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Fed-Chefin Janet Yellen: Trumps mächtige Gegenspielerin

Donald Trump kann durchregieren. Er will die US-Wirtschaft mit niedrigen Steuern und höheren Schulden ankurbeln. Eine Frau könnte ihn dabei ausbremsen: Janet Yellen, die mächtige Chefin der Notenbank Fed.

Fed-Chefin Janet Yellen

Seriös bis zur Langeweile: Als erste Frau steht die Professorin Janet Yellen an der Spitze der Federal Reserve, der US-Notenbank

Als Donald Trump im Wahlkampf drohte, dass er als Präsident so schnell wie möglich feuern werde, wussten die meisten seiner jubelnden Anhänger gar nicht, wen er meinte. Viele fragten: "Janet wer?"

Janet Yellen ist die Chefin der US-Notenbank – und nach der Niederlage von Hillary Clinton die mächtigste Frau Amerikas. Die Demokratin hält die letzte Bastion gegen Trumps Durchmarsch in Washington. In Senat und Repräsentantenhaus verfügen die Republikaner über satte Mehrheiten. Den Obersten Gerichtshof kann der neue Präsident nach und nach mit seinen Wunschkandidaten besetzen. Fehlt nur noch die , kurz Fed, wo der Schlüssel zum Dollar liegt, der wichtigsten Währung der Welt. Die Entscheidungen der amerikanischen Notenbank, vor allem über die Leitzinsen, bestimmen das Schicksal der globalen Konjunktur und der internationalen Finanzmärkte. Ihre Geldpolitik entscheidet über Wohl und Wehe der amerikanischen Wirtschaft. Und damit auch über den Erfolg des Präsidenten Trump.

Janet Yellen stammt, wie Trump, aus New York. Trump kommt aus dem Stadtteil Queens, Yellen aus dem benachbarten . Beide sind 70 Jahre alt, Trump ist nur zwei Monate älter als sie. Doch zwischen Yellen und dem künftigen Präsidenten liegen Welten. Trump setzt auf seinen Instinkt, Yellen verlässt sich auf ihren Intellekt. Trump liebt die Show, sie ist seriös bis zur Langeweile. Er trägt eine aufgeföhnte Tolle, sie den schlichten Pixie.

Alles auf Pump

Alles deutet darauf hin, dass diese beiden in den kommenden Monaten zu erbitterten Gegnern werden. , Zinsen, Staatsschulden – überall liegen sie meilenweit auseinander. Trump aber will gerade durch die wirtschaftliche Entwicklung zum Helden werden. Yellen und ihre Notenbank können ihn dabei stützen – oder stoppen.

Trump hat sehr viel versprochen. Für eine Billion Dollar sollen Straßen, Brücken und Flughäfen gebaut und saniert werden. Gleichzeitig will er die Steuern für Reiche und Unternehmen drastisch senken. Die Erbschaftssteuer soll gar ganz entfallen. Mit Trump werden die Reichen noch reicher. Er glaubt, wie einst Ronald Reagan, dass der Wohlstand dann langsam von den Milliardären und Millionären hinunter bis zu den Armen tröpfeln wird.

Die Billionen für den Aufschwung will Trump sich borgen. Geschätzt sind es drei Billionen Dollar, vielleicht sogar fünf. Die USA dürften so noch mehr zum Schuldenstaat werden. Bereits heute beträgt die Staatsverschuldung 107 Prozent des Sozialprodukts.

Trump hat schon sein Immobilienimperium auf Pump gebaut. Sechsmal machte er Pleite. Seine Gläubiger gingen leer aus oder wurden mit Teilbeträgen abgespeist. Bei Banken galt Trump als "Hochrisiko-Kandidat". Nun sieht es so aus, als ob Präsident Trump auf die zweifelhaften Methoden des Unternehmers Trump zurückgreifen will. Im Wahlkampf hatte er gesagt: Es könne sein, dass die USA ihre Schulden nur mit Abschlägen zurückzahlen.

Trump will billiges Geld, Yellen einen stabilen Dollar

Natürlich fordert er Yellen mit seinen Plänen heraus. Denn die US-Notenbank ist eine von der Politik weitgehend unabhängige Institution, die vor allem auf zwei Ziele verpflichtet ist: hohe Beschäftigung und geringe Inflation. Die Kombination aus höheren Ausgaben, niedrigeren Steuern und gegenüber dem Ausland abgeschotteten Märkten dürfte die Preise kräftig steigen lassen – so sagen es Wirtschaftsexperten voraus. Treibt Trump die Schulden und die Inflation nach oben, wird Yellen mit höheren Zinsen dagegenhalten. Das macht die beiden zu Gegnern. Er will billiges Geld, sie einen stabilen Dollar.

Donald Trump

Auf Pump zum Erfolg: Mit Schulden schuf Donald Trump schon sein Immobilienimperium

Und so setzte die Fed den Leitzins an diesem Mittwoch um 0,25 Prozent auf ein Niveau zwischen 0,5 und 0,75 Prozent herauf. Es war erst die zweite Erhöhung seit 2006, aber im kommenden Jahr sollen drei weitere Zinsschritte folgen. "Wir haben deutliche Fortschritte hin zu unseren Ziel der Maximalbeschäftigung und einer Inflation von zwei Prozent gemacht", sagte Yellen. Sie sieht den Leitzins am Ende nächsten jahres bei 1,4 Prozent, bei 2,1 Prozent Ende 2018 und bei 2,9 Prozent am Ende des folgenden Jahres. Nach Jahren der extremen Niedrigzinsen wird Schuldenmachen so wieder teuer. Sollte die US-Notenbank die Zinsen als Reaktion auf die Trump-Politik gar noch stärker anheben, droht den Vereinigten Staaten ein Rückfall in die Rezession.

Einflussreiche Berater drängen Trump bereits, der Notenbank die Zinswaffe zu entziehen. Die politischen Mehrheiten dafür hätte er. Die Zinsen sollten dann nur noch entsprechend einer festgelegten Formel steigen oder fallen. Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb kürzlich in der "New York Times" düster: "Man kann darauf wetten, dass die Fed ihre Unabhängigkeit verliert und künftig von Spinnern schikaniert werden wird."

Keine Show, keine Posen - welch Kontrast zum selbstverliebten Trump

Yellen wird sich zur Wehr setzen. Auf ihre Weise. Von einem Trump wird sie sich nicht einschüchtern lassen. Ihr Lebensweg und ihre Karriere zeigen, wie sie sich durchsetzt. Sie, die für ihre Bescheidenheit bekannt ist, wappnet sich mit Kompetenz und Wissen. Auf die Frauenkarte hat sie stets verzichtet.

Gleich nach ihrem Amtsantritt 2014 erklärte sich Yellen zur Chefin ohne Geschlecht. Ihre Vorgänger trugen stolz den Titel "Chairman", Vorsitzender. Yellen wäre eigentlich Chairwoman, Vorsitzende. Aber sie ordnete die neutrale Anrede an: "Chair", Vorsitz. Präsident Barack Obama sprach sie versehentlich schon mal mit "Herr Yellen" an. Sie zuckte nicht mal mit der Wimper. Nur ihre Worte sollen zählen. Sonst nichts. Keine Show, keine Posen. Welch Kontrast zum selbstverliebten Trump.

Auch Yellen ist eine Aufsteigerin, die Werte, die ihre Eltern vorlebten, bewahrt sie bis heute. Seit gemeinsamen Kindheitstagen in Brooklyn kennt sie Charles Saydah, mit dem sie heute noch gelegentlich Mails austauscht. "Für mehr reicht bei Janet die Zeit nicht", sagt Saydah. Er kommt regelmäßig an ihrem Elternhaus vorbei. "Im Souterrain war die Arztpraxis", erzählt er. "Ihr Vater behandelte auch Puerto Ricaner aus dem nahen und bitterarmen Sunset Park." Ihre Mutter gab ihren Beruf als Lehrerin auf und kümmerte sich um Janet und ihren Bruder. Jüdische Feiertage hielten die Yellens streng ein.

Janets Lieblingsort war der Pier am East River, von dem aus die Fähren nach Manhattan und Staten Island ablegten. "Für einen Nickel kamen wir mit und konnten so lange draufbleiben, wie wir wollten." Saydah lacht, wenn er Yellens Brooklyner Akzent mit den langen Vokalen nachmacht, den sie nie verloren hat. Er sagt: "Eine gute Rednerin war sie nie. Aber sie war bei allem, was sie tat, immer perfekt vorbereitet."

"Mach es doch so wie Angela Merkel"

Auch Susan Grosart wuchs in Brooklyn auf. Sie debattierte damals mit Janet viel über den Vietnamkrieg und über soziale Fragen. Die Karriere ihrer Freundin verfolgt sie mit Bewunderung. Sie sagt: "Ich kann ihr nur laut und lang applaudieren." Yellen studierte Ökonomie an der Eliteuni Yale. 1971 wurde dort einem Dutzend Männern die Doktorwürde verliehen. Und Yellen. Sie war – nicht zum ersten Mal – die einzige Frau. 1978 ging ihr Ehemann, George Akerlof, als Professor an die angesehene London School of Economics. Sie folgte ihm und beschied sich mit einem kleinen Lehrauftrag. 1981 kam ihr Sohn Robert zur Welt, der ebenfalls Wirtschaftsprofessor wurde. George Akerlof erhielt 2001 den Nobelpreis für Wirtschaft.

Aber irgendwann war Yellen mit ihrer eigenen Karriere an der Reihe. 1994 berief die Regierung von Bill Clinton sie in Gremien der Notenbank. Die Keynesianerin Yellen sollte ein Gegengewicht zu den vielen neoliberalen Hardlinern sein. 2004 wurde sie Leiterin der Notenbankfiliale in San Francisco. Jetzt konnte sie regelmäßig in Washington im Zentralbankrat mitreden, sie stritt mit dem damaligen Fed-Chef Alan Greenspan und fiel als brillant auf.

Wenn die Freundinnen aus Brooklyn über Vorbilder sprachen, sagte Susan Grosart zu ihr: "Mach es doch so wie Angela Merkel. Wenn die Hähne ihre Federn aufplustern und die Kämme schwellen, erledigst du deine Arbeit, und zwar besser als alle anderen."

Beim letzten, beim größten Karrieresprung, agierte Yellen dann auch ganz kühl. Sie ahnte, dass Barack Obama bei der Bestimmung der Nachfolge von Notenbankchef Ben Bernanke eigentlich nicht an ihr vorbeikam.

Aber Obama favorisierte lange einen echten Kerl: Larry Summers, 62, Ex-YellenStudent, Ex-Weltbankchef, Ex-Finanzminister (unter Clinton), Ex-Harvard-Präsident und Ex-Hedgefonds-Manager. Ein lauter und gut vernetzter Macho. Summers vertrat 2005 bei einer Rede in Harvard die Ansicht, dass die geringe Zahl von Frauen in der Wissenschaft durchaus an "angeborenen Unterschieden" liegen könnte. Im Herbst 2013 erschienen dann kritische Artikel über Yellen. Sie sei akademisch zwar top, aber könne sie auch Reden halten? Märkte stabilisieren? Autorität und Würde ausstrahlen?

Langsam drehte sich die Stimmung, in Washington hieß es auf einmal, Yellen habe als Einzige in der Notenbank die Finanzkrise kommen sehen. Das stimmt zwar nicht ganz, auch Yellen war lange ahnungslos. Aber sie korrigierte den Irrtum nicht. Ein Blog sammelte 130.000 Unterschriften für Yellen. Sie war zum Symbol für all jene Frauen geworden, die im Beruf jahrzehntelang hart gearbeitet haben, denen dann aber doch der letzte Sprung an die Spitze verwehrt wurde.

Die erste Frau an der Spitze der Fed

Susan Grosart spricht gern über den Coup, "als 500 renommierte US-Ökonomen, unter ihnen 125 Frauen, einen Brief an Obama schrieben und sich für Janet starkmachten". Larry Summers gab kurze Zeit später auf und zog sich zurück. Es folgte Yellens legendärer Auftritt vor der Berufungskommission im Senat. Dort werden Kandidaten gegrillt, danach wird abgestimmt. Yellen ging in die Offensive, erklärte gleich zu Beginn, sie werde so lange bleiben, bis alle Fragen beantwortet seien. Sechs lange Stunden dauerte das.

Dabei wurde es auch persönlich. Ein Senator meinte: "Sie sind smart, verlässlich, aber nicht sehr aufregend." Yellen antwortete knapp: "Vielen Dank, ich weiß das zu würdigen." Andere eröffneten ihr: "Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Sie sagt, Sie seien eine Ermutigung für alle Frauen."

Am Ende stimmten 56 für Yellen und 26 gegen sie. Es war das schlechteste Ergebnis aller Zeiten, aber sie wurde nach 100 Jahren und 14 männlichen Vorgängern die erste Frau an der Spitze der Fed.

George Akerlof holt seine Frau manchmal nach Feierabend in der Notenbank ab. Sogar in der Kantine sieht man das Paar ab und zu. Seine Ämter in der Finanzwelt hat der 76-Jährige aufgegeben. Keiner soll auf die Idee kommen, die beiden spielten sich Insider-Infos zu. So entstehen keine Gerüchte und schon gar keine Skandale.

Eine Woche nach der Präsidentenwahl wurde Yellen bei einer Anhörung im Kongress gefragt, ob sie nun nicht lieber zurücktreten wolle. Stoisch sagte sie: "Nein, ich mache es bis zum Ende."

Sie kennt die Geschichte ihrer Vorgänger gut. Bernanke war Republikaner, wurde von Obama behalten, Greenspan wurde 1987 von Reagan eingesetzt und dann von Clinton weiterbeschäftigt. Er stand 18 Jahre an der Spitze der Fed. Yellen hat noch knapp 14 Monate, bis ihr Vertrag ausläuft. Viel Zeit für das Duell mit Donald Trump.