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INDUSTRIE: Grundig: Niedergang eines Riesen

Entlassungen gehören zur Tagesordnung, das x-te Rettungskonzept soll umgesetzt werden: Ob die Sanierung des einstigen Paradeunternehmens gelingt, scheint fraglich.

Neue Massenentlassungen bringen derzeit das Traditionsunternehmen Grundig erneut in die Schlagzeilen. Bis zum Jahresende verlieren in den Werken Bayreuth und Nürnberg knapp 1.300 Mitarbeiter des Elektronikkonzerns ihren Arbeitsplatz. Sozialpläne sollen die Entlassungen abfedern. Trotz der schweren Schicksalsschläge für die Betroffenen - viele Grundig-Mitarbeiter haben mit der Krise zu leben gelernt. Schließlich schliddert das Traditionsunternehmen seit mehr als zwei Hätte Grundig gerettet werden können? Teilen Sie uns Ihre Meinung im Wirtschaftsforum mit! Jahrzehnten von einer Krise in die andere. Personalabbau gehört fast schon zum Alltag.

Anschluss verpasst

Der schleichende Niedergang des Weltunternehmens begann in den 80er Jahren. Damals verpasste das Unternehmen mit seinen einstmals rund 38.000 Mitarbeitern den Anschluss an neue Entwicklungen und rutschte in tiefrote Zahlen. Zehntausende Grundig-Mitarbeiter wurden seitdem entlassen.

Hausgemachte Probleme

Bis heute hat sich die Grundig AG davon nicht erholt. Im Jahr 2000 lag der operative Verlust bei fast 75 Millionen DM (38,4 Mio ?) nach 55 Millionen DM im Vorjahr. Die Probleme sind bis heute zumeist hausgemacht: Der Konzern hat sich mit einer breit gefächerten Palette von rund 1.000 verschiedenen Produkten verzettelt. Trotz Billig-Fernseher aus Fernost und Marktflaute blieb das Unternehmen immer noch auf das ertragsschwache Fernseher-Geschäft ausgerichtet.

Philips ging, Konsortium kam

1996 stand Grundig deshalb kurz vor dem Aus. Der Konzernverlust lag bei 631 Millionen DM. Der niederländische Konkurrent Philips, der Grundig 1984 übernommen hatte, zog sich daraufhin 1997 wieder zurück. Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu machte sich für eine Rettung des ehemaligen Weltkonzerns stark. Unter seiner Regie bildeten im Jahr 1997 bayerische Banken, Versicherungen, Sparkassen und der Rosenheimer Antennenbauer Anton Kathrein ein Konsortium. Insgesamt wurden Kredithilfen von 270 Millionen DM für die Sanierung bereitgestellt.

Gutachten nie umgesetzt

Die Unternehmensberatung Roland Berger erstellte unterdessen ein Gutachten. Demnach sollte Nürnberg Produktionsstätte für die zukunftsträchtigen hochpreisigen Geräte werden. Am Standort Wien sollten dagegen Billig-Geräte hergestellt werden. Doch umgesetzt wurde das Konzept nie. Stattdessen wurden in Wien Fernseher in der mittleren und höheren Preislage produziert. Nürnberg erhielt dafür die Billig-Produktion aus Ungarn zurück, die sich jedoch in Deutschland nicht rechnet und deren Absatz auch noch zurück geht. Das Werk im Stadtteil Langwasser blieb deshalb in den roten Zahlen.

Standort Nürnberg vernachlässigt

Offen kritisierten IG Metall und Betriebsrat immer wieder die schlechte finanzielle Situation und die fehlenden Konzepte zur Ausrichtung des Unternehmens. So ist das Werk am Stammsitz für die Produktion von jährlich einer Million Fernseher ausgerichtet, aber nur 700.000 wurden im vergangenen Jahr produziert. In Wien verließen dagegen rund 1,6 Millionen TV-Geräte das Werk. Der Standort Nürnberg wurde bewusst vernachlässigt, kritisierten IG Metall und Betriebsrat.

Gewinne nur durch Verkäufe

Selbst der ehemalige Vorstands-Chef Herbert Bruch musste eingestehen: »Wir haben sicher das eine oder andere nicht so umgesetzt, wie es angesetzt war.« Gewinn konnte der Grundig-Konzern nur durch die Auflösung von Rücklagen ausweisen. Mitte vergangenen Jahres mehrten sich die Gerüchte, Grundig- Großaktionär Anton Kathrein wolle die Produktion in Nürnberg- Langwasser »nicht um jeden Preis« aufrechterhalten. Der Vorstand teilte mit, die Produktionsstandorte im In- und Ausland auf den Prüfstand zu stellen. Die Unternehmensberatung Roland Berger entwarf ein neues Restrukturierungskonzept.

Und wieder ein neues Konzept

Im März kündigte das Unternehmen die Verlagerung der TV-Geräte-Produktion nach Wien an. Grundig erhofft sich damit Einsparungen bis zu 20 Millionen DM. Von konzernweit 5.900 Stellen sollen 900 bis zum Ende des Jahres abgebaut werden. Dabei war der Druck auf Grundig groß: Denn die Banken knüpfen ihren Geldfluss an die Umsetzung des Berger-Konzeptes. Dies sieht unter anderem die Verlagerung der Fernseher-Produktion vor. Ein Gegenkonzept des Betriebsrates, das den Erhalt und sogar den Ausbau des Nürnberger Standortes vorsieht, wurde abgelehnt. Auch zahlreiche Protestaktionen der Beschäftigten vermochten das Management nicht mehr umzustimmen.

Abfindung führt in die Arbeitslosigkeit

Abfindungszahlungen sind wie jüngst im Fall Grundig bei Massenentlassungen nach Ansicht des Nürnberger IG Metall-Chefs Gerd Lobodda immer nur die zweitbeste Lösung. Sozialplan-Verhandlungen sollten daher künftig in erster Linie versuchen, Arbeitslosigkeit zu verhindern, etwa mit der Gründung von Auffang- und Beschäftigungsgesellschaften. Der IG Metaller beruft sich dabei auf frühere Kündigungswellen bei Grundig und anderen Industriefirmen der Region. Von den danach in Beschäftigungsgesellschaften übernommenen gekündigten Kollegen konnten innerhalb eines Jahres immerhin 70 Prozent wieder auf einen regulären Arbeitsplatz vermittelt werden. Solche Modelle haben den Vorteil, dass Mitarbeiter nicht aus dem Arbeits-Alltag herausgerissen werden. Häufig bieten sie den Betroffenen sogar Möglichkeiten, sich weiter zu qualifizieren, was ihre Vermittlung erleichtert.

Die Eckpunkte des Grundig-Sozialplans

Der vom Betriebsrat und dem Grundig-Vorstand verabschiedete Sozialplan für die rund 1080 von Entlassung bedrohten Grundig-Mitarbeiter in Nürnberg hat ein Volumen von rund 56 Millionen DM. Die Höhe der einzelnen Abfindung hängt von der persönlichen Situation des jeweiligen Mitarbeiters ab. Die Eckpunkte des Sozialplans sind im einzelnen: Alle von Kündigungen betroffenen Beschäftigten, auch solche mit sehr kurzer Betriebszugehörigkeit, erhalten einen Sockelbetrag von 5.000 Mark. Der Sockelbetrag erhöht sich pro Kind um 2.000 Mark, allein Erziehende erhalten 1.000 Mark mehr. Für Schwerbehinderte haben Betriebsrat und Vorstand zudem einen zusätzlichen Festbetrag von 5.000 Mark vereinbart. Der Abfindungsbetrag steigt mit der Betriebszugehörigkeit. Bei Arbeitnehmern, die älter als 57 Jahre alt sind, kommt noch ein so genannter Nachteilsausgleich für drohende Rentenabschläge als Folge der Arbeitslosigkeit hinzu. Die Höhe schwankt zwischen 55.000 Mark bei einem 57-Jährigen und 5.000 Mark bei einem 64-Jährigen. Die Obergrenze der gezahlten Abfindungen pro Arbeitnehmer liegt bei 100.000 DM. Etwa zehn Prozent der betroffenen Grundig-Mitarbeiter können mit einem solchen Betrag rechnen. - Nach Berechnungsbeispielen des Betriebsrats kann ein 30 Jahre alter Familienvater mit zehn Jahren Betriebszugehörigkeit und einem Kind mit einer Abfindung von 18.250 Mark rechnen. Ein 50 Jahre alter Mitarbeiter mit 25 Jahren Betriebszugehörigkeit, Familie und einem Kind erwarten 82.000 Mark. Zusätzlich zu dem Abfindungsvolumen von 53 Millionen Mark verständigten sich Arbeitnehmer-Vertreter und das Grundig-Management auf eine Anschubfinanzierung von drei Millionen DM für eine Beschäftigungs-Gesellschaft. In ihr sollen Ex-Grundig-Mitarbeiter weiterqualifiziert werden, um ihre Vermittlung in andere Industrieunternehmen zu erleichtern.