HOME

Die Folgen des Vulkanausbruchs: Was uns die ganze Asche kostet

Die isländische Aschewolke kann der deutschen Wirtschaft Milliardenschäden bescheren. Drohen nun Pleiten? Oder Preiserhöhungen? Muss der Steuerzahler einspringen?

Von Roman Heflik und Sönke Wiese

Auch wenn sich das Aschewolken-Chaos Stück für Stück lichtet, müssen noch immer Tausende Fracht- und Passagierflugzeuge am Boden bleiben - mit gewaltigen finanziellen Konsequenzen: Allein die Lufthansa verliert jeden Tag zwischen 20 und 25 Millionen Euro, schätzen Analysten. Für die europäische Luftfahrt belaufe sich der Schaden auf 250 Millionen Dollar pro Tag, schätzt der Luftfahrtverband IATA. In ein bis zwei Wochen könnten deshalb einige der etwa 100 bis 150 Fluggesellschaften in Europa pleite sein, warnt die Branchenorganisation AEA.

Doch der gehemmte Luftverkehr könnte noch wesentlich mehr Unternehmen betreffen als Fluggesellschaften und Reiseanbieter. Wirtschaftsexperten befürchten, die Flugsperre könnte die deutsche Wirtschaft noch viel teurer zu stehen kommen: Nach Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) beläuft sich der Schaden durch das Flugverbot infolge der Aschewolke auf etwa eine Milliarde Euro täglich.

Wie zur Illustration dieser Warnung teilte der Münchner Autobauer BMW am Dienstag mit, infolge der europaweiten Flugverbote seine Produktion einzustellen. Am Dienstagnachmittag würden die Bänder zur Spätschicht im Werk in Dingolfing angehalten, sagte ein Konzernsprecher. Danach folgen die Werke in Regensburg und München am Mittwoch und am Donnerstag. Grund für die Unterbrechung seien Lieferengpässe vor allem bei Elektronikbauteilen, die per Luftfracht geliefert würden.

Deutsche Industrie wird immer nervöser

Wirtschaftsvertreter wie der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Hans-Peter Keitel werden daher immer nervöser: Jeder Tag, an dem die Sperrung des Luftraums anhalte, habe "tiefere Eingriffe" zur Folge, sagte Keitel, schließlich gingen rund 40 Prozent der deutschen Exportwerte per Flugzeug ins Ausland. "Notlösungen" müssten her. Am Montag empfing daher Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle kurzfristig eine Wirtschaftsdelegation. Einem Bericht der "Welt" zufolge sollen einzelne Unternehmen bereits um Staatshilfen gebeten haben.

Doch dass das Flugverbot der deutschen Konjunktur tatsächlich gefährlich werden könnte, bezweifeln viele Wirtschafswissenschaftler. "Viele Aufträge und Produktionen konnten von den Unternehmen in den ersten Tagen des Flugverbots umorganisiert werden", sagt Jörg Hinze, Konjunkturexperte des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). "Ein Großteil der jetzt ausgefallenen Aufträge wird wieder aufgeholt werden." Voraussetzung sei, dass das Flugverbot wegen der Aschewolken nicht noch weitere Wochen dauere.

Der Meinung ist auch Michael Hüther, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Kein Auslandskunde werde der deutschen Exportindustrie wegen der Aschewolke Aufträge kündigen, sagte Hüther der "Passauer Neuen Presse". "Für die aktuellen Störungen ist niemand verantwortlich zu machen, sie betreffen ganz Europa", sagte Hüther. "Im Moment werden gewissermaßen die Uhren angehalten. Wenn sie weiterlaufen, wird das Versäumte schnell nachgeholt."

Als unstrittig gilt jedoch die schwierige Situation, in der sich Fluggesellschaften und Reiseveranstalter befinden. Derzeit herrsche die "schlimmste Blockade der europäischen Luftfahrt seit dem Zweiten Weltkrieg", sagt die AEA. Wie schlimm es um die deutschen Airlines bestellt ist, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Die Unternehmen nennen keine offiziellen Zahlen. Air-Berlin-Chef Joachim Hunold spricht nur von "riesigen Verlusten" und fordert die Politik auf, über Beihilfen nachzudenken.

Zurückhaltend gibt sich derzeit der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF). Man habe noch keinen Überblick über die finanziellen Auswirkungen, sagte eine Sprecherin des Verbandes, in dem auch die Lufthansa, Air-Berlin und Tuifly organisiert sind. Eines sei jedoch sicher: "Der Schaden wird größer als nach dem 11. September 2001 sein, und danach gab es ja auch Staatshilfen." 71 Millionen Euro zahlte damals die Bundesregierung an Entschädigungen für das Flugverbot. Noch allerdings hält sich der BDF mit Forderungen zurück. Geschäftsführer Michael Engel schlug bisher lediglich vor, Nachtflugbeschränkungen für eine Woche aufzuheben, um ausgefallene Flüge nachholen zu können.

Kaum Finanzpolster bei Reiseveranstaltern

Kritischer als bei den Fluggesellschaften könnte es um die großen Reiseveranstalter stehen. In der Branche tobten in den vergangenen Jahren teure Übernahmeschlachten, so dass Tui, Thomas Cook und Co. keine großen Finanzpolster haben. Kosten von über 22 Millionen Euro hatte Tui Travel, Europas größter Reiseveranstalter, bereits am Wochenende genannt, jeden Tag kämen fünf bis sieben Millionen Euro hinzu.

Immerhin: Die isländische Naturkatastrophe fällt nicht in die Hauptreisezeit. Hauptkunden der Reiseveranstalter sind derzeit Studenten und Renter, die ihre Urlaube voraussichtlich einfach nur verschieben. "Das Flugverbot tut den Reiseanbietern weh, aber kein gesundes Unternehmen wird deswegen pleite gehen oder aufgekauft werden - wenn die Situation nicht noch wesentlich länger andauert", sagt Felix Kolbeck. Der Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule München hat früher selbst für den Touristikkonzern Tui gearbeitet. Er glaubt nicht, dass die Reiseveranstalter nun ihre Preise erhöhen werden. "Der Konkurrenzdruck ist so hoch, dass für Preissteigerungen kaum Luft ist. Die Kunden würden einfach zu anderen Anbietern abwandern."

Trotz aller Horrorszenarien stoßen Fluggesellschaften und Tourismusbranche mit ihren Forderungen nach Hilfe auf wenig Gegenliebe. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle schloss am Dienstag Staatshilfen für die Branche zwar nicht vollkommen aus, stellte sie aber unter den Vorbehalt von Absprachen innerhalb der EU. Der Minister erklärte auch, bei dem Treffen am Montag hätten die Unternehmen "keine Staatshilfen erbeten und ich habe solche auch nicht in Aussicht gestellt".

Politik lehnt Staatshilfen ab

Die EU-Kommission will kommende Woche einen ersten Bericht über die wirtschaftlichen Folgen der Vulkan-Krise vorlegen. Verkehrskommissar Siim Kallas kündigte am Dienstag vor dem Europaparlament auch an, gemeinsam mit den Kommissaren für Währung und Wettbewerb, Olli Rehn und Joaquín Almunia, eine Krisenstab einzurichten, der Hilfen für Fluggesellschaften und Reiseunternehmen prüfen soll.

Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU) lehnte Hilfen für die Branche ab. Er findet es "dramatisch, dass jeder, der irgendein Problem hat, sofort zum Staat gerannt kommt", sagte Fuchs dem "Handelsblatt". Auch bei der Opposition stößt die Forderung nach Staatshilfe auf wenig Gegenliebe. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Kerstin Andreae, sagt: "Da wird im Augenblick viel Dramatisches an die Wand gezeichnet. Es gibt keinen Blankoscheck für Staatshilfen, egal ob für Fluggesellschaften oder Tourismusanbieter." Das findet auch Garrelt Duin, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: "Ich wüsste nicht, wie wir dazu kommen sollten, Beihilfen zu zahlen. Es liegen keine Bedingungen vor, die das rechtfertigen." Falls die Krise länger anhalten solle, müsse als Erstes die EU über Hilfsmöglichkeiten entscheiden. Eine Aufhebung der Nachtflugverbote dagegen halte er für gerechtfertigt.

Auch aus der Wirtschaft enthalten die Aschewolke-geplagten Unternehmen wenig Rückendeckung. André Schwarz vom Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) wäre schon mit einer Lockerung des Nachtflugverbots und des Sonntagsfahrverbots zufrieden, "um die Lieferfenster wieder etwas zu öffnen". Hans Heinrich Driftmann, Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, spricht sich sogar klar gegen Subventionen aus: "Staatshilfen wären definitiv das falsche Signal."

Von:

Sönke Wiese und Roman Heflik