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Griechenland-Krise Die Generation Staatsbankrott wandert aus


Auszug aus dem bankrotten Land: Vor allem Studenten und ausgebildete Fachkräfte fliehen vor der Finanzkrise in ihrem Heimatland. In Griechenland sehen sie keine Zukunft mehr.
Von Markus Bernath

Zwei "höllische Monate" sagt Finanzminister Evangelos Venizelos den Abgeordneten seiner Partei, der sozialistischen Pasok, voraus. Noch mehr Verhandlungen mit der EU und hoffen auf den neuen, erweiterten Rettungsschirm EFSF - dann sei Griechenland aus dem Gröbsten raus und auf dem Weg der Erholung. Doch außerhalb des Parlaments sieht alles anders aus. Vor allem die jungen Griechen glauben an keinen Kalender mehr. "Viele sind verzweifelt. Die kommen hierher und sagen: Ich will einfach nur raus", berichtet Alexander Roggenkamp, der Büroleiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Athen.

Griechenland erlebt gerade eine Auswanderungswelle. Es ist nicht die erste, die das Volk an der Ägäis durchmacht. Seit der Gründung des Nationalstaats vor bald 200 Jahren haben immer wieder Hunderttausende Hellenen der Heimat den Rücken gekehrt - notgedrungen, weil sie keine Chance mehr zum Leben bot. Vor dem Ersten Weltkrieg gingen die Griechen in die USA, nach dem Zweiten Weltkrieg bevorzugt nach Australien, während des ersten Ölschocks 1973 war das Ziel vor allem Deutschland. Jetzt macht sich die "Generation Staatsbankrott" auf den Weg. Mit 16 Prozent hat die Arbeitslosenquote den Stand der 60er- und frühen 70er-Jahre in Griechenland erreicht.

In der Not zum früheren Erzfeind

Wie lange die Krise noch dauern wird? "Fünf bis zehn Jahre", sagen Angeliki Douri und Chrissa Paraschaki, zwei 29-jährige Griechinnen, die schon einige Zeit in Istanbul leben und dort ihre Muttersprache unterrichten. Zu lange jedenfalls, um im Land der Sparzwänge und Straßenproteste auf bessere Zeiten zu setzen. "Meine Eltern waren nicht glücklich, dass ich in die Türkei gegangen bin", erzählt Chrissa. Die Ressentiments gegen den früheren Erzfeind halten sich in den meisten Familien hartnäckig. "Doch inzwischen drängen sie mich, ich soll besser bleiben." Drei Stunden Autofahrt und ein meist leerer Grenzübergang liegen zwischen ihrer Heimatstadt Alexandropolis und Istanbul.

"Es gibt keine Zukunft", meint Angeliki Douri, die aus Santorin stammt. "Die meisten meiner Freunde von der Universität sind arbeitslos und denken ans Auswandern. Sie haben kein Geld und suchen nach Stipendien." Dann kommen sie zu Roggenkamp und dessen Kollegen beim DAAD. Mediziner zum Beispiel, die eine Ausbildung zum Facharzt suchen. In Deutschland fehlen 5000 Ärzte, hatte die Bundesagentur für Arbeit unlängst erklärt und Mediziner aus den verschuldeten EU-Ländern Griechenland und Spanien angesprochen.

"Es ist eine Situation, die uns zugutekommt, die wir aber auch mit etwas Traurigkeit verfolgen", sagt Roggenkamp. "Es sind junge, überdurchschnittlich gute Leute, die alle das Land verlassen." Manche sind auch erst 17 und im letzten Schuljahr. Sie kommen dann meist in Begleitung der Mutter, um sich über das Studium im Ausland zu informieren. Medizin, Jura, Ingenieurwesen - das sind ihre Interessen.

Auf nach Australien

Giorgos Papaspyrou ist ein solcher Ingenieur. Er hat vor einem Jahr die Koffer gepackt, als klar wurde, dass die Finanzkrise noch viel größer ist als zuerst angenommen. Ein Jahr lang hat er in Cranfield in Mittelengland ein Aufbaustudium als Mechanikingenieur absolviert. Der britische Markt sei eben größer und biete mehr Karrierechancen, sagt Papaspyrou. In Griechenland hatte er sich mit einer eigenen Consultingfirma im Öl- und Gassektor versucht. Genau hier liege auch der Unterschied zu den früheren Auswanderungswellen, sagt Papaspyrou: "Griechenland wird jetzt hoch qualifizierte Kräfte exportieren wie Zahnärzte oder Ingenieure, die zwei Fremdsprachen sprechen. In den 70er-Jahren dagegen hatte die Mehrheit der Emigranten keine Ausbildung."

Anfang Oktober kommt auch das australische Einwanderungsbüro nach Athen und organisiert in der Hauptstadt zwei Tage lang eine Anwerbemesse. Eine Liste mit 300 Berufen, in denen dem Land Fachkräfte fehlen, haben die Regierungsbeamten für die neue Emigrantennation dabei. Für die Griechen schließt sich damit ein Kreis: Australien, so sagen sie, sei ohnehin die größte griechische Insel.

FTD

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