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China: Dreckschleuder der Welt

Das Wirtschaftswunder hat einen hohen Preis. China ist nicht nur die größte Fabrik, sondern auch die größte Müllkippe der Neuzeit. Von den 20 schmutzigsten Städten der Erde liegen 16 im Reich der Mitte. Jeder vierte Einwohner muss verseuchtes Wasser trinken.

Der giftige Strom spült tote Fische ans Ufer. Menschen drängen sich im Bahnhof, auf der Flucht vor der tödlichen Brühe. Die Fahrkarten sind ausverkauft. Im Supermarkt prügeln sich Leute um die letzten Wasserflaschen. Ein 80 Kilometer langer Teppich aus Krebs verursachendem Benzol schwappt flussabwärts. Als er durch Harbin fließt, stellt die Regierung das Leitungswasser in der Vier-Millionen-Stadt ab. Denn es kommt aus dem Fluss Songhua, und seine Benzolwerte sind hundertmal höher als erlaubt. Wer damit in Berührung kommt, kann sofort sterben. Diese Woche erreicht das Gift nach Chabarowsk noch weitere russische Städte am Amur. Die Chinesen nennen ihn "Schwarzer Drachen".

Die Pekinger Führung reagierte für ihre Verhältnisse schnell. Sie informierte die Bürger zehn Tage nach dem Unfall: In der Stadt Jilin war ein Werk von Petrochina explodiert, dem größten Öl- und Gasunternehmen des Landes, dabei geriet das Benzol in den Songhua. Petrochina gehört zu 90 Prozent dem Staat und braucht um jeden Preis Erfolgszahlen, vor allem, seit es in New York und Hongkong an die Börse gegangen ist. Im April vergangenen Jahres flog eine Fabrik desselben Kon-zerns in der 32-Millionen-Einwohner-Stadt Chongqing in die Luft, tötete 243 Menschen und vergiftete mehr als 10000.

Oft erfahren Chinesen in solchen Fällen gar nichts. So wie vor fünf Jahren die 1000 Bewohner des Dorfs Xiakang in der Provinz Shanxi. Das Wasser schmeckte plötzlich salzig. Dann färbten sich die Kessel nach dem Kochen rot. "Ich bekam Durchfall, es hörte nicht mehr auf", erzählt Frau Chen. "Als ich mit den Nachbarn darüber redete, klagten die über das gleiche Problem." Einige Monate später konnte sie ihre Beine nicht mehr bewegen. Heute liegt sie den ganzen Tag auf Brettern, die ihr als Bett dienen, Spritzen hängen in Plastiktüten an der untapezierten Wand. Die Bäuerin leidet unter Gehirnthrombose und halbseitiger Lähmung - wie Dutzende der Dorfbewohner. 27 sind bereits daran gestorben, darunter ein 14-jähriges Mädchen.

Das Dorf gleicht einem Sanatorium. Auf den sandigen Wegen humpeln fast alle am Stock, falls sie überhaupt noch gehen können. Obwohl der Mann von Frau Chen auch krank ist, trägt er sie zum Arzt, einen Rollstuhl können sich die beiden nicht leisten. "Wenn ich gewusst hätte, dass unser Wasser vergiftet ist, hätte ich es doch nicht getrunken", sagt die Kranke weinend. "Aber keiner hat uns etwas gesagt."

Über Jahre holten sie Wasser

aus dem Brunnen, obwohl der Grund mit Chloriden, Kaliumsulfaten und Nitraten vergiftet war. Das Stahl- und Eisenwerk und die Papiermühle in der benachbarten Stadt Linfen leiten ihre Abwässer ungeklärt in den Fluss Fen. Beide Betriebe haben in den letzten zehn Jahren ihren Ausstoß vervielfacht.

Dörfer wie Xiakang gibt es viele in China. Etwa Huangmengying am Huai-Fluss, der hier von weißem Schaum bedeckt ist. Die nahe gelegene Glutamatfabrik Lotus verschmutzt das Wasser. Von den 2400 Einwohnern sind in den vergangenen zehn Jahren 110 an Krebs gestorben. Die 31-jährige Kong Heqin zeigt den künstlichen Darmausgang, den ihr die Ärzte neben dem Bauchnabel angelegt haben. Wegen ihres Darm- und Schilddrüsenkrebses wurde sie in den vergangenen fünf Jahren viermal operiert, sie hat zwölf Runden Chemotherapie hinter sich. "Eine weitere kann ich nicht bezahlen", klagt die Mutter, die zwei Söhne im Alter von sieben und neun aufzieht. "Jetzt bleibt mir nur noch der Tod."

Huo Daishan, ehemals Fotograf bei der Lokalzeitung und jetzt Leiter der Umweltgruppe "Hüter des Huai-Flusses", sagt: "Das schmutzige Wasser macht die Menschen krank, die Krankheit macht sie arm, jetzt sind sie arm und krank." Andere verdienen gut daran. Die Glutamatfabrik wird von örtlichen Parteikadern gemeinsam mit japanischen Investoren betrieben. "Macht und Geld haben sich verbündet", sagt Huo. Die Korruption in der Kommunistischen Partei gefährdet Mensch und Natur.

Chinas Wirtschaft wächst in diesem Jahr um neun Prozent, die Exporte steigen noch einmal um mehr als 30 Prozent. "Doch dieses Wunder ist bald zu Ende, denn die Umwelt hält nicht mehr mit", sagt der Mann mit Meckischnitt, während er heftig an seiner Zigarette zieht. Pan Yue ist Vizeminister der chinesischen Umweltbehörde. "Ich habe noch nie ein Blatt vor den Mund genommen", sagt der Politiker lächelnd. "Die Hälfte des Wassers in unseren sieben größten Flüssen ist völlig unbrauchbar. Jeder vierte Bürger hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser."

Mehr als 80 Prozent an Müll und Abwasser werden nicht entsorgt oder geklärt. Im Jahr sterben 400 000 Chinesen an Abgasen. Von den 20 Städten der Erde mit der schlechtesten Luft liegen 16 in der Volksrepublik, darunter Peking, nach Satelliten-Messungen der Europäischen Raumfahrtagentur "die schmutzigste Hauptstadt der Welt". Zum Glück ist Fliegen keine olympische Disziplin: Im vergangenen Jahr wurde eine Flugschau abgesagt, weil man im Smog nur noch 200 Meter weit sehen konnte.

Zwar lagert Peking Fabriken aus, dafür verpesten immer mehr Autos die Luft. Und das Ansiedeln von Industrie auf dem Lande führt dazu, dass auch die Dörfer zunehmend verschmutzen. Investoren schätzen dort die niedrigen Bodenpreise und die korrupten Dorfkader. Die gehen mit Umweltsündern noch laxer um als die Funktionäre in den Städten.

Die Gesichter der Menschen in Beishan, einem Dorf im Norden Chinas, sind oft schwarz wie Kohle. Sie haben sich nicht bemalt, sie sind von Ruß verschmiert. Seit 2001 entstanden in dieser Gegend mehr als 100 Fabriken, die Kohle in Koks umwandeln und Eisen legieren. Sie produzieren nicht nur für den heimischen Markt, sondern auch für Japan und Südkorea. Die Bewohner nennen ihre Heimat "Schwarzes Dreieck". Aus Schornsteinen qualmt schwarzer, gelber und weißer Rauch. Durchdringender Gestank erschwert das Atmen. Die Augen schmerzen.

Im grauen Gras verwesen Kadaver von Ziegen. Der Schäfer Zhuan Longhai hat eine Baseballkappe über sein Gesicht gezogen. "Die Fabriken haben das Gras verhext", sagt der Mongole. "Von meinen 370 Schafen und Ziegen sind in diesem Jahr 30 gestorben. Und die Wolle ist schwarz!"

Yang, ein 15-jähriger Junge, hat sich ein Nylontuch um die Augen gebunden, darüber trägt er eine Sonnenbrille. Er schlägt Kalk in kleine Stücke und schleppt sie in Säcken zu einer Karbid-Fabrik: "Hätte ich nur das Nylon, würden große Kalkstücke meine Augen zerstören. Und die Brille allein könnte mich nicht vor Sand und Splittern schützen." Anders als der Schäfer klagt er nicht über die schmutzige Luft. "Ich habe mich daran gewöhnt, außerdem verdiene ich hier gut", sagt er. Er wird pro Sack bezahlt. Am Tag kommt er so auf 1,60 Euro, dafür schuftet er zehn Stunden. Die Schule hat Yang nach der zweiten Klasse abgebrochen, seine Eltern können das Schulgeld nicht zahlen.

China beliefert die ganze Welt, doch im Lande selbst profitieren nur wenige davon. Die Arbeitsbedingungen entsprechen oft eher dem 19. als dem 21. Jahrhundert. "Für die Produktion des gleichen Werts von Waren benötigen wir gut siebenmal so viel Ressourcen wie Japan", sagt Vizeminister Pan, "fast sechsmal so viel wie die USA und, besonders peinlich, fast dreimal so viel wie Indien. China ist die Fabrik der Erde... Doch mich treibt die Sorge, dass China zur Müllhalde der Erde verkommt." Die Müllhalde für die Computer der Welt hat bereits eine Adresse: Kreis Guiyu, fünf Autostunden von Hongkong entfernt. 100 000 Menschen leben hier in Verschlägen aus Bambusrohren und Teematten. Davor stapeln sich PCs von IBM, Faxgeräte von Hewlett-Packard und Mobiltelefone von Bosch. Der elektronische Abfall kommt per Schiff aus Europa und den USA. Überall stinkt es nach giftiger Säure und verschmorten Kabeln.

Bei Frau Wu dampft und zischt der Kohleofen. Sie kocht keine Nudeln, in der Eisenpfanne vor ihr wabert flüssiges Zinn. Mit der Hand trennt sie Prozessoren und Transistoren von einer Computerplatine ab, die sie in die heiße Flüssigkeit hält. Währenddessen schneiden ihre beiden Söhne mit rostigen Messern Elektrokabel aus Handys. In Säurebädern lösen junge Männer Gold und andere Edelmetalle von Chips und Bildschirmen. Frauen sortieren gebrauchte Prozessoren, die später in Elektrospielzeug eingebaut werden. Jeder Familienbetrieb schlachtet anderen elektronischen Müll aus, sie sind miteinander vernetzt und wissen, was sie für welche Teile wo bekommen. Es wimmelt von Handkarren und Fahrrädern mit Anhängern, die High-Tech-Reste transportieren. Was nicht mehr zu verwerten ist, wird auf offener Straße verbrannt oder in die Seitenarme des Lianjiang-Flusses geworfen. Anschließend waschen Arbeiterinnen darin ihre Wäsche.

Die alten Computer enthalten Blei, Phosphor, Quecksilber und Cadmium. Die Folgen für die Gesundheit sind katastrophal. 80 Prozent der Schulkinder von Guiyu leiden unter Atembeschwerden. Bei vielen Schwangeren färbt sich das Fruchtwasser dunkelgrün. "Ich bekomme Hautausschlag von dieser Arbeit, aber was soll ich tun?", sagt Frau Wu. "Ich muss meinen Söhnen die Ausbildung finanzieren. Dann können sie eines Tages richtig mit Computern arbeiten."

Umweltschützer in der chinesischen Regierung wie Pan Yue schicken immer wieder Polizisten nach Guiyu und lassen Werkstätten schließen. Ein paar Tage später sind sie wieder geöffnet. Die Einparteiendiktatur erweist sich als unfähig, die Probleme einer Marktwirtschaft zu lösen. China hat gute Umweltgesetze, doch sie werden nicht eingehalten. Bestenfalls wird ein Funktionär mal abgesetzt. So musste der Umweltminister Xie Zhenhua am vorvergangenen Freitag sein Büro räumen. Doch ändert das wenig. Denn ohne frei gewählte Parlamente, unabhängige Gerichte und kritische Medien sind bestechliche Beamte nicht zu kontrollieren - auch nicht von der eigenen Führung. Vizeminister Pan hat das erkannt: "Politische Mitsprache sollte Bestandteil der sozialistischen Demokratie sein."

Die Betonköpfe

in Chinas Politbüro sind da anderer Meinung. Weil sie sich nicht für ihre Bürger einsetzen, nehmen immer mehr Opfer der Umweltverschmutzung ihr Schicksal in die eigene Hand. So wie die Bauern aus dem 400-Einwohner-Dorf Beishan, das zum verqualmten "Schwarzen Dreieck" gehört. Weil die giftigen Abgase ihr Korn angriffen und sich die Ernte halbierte, zogen sie zur Kreisregierung und baten um Hilfe. Die Polizei nahm Dutzende von ihnen fest. Beim nächsten Mal blockierten die Dorfbewohner den Straßenverkehr und hielten Schilder hoch, auf die sie "Stoppt die Verschmutzung" geschrieben hatten. Diesmal marschierten Hunderte Polizisten gegen sie auf. "Könnt ihr uns nicht verstehen?", schrie der 20-jährige Xue Jun die Sicherheitskräfte an. "Selbst wenn wir unsere Fenster und Türen schließen, werden unsere Gesichter schwarz!" Seither sitzt er im Gefängnis.

Doch je härter der Staat durchgreift, umso schärfer wird der Protest. Viele Chinesen sehen in Gewalt den einzigen Weg, eine saubere Umwelt zu erstreiten. Im April zündeten Dorfbewohner, die gegen Chemiefabriken demonstrierten, im Gebiet Huaxi Polizeiautos an. Im Juli endete eine Demo vor einem Pharmawerk bei Shanghai in einer Straßenschlacht mit der Polizei. Im August stürmten Tausende Bauern in Meishan eine Batteriefabrik, die das Wasser mit Blei vergiftete, und brannten sie nieder.

Während sich die Kommunistische Partei auf den Erhalt ihrer Macht konzentriert, versiegt wortwörtlich das Wasser, das China zum Überleben braucht. "Weil sich die Wüsten ausbreiten und die Städte wachsen, ist das bewohn- und benutzbare Land in den letzten 50 Jahren um die Hälfte geschrumpft", sagt Vizeminister Pan und prophezeit 150 Millionen Öko-Flüchtlinge. "Wenn es so weitergeht", warnt er, "bekommen nicht nur wir ein Problem, sondern auch der Rest der Erde." Die Welt außerhalb des Reichs der Mitte riecht es schon: Von den Partikeln, die in Los Angeles die Luft verschmutzen, sind 25 Prozent aus China herübergeweht.

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