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GESPERRT! Ferdinand Piëch: Der Wiedergänger

Er hat Volkswagen gerettet und Geschichte geschrieben. Dann zog er sich zurück. Aber soll Ferdinand Piëch jetzt etwa zusehen, wie andere erst Porsche und dann womöglich sein Lebenswerk ruinieren?

Von Ulrike Posche

Es war mal wieder eine besonders harte Geduldsprobe für Uwe Hück. Spargelcreme, Kalbsbraten, Schokoladenmousse, dazwischen Reden und Toasts, Toasts und Reden. Gerhard Schröder feierte seinen 65. Geburtstag, und er, der Betriebsratsvorsitzende der Porsche AG, war eingeladen. Oder besser gesagt, er saß hier fest. Hück hatte Hummeln im Hintern.

Seit Tagen jagten Gerüchte durch die Firma, Kollegen waren nervös, die Belegschaft verunsichert: Stimmte es, dass VW-Aufsichtsrat Ferdinand Piëch, der heimliche Herrscher über die Reiche Volkswagen und Porsche, gerade dabei war, den Porsche-Chef Wiedeking zu stürzen? Könnte es wahr sein, dass Piëch zudem die spektakuläre VW-Übernahme des kleinen Davids aus Zuffenhausen rückgängig machen würde und dass nun der Wolfsburger Großkonzern seinerseits die hoch verschuldete Nobelmarke Porsche übernähme?

Die Konfrontation

Von seinem Platz aus konnte Hück bereits den blanken Kopf des 72-jährigen Piëch im Saal ausmachen. Und kaum dass der letzte Löffel verputzt war, stromerte er auch schon durchs "Seefugium", das Hotel am romantischen Maschmeyer-See. Von Tisch zu Tisch schwätzte sich der zweifache Europameister im Thaiboxen langsam an Piëch heran. Und als er ihn endlich erreicht hatte, schlug er dem Ochsen direkt vor den Kopf, wie es so schön heißt: Was denn nun wäre, mit dem Doktor Wiedeking, wollte Hück wissen, und mit Porsche.

Das hatte Ferdinand Karl Piëch gerade noch gefehlt: Über Unerfreuliches reden müssen! Erst am Vortag, seinem Geburtstag ausgerechnet, war am Wörthersee nicht nur die legendäre Yacht des noch legendäreren Großvaters Ferdinand Porsche verbrannt, sondern auch noch die eigene. Und selbst wenn Ferdinand Piëch wenig sentimental an Dingen wie Menschen hängt, so hat ihn der Verlust seines Bootes bestürzt. Mit seiner Frau Ursula zu segeln, das war für Piëch mindestens so schön, wie die Wüste zu queren oder Autos testen am Nordpol. Eigentlich stand die ganze Familie noch immer unter Schock.

Der Abend kam also gelegen, das Unglück am Wörthersee und auch das Feuer, das in Stuttgart am Dach war, für kurze Zeit zu vergessen. Wiedeking rausschmeißen? "In der jetzigen Situation macht das doch gar keinen Sinn", beschied Piëch dem Betriebsrat Hück, "jetzt müssen wir erst einmal das Projekt VW-Porsche über die Bühne bringen." Das sei das Wichtigste. Hück jedenfalls war erleichtert.

Der heimliche Lenker

Piëch wollte nicht mehr ins Tagesgeschäft eingreifen. Das hatte er sich 2002 beim Abschied als VW-Vorstandschef fest vorgenommen. Aber es gelingt ihm nicht. Jeder weiß, dass er bis heute der eigentliche Lenker des größten deutschen Autokonzerns ist. Er war der Erfolgreichste, er hat in neun Jahren den Umsatz um 126 Prozent gesteigert. Er hat Geschichte geschrieben. Im Grunde könnte es genug sein. Zeit fürs Hochseesegeln. Doch wenn Feuer am Dach ist, blicken alle noch immer auf den Alten.

Ferdinand und Ursula Piëch waren zum Feiern auf Schröders Party, so fröhlich er das in der Gesellschaft von Großkopferten aus Politik und Wirtschaft eben kann. Mit Zulieferern und Konstrukteuren, da tue er sich leicht, heißt es. Im Talk über die Kurbelwellenbefestigung eines Neunelfers oder die Korrosionszone beim luftgekühlten Heckmotor werde er geradezu leidenschaftlich. Die Fähigkeit dagegen zum federleichten Partyplaudern geht Piëch ab. Je mehr ihm eine Konversation aufgeschwätzt wird, desto monotoner wird er.

Einmal saß er, um nur ein Beispiel zu nennen, während einer Kanzlerreise nach China mit den anderen Herren vom Dax in einem Bus durch Peking. Piëch hatte den Platz gleich hinter dem Fahrer, sein Sitznachbar wollte reden. Aber der damalige VW-Boss hatte seinen Kranichblick fest auf die Straße getackert: "Ein Jetta", sagte er, "ein Passat. Ein Jetta, noch ein Jetta. Passat." Alle blickten sich ratlos an, es klang wie die Aufzählung eines Dreijährigen, der gerade das Thema "Auto" für sich entdeckt hat. Piëch war still begeistert davon, dass seine Typen auf Pekings Straßen fuhren. Wahrscheinlich überarbeitete er in Gedanken gerade die Vertriebsstruktur oder konstruierte den Passat im Detail chinesenkompatibler. Wer dem Alten wohlgesinnt ist, der nennt den gebürtigen Wiener mit der extremen Spezialbegabung einen eigenwilligen Charakter. "Fugen-Ferdl" hätten sie ihn früher genannt, schreibt Piëch in seiner "Auto.Biographie", weil er stets so penibel im Kleinen sei, so perfektionistisch im Großen. "Der denkt ausschließlich in Automobil", sagt ein Vertrauter. In seinen Adern flösse verbleites Benzin; die Augen - kaltes Scheinwerferlicht. Von einem "mephistophelischen Gesichtsausdruck" schrieb die "Die Zeit". In seine jetzige Frau habe er sich erst verknallt, lässt Piëch wissen, nachdem sie ihm bewiesen habe, dass sie das Allrad-Fahrzeug "Iltis" einen Berg hochkriegt.

Eine Gouvernante aus Oberösterreich

Damals war Ursula Plasser aus dem oberösterreichischen Braunau noch die neue Gouvernante seiner Kinder mit Marlene Porsche. Und Marlene Porsche war die Frau, die er 1972 seinem Cousin Gerd ausgespannt hatte, was zu einiger Verstimmung im Clan geführt hatte. Besonders Piëchs dominante Mutter wahrte damals nur mühsam die Fassung, wenn bei gesellschaftlichen Einladungen "Herr Piëch" und "Frau Porsche" auf der Einladung stand.

Mit Marlenes Scheidung von Gerd Porsche kam später auch die Erbgeometrie ins Rutschen. Denn seinen Zehntel-Anteil musste Gerd nun mit ihr teilen. Manche in der Familie unterstellten Ferdinand Piëch daraufhin, er habe "einen Bogen schlagen wollen zwischen dem Piëch- und dem Porsche-Besitz", erinnert sich der Patriarch. Wie auch immer es gewesen sein mag, die Rivalität und das Misstrauen zwischen beiden Stämmen hat sich nach dieser Geschichte jedenfalls nie richtig gelegt. Dass die schöne Marlene "einen starken Zug zur Spitze der Manager hatte" - auch zu denen, mit denen es ihr Ferdinand als mittlerer Angestellter bei Audi täglich zu tun hatte, brachte zusätzliche Hochspannung. Und bei ihm selbst, so offenbart er, "waren noch zwei weitere Kinder auf der Welt, die einer anderen Connection entstammen".

Es ist ja oft zu beobachten, dass große Männer, die dynastisch denken wie Ferdinand Piëch, stets auf der Suche nach dem perfekten Nachkommen sind. Nach einem, der so ist wie man selbst. So autobesessen etwa, so ingenieursbeseelt, so machtgekühlt.

Piëch denkt "in Automobil"

Es heißt, Ferdinand Piëch, Enkel des Käfer-Erfinders, Zylinderkopf der deutschen Industrie, Retter des VW-Konzerns, verachte jeden, der nicht "in Automobil" denkt. Dies gelte für einen Teil der Piëchs genauso wie für die Porsches, die das Stuttgarter Werk einst zu gleichen Teilen geerbt hatten und sich heute noch in den Aufsichtsräten der Porsche AG tummeln.

Am meisten jedoch gelte Piëchs Missfallen Wolfgang Porsche, sagt einer, der mit beiden in den Aufsichtsgremien sitzt. Dem jüngsten seiner vier Vettern hatte "Burli" Piëch, wie er als Kind genannt wurde, offenbar wider besseres Wissen vor zwei Jahren die Oberaufsicht über die Porsche AG wie auch über die neu justierte Porsche Automobil Holding SE gelassen. Einem Waldorfschüler! Seither beobachtet Vetter Ferdl, wie sich Vetter Wolferl mit Wendelin Wiedeking in den selbst ausgelegten Fallstricken einer für schlau gehaltenen Konzernübernahme langsam stranguliert. Wiedeking hatte mit dem Segen des Familienclans - und Ferdinand Piëch sitzt immerhin auch im Aufsichtsrat - nach und nach 50,76 Prozent der VW-Stammaktien erworben. Das meiste auf Kredit.

Wenn der Deal über die Bühne gebracht sei, so glaubte Wendelin Wiedeking, 56, dann würde er seine zehn Milliarden Schulden aus der gut gefüllten Kasse in Wolfsburg zurückzahlen können. Er dachte, dies sei möglich, weil bis dahin eine Besonderheit des niedersächsischen Rechts endlich von den EU-Behörden gekillt sein würde: das seit 1960 geltende VW-Gesetz. Erfolgsabonnent Wiedeking hatte deshalb nach seinem vermeintlichen Coup von den Titeln beinahe sämtlicher Wirtschaftsmagazine gestrahlt. Und Ferdinand Piëch, für den selbst der Porsche-Chef am Ende auch nur ein Angestellter unter vielen ist, er hatte mit Unmut beobachtet, wie die Henne auf einmal lauter krähte als der Hahn. Wiedeking war entfallen, dass er nicht wirklich der Boss war. Er fühlte sich wie der King of the World.

Die Banken drängten auf Zahltag

Aber der King irrte. Ausgerechnet jene Passage nämlich, die dem Land und seinem hartnäckigen Ministerpräsidenten Christian Wulff eine 20-prozentige Sperrminorität einräumte, lässt Brüssel bislang am Leben. Und Wulff nutzte dieses Recht, um zu verhindern, was mit dem schönen Begriff "Gewinnabführungsvertrag" perfekt beschrieben ist: dass Wolfsburger Geld in leere Zuffenhausener Kassen abgeführt würde. Als die Banken bei Wiedeking jetzt auf Zahltag drängten, geriet nicht nur sein schönes Projekt ins Wanken, sondern auch er selbst.

Ferdinand Piëch, so sagen Eingeweihte, habe selbst nie mit einer Änderung des Gesetzes gerechnet. Wiedeking, der wie Piëch schon als Alphatier geboren worden zu sein scheint, ist nun in Schwulitäten. Zwischen ihm und dem Alten sei es aus, hörte man am Vorabend des Hamburger Aktionärstreffens bei den Zusammenkünften der VW-Oberen.

Aber das "mit dem emotionalen Teil", wie Ferdinand Piëch sagen würde, ist lange nicht das Schlimmste. Ihm hat schon immer die Scheu gefehlt, sich von vermeintlich weniger Guten zu trennen. Und wer ist schon besser als er selbst? An eine gewisse Einsamkeit hat er sich also im Laufe seines Aufstiegs gewöhnt.

Ingenieurstypen

Viel schlimmer ist: Die weltweite Krise hat auch den Absatz der teuren Sportwägelchen erlahmen lassen. Dumm, dass der Autobauer ausgerechnet jetzt sein neuestes Modell auf den Markt bringt, den "Porsche Panamera". Benzinflüsterer wollen bereits wissen, die viersitzige Limousine werde ein Rohrkrepierer. Wendelin Wiedeking war vielleicht auch deshalb am 19. April gar nicht erst zur Präsentation nach Shanghai gereist. Er hatte eine Krankheit angegeben und das Feld neben Wolfgang Porsche demjenigen in der ersten Reihe überlassen, der derzeit noch in der Sonne steht: VW-Boss Martin Winterkorn. Der ist wie Piëch - ein Ingenieurstyp mit Hang zum kurzen Satz.

Wiedeking war stattdessen in Sachen "Refinanzierung" unterwegs. "Da nützt du uns mehr als in Shanghai", hatten seine Leute ihm gesagt. So fieberhaft wie stiekum sucht der Westfale nach einem Investor. Sogar bei den Scheichs im Morgenland.

All das hat sich Ferdinand Piëch mit kühlem Blick von seinem gelben Sommerhaus am Wörthersee angesehen, oder von Salzburg aus, wo er sonst lebt. Er sei nachdenklich geworden, wispern Freunde. Sein Gang ist längst nicht mehr so federnd wie einst. Angestrengt wirke er manchmal, ein wenig müder.

Man konnte das sehen, als er in der vergangenen Woche zur VW-Hauptversammlung die Bühne des Hamburger Kongresszentrums bestieg. Erst würdigte er weder Wolfgang Porsche noch Wendelin Wiedeking eines Blickes. Dann blieb er in größter Ruhe auf dem Podium sitzen, unterschrieb seelenruhig Dokumente und bewegte sich erst danach aufreizend langsam zu denen, die ihn zum Familienfoto mit Wolfgang, Wendelin und Winterkorn nötigten.

Hoffen auf den Jüngsten

Familienfoto! Seit einiger Zeit hat Ferdinand Piëch eine neue Hoffnung und eine Vision. Sein Jüngster, der könnte das Zeug zum Nachfolger haben. Und vielleicht würde der ja seinen ewigen Traum von der "Auto-Union" verwirklichen. Von einem Automobilkonzern, der vom Ein-Liter-Auto über Porsche bis zum Lkw alles macht. Machen kann! Der die Arbeitskräfte bündelt, Mengenvorteile bei Zulieferern herausholt, mit neuen Plattformstrategien arbeitet. Ein Unternehmen, das auf einem einzigen Band sozusagen jedes Fahrzeug bauen kann - je nach Bedarf. Das nämlich ist Ferdinand Piëchs große Vision. Nie hat er sie aufgegeben. Aber wird er noch genügend Zeit haben, das auf den Weg zu bringen?

Der Junior jedenfalls setzte sich schon als Winzling ans Steuer eines Kinder-Porsches. In Salzburg bretterte er mit dem allradgetrieben Trecker über den Hof; und in Dellach am Wörthersee düste er mit dem Golfcart durch die Büsche. So einer ist ganz nach Papas Geschmack. Für so einen will er die Stellung halten. Die Sache hat nur einen Haken: Er ist erst 14. Gerade hat er sich zur Tanzschule angemeldet. Weil "das zur Ausbildung gehört", wie seine freundliche Mutter findet.

Ein führungsstarker Piëch mit Taktgefühl und Freude am Gesellschaftstanz? Das wäre ja mal etwas ganz Neues.

Mitarbeit: Jan Boris Wintzenburg

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