HOME

Continental versus Schaeffler: Der nächste Showdown

Kaum ist der Machtkampf Porsche gegen VW ausgetragen, steht der nächste auf der Agenda: Die niedersächsische Continental AG gegen die Schaeffler Gruppe, die in Baden-Württemberg und Bayern sitzt. Politisch heißt das: Christian Wulff gegen Horst Seehofer und Günther Oettinger.

Von Hans Peter Schütz

Eine hoch spannende Aufsichtsratsitzung steht diesen Donnerstag bevor. In Hannover sitzen sich gegenüber: Vertreter des angeschlagenen Autozulieferers Continental AG und Vertreter des Maschinenbaukonzerns und Automobilzulierers Schaeffler KG, einem Familienunternehmen. Mit am Tisch nehmen rund 23 Milliarden Euro Schulden Platz. Sie resultieren bei der börsennotierten Continental, deren Aktienkurs dramatisch gesunkten ist, aus längerem Schwächeln, bei der an sich gesunden Schaeffler KG aus der vor einem Jahr getätigten Übernahme der Continental AG. Sie musste, weil sie 90 Prozent der Continental-Aktien übernehmen wollte, einen Preis von 75 Euro je Aktie zahlen. Inzwischen sind die Aktien auf knapp über 20 Euro abgestürzt.

Christian Wulff mischt wieder mit

Der politische Hintergrund der Vorstandssitzung ist ebenfalls brisant. Das Land Niedersachsen - auf dessen Seite Ministerpräsident Christian Wulff und Ex-Kanzler Gerhard Schröder operieren - will die bittere Pille nicht schlucken, dass der Continental-Konzern mit weltweit 130.000 Beschäftigten künftig von der Familie Schaeffler - weltweit 66.000 Arbeitsplätze, davon 16.400 in Bayern und 4900 in Baden-Württemberg - dirigiert werden soll. Gebastelt wird daher an einem "Reverse Takeover". Will heißen: Eine Transaktion, bei dem ein nicht börsennotiertes Unternehmen (Schaeffler) ohne Börsengang zu einem börsennotierten Unternehmen (Continental) wird. Dafür müssten die Schaefflers ihre Aktien an Continental verkaufen und im Gegenzug Aktien von Continental bekommen. Der dadurch integrierte Konzern könnte sich dann als Dax-Unternehmen etablieren - natürlich in Niedersachsen und nicht länger in Bayern.

Das Interesse der Niedersachsen an diesem Deal ist verständlich, dass die Unionsministerpräsidenten Horst Seehofer (Bayern) und Günther Oettinger (Baden-Württemberg) ihn verhindern wollen, ist ebenso verständlich. Tatsächlich laufen bei Continental die Geschäfte schlecht. Die Firma ist die viel zu teure Übernahme der Siemens VDO Automotive AG hoch verschuldet. Die operativen Talente der Continental-Führung unter dem Vorstandvorsitzenden Karl-Thomas Neumann werden von Experten als bescheiden eingeschätzt. Neumann kommt aus der Automobiltechnik und gilt als guter Techniker. Vorstandschef war er zuvor noch nie.

Continental steckt in Schwierigkeiten

Zwar hat Continental jetzt im zweiten Quartal 2009 gemeldet, wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Kenner führen dies allerdings auf Abschreibungstricks zurück. Im dritten Quartal werde sich das nicht wiederholen lassen. Die operative Situation bleibe gefährlich.

Continental kann kaum die Gehälter der Mitarbeiter bezahlen, die Auszahlungen für Juni wurden einige Tage später angewiesen, wie eine Conti-Sprecherin stern.de bestätigte. Lieferanten werden verzögert finanziell bedient. Die Einschätzung der Zahlungsfähigkeit wurde erneut nach unten korrigiert. Der Kreditversicherer Altradius hat die Linien von Continental um 50 Prozent gekürzt. Andere Kreditversicherer denken darüber nach. Ein Darlehen der Europäischen Entwicklungsbank (EIB) in Höhe von 500 Millionen Euro steht vor der Kündigung.* Einmal mehr versucht Wulff, dem dies beim VW-Gesetz gelungen ist, mit Hilfe der Kanzlerin Ärger von EU-Seite zu verhindern. Die Refinanzierung von Krediten über 3,5 Milliarden Euro, die 2010 fällig werden, wird auch ein Thema der Aufsichtsratssitzung sein, bestätigte die Conti-Sprecherin. Weitere Angaben zur Finanzlage des Unternehmens machte sie nicht.

Zu den finanziellen Problemen kommen ernshafte operative Sorgen. Denn nach Ansicht der Neumann-Kritiker wird von ihm vor allem auf Kosten der Zukunftsfähigkeit des Konzerns gespart. Der Abteilung Powertrain, in der es um den günstigeren und umweltfreundlicheren Antrieb von Fahrzeugen geht, sollen die Kosten für Entwicklung deutlich reduziert werden. Aufgrund der Krise auf dem Automarkt sei Powertrain in die roten Zahlen gerutscht, bestätigte die Conti-Sprecherin. Erhebliche Probleme gibt es bereits mit dem Kunden Volkswagen und dessen 1,6 Liter Dieselmotoren. Das macht es VW schwer, dem niedersächsischen Unternehmen die Treue zu halten. VW könnte auch zu Bosch abwandern.

Vernachlässigt Conti das Zukunftsgeschäft?

Geplant ist auch der Verkauf des Continental-Unternehmens Emitec, das führend ist bei der Verminderung von Autoabgasen, was im Blick auf die künftig strengeren EU-Abgaswerte als Zukunftsmarkt betrachtet wird. Sorge bereitet Beobachtern auch, dass im wichtigen Bereich der Turbolader für Otto-Motoren über eine Kooperation mit Magna als Partner verhandelt wird, obwohl Magna bisher nicht in diesem Geschäft aktiv war. Continental will Magna zu einem Joint Venture bewegen und damit Geld in die klammen Kassen spülen. Offiziell gibt Continental zu derartigen Plänen keine Stellungnahme ab.

Ein Kritiker: "Der Turbolader ist ein Zukunftsgeschäft, da künftig fast alle Motoren zur Verbrauchsreduzierung mit Turboladern ausgerüstet werden." Und er fügt die ironische Frage an Neumann hinzu: "Auf die Idee, dass besser die nichtstrategischen Geschäfte verkauft werden, kommt man wohl nicht." Insider weisen auch darauf hin, dass sich der Vorstandschef in der Person des Finanzvorstands Gerard Cordonnier einen "sehr schwachen" Mann zur Seite gestellt hat.

Im Gegensatz dazu ist die bis zur Continental-Übernahme bisher stets schuldenfreie Schaeffler-Gruppe operativ in den vergangenen drei Quartalen profitabel gewesen, auch in der derzeitigen Wirtschaftskrise. Die Banken haben beim Blick auf die durchgehend schwarzen Zahlen die Kredite verlängert. Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger, ein ausgebuffter Schwabe, will sich von Continental nicht einfach schlucken lassen. Sein Ziel ist ein Konzern, der es sowohl im Maschinenbau wie in der Zulieferung für die Automobilindustrie zu globalem Format bringen will. Er soll jetzt auch in China auf der Suche nach einem finanzstarken Investor und Partner fündig geworden sein.

Die handelnden Personen wappnen sich

Vor diesem Hintergrund ist für Spannung beim bevorstehenden Treffen in Hannover gesorgt. Bei Schaeffler sieht man bei Continental bislang keine zukunftsträchtigen Ideen. Dort spare man nur auf Kosten der Zukunftsfähigkeit und pflege die Idee, "Schaeffler möglichst schnell und billig zu integrieren". Und ansonsten versuche Neumann vor allem, sich selbst als hoch effektiv zu verkaufen und das Management von Schaeffler schlecht zu machen. Und genau das werde sich Geißinger, so ihm nahe stehende Gesprächspartner, nicht gefallen lassen.

Wulff wiederum hat ebenfalls eine eindeutige Linie: "Ich setze darauf, dass das Unternehmen Continental zusammen bleibt und nicht zerschlagen wird und auch seinen Sitz in Hannover behält", sagte er der "Welt". Politisch wird ihm dies von den Marktwirtschaftlern in der CDU übel genommen. Er greife mit seiner Continental-Politik massiv einseitig zugunsten eines Konzerns ein. An diesem Vorgang könne man wieder einmal sehen, was die ansonsten CDU-üblichen Arien auf familiengeführte Betriebe wert seien. Und: "Christian Wulff rettet lieber Bosse, die ihr Geschäft nicht verstehen."

*Conti wies nach Publikation dieses Artikels darauf hin, dass für das Unternehmen eine Gefährundung der Kreditlinie nicht erkennbar sei. Red.