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Undercover-Reporter Günter Wallraff: "Am meisten schockiert hat mich, wie das Rote Kreuz Blutspenden zu einem Riesengeschäft ausgebaut hat"

Undercover-Rechercheur Günter Wallraff
Undercover-Rechercheur Günter Wallraff
© TVNOW / Stefan Gregorowius
Günter Wallraff hat mit seinem RTL-Investigativteam beim Deutschen Roten Kreuz hinter die Kulissen geschaut und aufgedeckt, wie die Organisation Geld verdient und wo Missstände sind. Im Interview mit dem stern spricht Wallraff über die aufwendige Recherche.

Herr Wallraff, für die Sendung am vergangenen Montag schlüpften Sie in die Rolle eines gebrechlichen Rentners, der vorgibt, auf den Hausnotruf des Deutschen Roten Kreuzes angewiesen zu sein. Wie viele Undercover-Einsätze kommen mittlerweile zusammen? 

Ach, das habe ich nicht gezählt. Ich bin gerade dabei, mein Archiv zu ordnen und mein Leben zu reflektieren. Fragen Sie mich in ein paar Monaten noch mal danach, vielleicht kenne ich dann die Antwort. Ich war mein ganzes Leben lang immer wieder undercover unterwegs; ich muss mich den Zuständen selber aussetzen, um mir ein Urteil erlauben zu können. Viele Rollen sind für mich altersbedingt heute leider nicht mehr möglich. Dafür habe ich nun ein engagiertes junges Team, das sich hier voll einbringt. Aber es ist gut möglich, dass ich auch selbst demnächst wieder in einer Rolle abtauche.

Dieses Mal haben Sie sich das Rote Kreuz vorgeknöpft, mit einem Heer von freiwilligen Helfern eine soziale Institution. Wie kam es dazu?

Es war wie so häufig: Die Themen wachsen. Immer wieder gab es Hinweise über Missstände und Fehlverhalten in der Organisation, entweder wandten sich Betroffene direkt an uns oder es berichteten andere Medien. Wir haben das über Jahre im Blick gehabt, bis wir entschieden haben, das grundlegend zu recherchieren. Am Ende für mehr als eineinhalb Jahre.

Wie gehen Sie da dran, mit einem festen Sendetermin im Kopf?

Nein, natürlich macht man sich einen Plan, wie man ein Thema präsentieren möchte. Aber grundsätzlich recherchieren wir ergebnisoffen. Es kann also genauso passieren, dass der ganze Plan kippt, weil sich Hinweise als falsch herausstellen, sich Vorwürfe schlicht nicht belegen lassen oder ein Einzelfall für eine generalisierende Berichterstattung nicht ausreicht. In diesen Einzelfällen versuche ich, hinter den Kulissen darauf hinzuwirken, dass Betroffene zu ihrem Recht kommen. Manchmal gelingt dies auch. Das kann eine größere Genugtuung verschaffen als eine gelungene Reportage.

Im Fall des DRK war auf die sanfte Tour nichts zu machen?

Das Deutsche Rote Kreuz ist bekannt dafür, dass es mit allen juristischen Mitteln gegen die vorgeht, die den Heiligenschein der gemeinnützigen Organisation infrage stellen. Durch ihre blendenden Kontakte und die Verflechtungen mit politischen Ämtern fühlt sich das DRK offenbar unangreifbar. All unsere Anfragen, mit dem Management ins Gespräch zu treten, wurden abgelehnt. Stattdessen hagelte es Stellungnahmen der Anwälte, die aber nichtssagend blieben. Gebetsmühlenartig heißt es darin, man habe seinem Mandanten DRK geraten, unsere Fragen nicht zu beantworten. 

In "Team Wallraff – Reporter undercover" sieht man Fälle, wie sich DRK-Mitarbeiter in einer Kleiderkammer an Spenden bedienen, wie auf den Hausnotrufdienst nur bedingt Verlass ist, wie Rettungswagen als Krankentransporter missbraucht werden, sodass sie in dieser Zeit nicht für Notfälle zur Verfügung stehen. Was hat Sie am meisten überrascht – vielleicht sogar empört?

Wir sind in die einzelnen Tätigkeitsbereiche des Roten Kreuzes eingedrungen, haben also eine Art Betriebsprüfungen gemacht. Dafür könnte die Organisation eigentlich dankbar sein. Überrascht hat mich deswegen, wie Fehlverhalten von der Dachorganisation in Berlin einfach hingenommen wird, wie Mängel als regionale Einzelfälle abgetan werden. Dabei haben wir für jeden gezeigten Fall noch mindestens zwei oder drei weitere Belege, die nicht im Film auftauchen. Meine Erwartung war, dass das Rote Kreuz einmal in sich geht, doch das ist bislang ausgeblieben. Die Chuzpe des DRK, sich über die Vorwürfe einfach hinwegzusetzen, ist wirklich erstaunlich.

Am meisten schockiert hat mich, wie das Rote Kreuz Blutspenden zu einem Riesengeschäft ausgebaut hat. Der Verein gibt nicht preis, wie hoch der Gewinn ist, den er mit gespendetem Blut macht. Nach unserer Schätzung verdient er rund 110 Euro an jedem halben Liter. Eine halbe Milliarde Euro setzt die Branche insgesamt im Jahr in diesem Blutsektor um, der Anteil des DRK liegt sicher bei 70 Prozent. Das heißt: Was die Spender kostenfrei abgeben, um einen vermeintlichen Dienst an der Gesundheit zu leisten, wird mittlerweile weltweit vertrieben und ist zu einer Handelsware geworden. Mir widerstrebt es, da von einer Wohltätigkeitsorganisation zu sprechen. Aus meiner Sicht ist das DRK, unter Ausnutzung seiner zigtausend aufopferungsvollen Ehrenamtlichen an der Basis, ein gewinnorientierter Konzern. Empörend finde ich außerdem, dass die Geschäftsführung die satten Gehälter, die sie auch aufgrund der glänzenden Profite mit Blut erzielt, nicht einmal offenlegt. 

Das Deutsche Rote Kreuz ist dezentral organisiert. Liegt nicht auch darin die Krux, warum es so schwer ist, Verantwortlichkeiten festzumachen?

Ja, ich bin überzeugt, das ist mit Absicht so organisiert, um bei Missständen nie das gesamte Rote Kreuz in Erklärungsnot zu bringen. Dank der föderalen Struktur kann man im Präsidium leicht auf regionale Verantwortlichkeiten verweisen. Dabei wird übersehen, dass das Spendensiegel nur an die Spitzenorganisation in Berlin vergeben wird, nicht aber an einzelne Landes- und Kreisverbände. So leicht kann sich der Dachverband also nicht rausreden.

Würden Sie sich beim Roten Kreuz angesichts der Kritik noch engagieren?

Ich halte ehrenamtliches Helfen für sehr bewundernswert, an dieser Überzeugung hat sich bei mir durch die Recherchen nichts geändert. Ich habe großen Respekt vor den vielen Menschen, die sich beim Roten Kreuz einsetzen. Doch sie wissen nicht, dass sie dabei auch ausgenutzt werden.

rw

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