wird, und die Schweizer UBS die Fixgehälter ihrer besten Investmentbanker um satte 50 Prozent angehoben. So brauchen sie bei der Vergütung nicht so stark auf die politisch umstrittenen Boni zurückzugreifen. Anderenfalls könne man im Kampf um die besten Talente im Investmentbanking nicht mehr mithalten, heißt es achselzuckend. Morgan Stanley zahlt ebenfalls wieder mehr, auch die Bank of America.

Für die Investmentbanker lohnt es sich wieder, auf den Payday zu warten. In London lautet das Modewort des Sommers "BAB" - "Bonuses are back". Kein Wunder, wenn selbst der neue Chef der zu 70 Prozent verstaatlichten Royal Bank of Scotland mehr als 11 Millionen Euro im Jahr verdient - davon nur 1,4 Millionen Euro als Fixgehalt.

Rückkehr der Zockermentalität

Dieses Verhalten sorgt für Ärger bei denen, die die Finanzkrise bisher aus eigener Kraft überlebt haben. "Ich wundere mich, wie aggressiv ausgerechnet staatlich gestützte Banken derzeit ihr Scheckbuch zücken, um neue Mitarbeiter anzuheuern", sagt der Deutschlandchef einer ausländischen Großbank, die als eine von wenigen bisher allein durchgekommen ist. Dann bricht es aus ihm heraus: "Wir haben kürzlich einem mit Staatsgeld geretteten Konkurrenten eine ganze Handvoll Aktienanalysten abgeworben, die sind jetzt alle wieder zu ihrem alten Arbeitgeber zurückgekehrt - zu weit mehr Gehalt. Das ist unfassbar!"

Deutlich wird auch Deutsche-Bank-Vorstand Fitschen: "Banken, denen es gar nicht gut geht, versuchen, Mitarbeiter mit Gehaltspaketen zu holen, bei denen man sich fragt: Haben die nichts gelernt?", sagt er. "Es ist sehr negativ, wenn man in alte Vorgehensweisen zurückfällt."

Es ist schließlich nur ein paar Monate her, dass auch Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein die Gehaltsexzesse der Branche als "selbstsüchtig" und "gierig" bezeichnete. Seit Dienstag ist klar, dass er sich auf dem Weg zur alten Zockermentalität befindet. Der Analyst Brad Hintz von der Finanzverwaltungsfirma Sanford Bernstein sagte dazu: "Sie beginnen wieder zu sündigen."

FTD

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