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Conti und Schaeffler: Ein Drama mit Tricks und Tränen

Es war ein unerhörter Angriff: Die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler versuchte, Conti zu schlucken. Doch mit der Finanzkrise begann ein Drama. Vorerst letzter Akt: Heute wurde der Conti-Chef ausgetauscht.

Von Axel Hildebrand

Es ist ein echtes Drama, eines der spannendsten der deutschen Wirtschaftsgeschichte, eines der faszinierendsten, das diese Krise geschaffen hat: Ein Drama, in dem es um den tiefen Fall einer stolzen, fast hochmütigen Unternehmerin geht, um den Machtkampf von Managern - und nicht zuletzt um zigtausende Jobs. Am Mittwoch stand ein weiterer Höhepunkt auf dem Programm: Die entscheidende Aufsichtsratssitzung. Aber der Reihe nach.

Es ist das Frühjahr 2008. Maria-Elisabeth Schaeffler ist eine geachtete Unternehmerin - eine, auf die die Mitarbeiter im fränkischen Herzogenaurach stolz sind. Die resolute Dame trägt elegante Designerkostüme, ihr blondes Haar hat sie stets fest an den Kopf gelegt. Die ehemalige Medizinstudentin ist eine der wenigen Frauen in der deutschen Wirtschaft, die es ganz nach oben geschafft haben. Seit dem Tod ihres Mannes 1996 leitet die ehemalige Medizinstudentin die Schaeffler-Gruppe aus Herzogenaurach. Die Firma stellt Wälzlager für Autos her.

Schaeffler verfolgt einen aggressiven Übernahmekurs. Zuerst schluckt sie den Konkurrenten FAG Kugelfischer, das macht sie zur Milliardärin, in der Branche gilt sie fortan als "listige Witwe". In der Firma überlässt sie nichts dem Zufall, kennt jedes Detail. Zudem heuert sie den ehrgeizigen Manager Jürgen Geißinger an. Denn Schaeffler will mehr. Kugelfischer soll nur der Anfang sein. Den richtigen, den großen Coup wagen die Franken im Sommer 2008: Die Schaeffler-Gruppe, ein Mittelständler mit neun Milliarden Euro Umsatz, will den dreimal größeren Dax-Konzern Continental schlucken. Sie wollen von der Technik der Hannoveraner profitieren. In der Fachsprache heißt das: Synergien schaffen. Es ist ein Kampf der Ungleichen. Mittelstand gegen Großkonzern, 66.000 Mitarbeiter weltweit auf der einen, 130.000 auf der anderen Seite. Franken gegen Niedersachsen. Es ist ein tollkühnes Unterfangen, ein Abenteuer. Eine monatelange Schlacht beginnt.

Wie eine Heuschrecke

Im Stile einer Heuschrecke schleichen sich die Schaefflers an das Hannoveraner Unternehmen heran. Das Geld für die Übernahme wird komplett geliehen - von einem Bankenkonsortium unter der Führung der Royal Bank of Scotland. Mit dabei sind die Commerzbank, die Dresdner, die Hypo-Vereinsbank, die Landesbank Baden-Württemberg und die Schweizer UBS. Die Deutsche Bank, Hausbank der Schaefflers, winkt ab - sie fürchtet die hohen Schulden.

Schaeffler fällt mit Geißinger eine der riskantesten Entscheidungen der deutschen Unternehmensgeschichte. Denn nicht nur muss sich die Gruppe selber enorm verschulden, auch das Objekt der Begierde, der Reifen- und Automobilhersteller aus Hannover, steht mit elf Milliarden Euro in der Kreide. Schaeffler zockt, ihr Ziel ist es, die deutsche Unternehmenslandschaft umzupflügen. Persönlich schätzt die Chefin es bodenständig: Mittags gibt's eine Wurstsemmel am Schreibtisch, abends Käsebrot.

Am 14. Juli 2008 bestätigt Schaeffler sein Interesse an Conti offiziell. Einen Tag später bieten die Franken 69,37 Euro pro Aktie. Später erhöhen sie auf 75 Euro - der aktuelle Kurs gibt damals nicht einmal die Hälfte her.

Klammheimlich haben sich die Franken zu diesem Zeitpunkt bereits Anteile von Continental gesichert. "Egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos" sei dieses Vorgehen, zürnt Conti-Chef Manfred Wennemer. Das Verhalten der Schaefflers sei "rechtswidrig". Andere bezeichnen die Attacke als gewieft. Einen Monat später muss Wennemer zurücktreten. Er ist das erste Opfer.

Die Finanzkrise bringt alle Planungen durcheinander

Vielleicht hätte das Abenteuer ohne die Finanzkrise gelingen können. Doch das Einbrechen der Weltkonjunktur drückt die durch den Angriff hoch verschuldete Schaeffler-Gruppe gegen die Wand. In Herzogenaurach bekommen sie schnell kaum noch Luft. Denn die Pleite der Investment Bank Lehman Brothers im September macht alle nervös. Verunsicherte Conti-Aktionäre wollen ihre Papiere loswerden. Weil das Übernahmeangebot der Franken zu dem Zeitpunkt noch läuft, muss Schaeffler kaufen. Fast alles. Plötzlich sitzt der Schaeffler-Clan auf 90 Prozent der Aktien - obwohl sie laut einer Investorenvereinbarung eigentlich nur knapp 50 Prozent halten dürfen. 40 Prozent der Conti-Anteile wandern zu den Gläubiger-Banken der Schaefflers.

Es ist eine absurde Situation. Schaeffler hat jetzt zwar die Macht bei Conti, hat sich aber heillos übernommen - und muss ums Überleben kämpfen. Die Absätze der Autohersteller rauschen in den Keller, Schaeffler, der Zulieferer, gerät in einen Abwärtsstrudel. Es geht jetzt nicht mehr um das Schaffen eines nationalen Champions. Schaeffler will schlicht überleben. Mit einem Mal haben die Schaefflers elf Milliarden Euro Schulden. Insider spekulieren, dass rund 70 Millionen Euro Zinsen fällig werden - Monat für Monat. Die honorige Mittelständlerin erscheint als verantwortungslose Zockerin. Es ist ein Offenbarungseid für die honorige, deutsche Wirtschaftselite.

Im Pelzmantel am Abgrund

Im Januar geht das Drama weiter. Die eigentlich öffentlichkeitsscheue Schaeffler begeht einen schweren Fehler, der ihr öffentliches Bild nachhaltig prägen wird. Im Pelzmantel kommt sie zu einem Empfang im Promi-Skiort Kitzbühl. Vor einem teuren Sportwagen lässt sie sich lachend fotografieren, obwohl ihr da schon klar ist, dass sie staatliche Hilfe anfordern muss. Das Bild der Milliardärin wird zum Symbol für eine abgehobene Wirtschaftselite, die ihren Reichtum auf Kosten der Steuerzahler bewahren will. Anfang Februar muss sie zwei Drittel der 28.000 in Deutschland Beschäftigten in Kurzarbeit schicken. Die Bewunderung, die sie anfangs noch genießt, wandelt sich in wallende Empörung. Ende Januar ist es dann so weit: Schaeffler-Manager reisen nach Berlin und betteln um Staatshilfe.

Im Februar dann erfolgt der emotionale Höhepunkt: Achttausend Schaeffler Mitarbeiter marschieren durch Herzogenaurach, um Solidarität mit der Chefin zu demonstrieren - und Staatshilfe zu fordern. Maria-Elisabeth Schaeffler weint. Ihre öffentlichen Tränen sorgen für Diskussionen. Ist die beinharte Strategin nicht selbst schuld an ihrer Misere? Die Bundesregierung kann sie dennoch nicht erweichen. Staatshilfen gibt es keine.

Ein paar Tage nach der Demonstration ist es ein Kleidungsstück, über das sich Kritiker den Mund zerreißen. Mit einem roten Schal um den Hals reist Schaeffler zur IG Metall nach Frankfurt und bietet weit reichende Mitspracherechte für die Arbeitnehmer an. Im Gegenzug verlangt sie Unterstützung bei der Forderung nach staatlicher Hilfe. Die Unternehmerin, die sich vorher von Gewerkschaftern schlaue Ratschläge verbat, muss sich nun den Gewerkschaftsbossen andienen. Angriffe können auch für den Angreifer demütigend sein. Staatshilfen gibt es auch nach diesem Schachzug nicht.

Stattdessen fordern Politiker und Banken im April, Conti solle doch nun lieber Schaeffler übernehmen. Der neue Vorstandschef Karl-Thomas Neumann fordert ein Konzept für die beiden Konzerne - ansonsten drohe eine "unkontrollierte Entwicklung". Am Ende des Monats gibt Conti für das erste Quartal einen Verlust von 267 Millionen Euro bekannt. Spätestens Anfang Juli wird Neumann, der bei der Belegschaft ein hohes Ansehen hat, den Schaefflers zu unbequem. Conti und Schaeffler steuern nicht zwingend auf eine gemeinsame Zukunft zu, sagt er. Zudem will Neumann eine Kapitalerhöhung durch die Ausgabe neuer Aktien durchdrücken. Vom Conti-Aufsichtsrat bekommt er Ende Juli dafür grünes Licht. Das ist auf der einen Seite sinnvoll, weil das Unternehmen dringend frisches Geld braucht. Auf der anderen Seite verwässert es die Anteile der Franken. Sie sind alarmiert - und wehren sich vehement. Neumanns Tage sind gezählt.

"Merken Sie eigentlich, was sie hier zerstören?"

Am 30. Juli sammeln sich Schaeffler-Vertreter im Aufsichtsrat von Continental, darunter Maria-Elisabeth und ihr Sohn Georg, um vor der Sitzung des Kontrollgremiums ihre geheime Strategie zu besprechen. Sie wollen Neumann stürzen und eröffnen dem verdutzten Top-Manager, dass er ihr Vertrauen nicht mehr habe. Neumann wird vor die Tür geschickt. Er kann es nicht fassen. Auf den Gängen der hannoverschen Conti-Zentrale in der Vahrenwalder Straße kommt es zu tumultartigen Szenen. "Merken Sie eigentlich, was sie hier zerstören?", fragt ein Gewerkschafter Georg Schaeffler. Die Sitzung endet im Eklat. Die Arbeitnehmervertreter stehen hinter Neumann, die Schaefflers erreichen nicht die erforderliche Mehrheit.

Nun soll der Machtkampf enden. Ein Kompromiss soll Ruhe bringen, vorerst zumindest. Die Conti-Spitze wird grundlegend umgebaut. Conti-Chef Karl-Thomas Neumann ist abberufen worden, auch Schaeffler-Intimus Rolf Koerfer verliert seinen Posten als Chefaufseher. Nachfolger Neumanns wird mit sofortiger Wirkung der Schaeffler-Manager Elmar Degenhart werden.

Die Schaefflers bleiben so weiter an der Macht. Vorerst. Ob die Sitzung einen Schlusspunkt in dem Drama setzen kann, ist noch nicht ausgemacht. Eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen.

Mitarbeit: Doris Schneyink und Rolf-Herbert Peters