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Infineon: Auf der Flucht

Rambo-Methoden beim Ex-Börsenliebling Infineon: Die Halbleiterfirma flieht vor zu hohen Steuern ins Ausland. Und jedes Jahr fliegen die schwächsten fünf Prozent der Mitarbeiter raus.

Gegen Mitternacht, wenn sich Dunst über den Starnberger See legt, sitzt Ulrich Schumacher in seinem Anwesen und ringt um Entspannung. Nach 16 Arbeitsstunden kann er sein Gehirn nur mühsam herunterfahren. In den vergangenen zwei Geschäftsjahren hat der Chef des Halbleiterproduzenten Infineon Tag für Tag rund drei Millionen Euro Verlust eingefahren. Da kommt man ins Grübeln.

Es ist der Standort Deutschland, der den 44-Jährigen um den Schlaf bringt: die Lohnnebenkosten, die Gewerkschaften, die Steuerlast. Ihnen gibt er große Schuld an seinem Finanzdebakel. 5.500 Mitarbeiter hat Schumacher bereits entlassen, die Buchhaltung ins billige Portugal verlegt. Jetzt geht er dem vermeintlichen Übel an die Wurzel und bricht zwei Tabus. Schumacher verlegt den Firmensitz des Siemens-Ablegers ins steuergünstige Ausland. Und er plant den jährlichen Rauswurf der leistungsschwächsten fünf Prozent seiner Belegschaft.

Maulheldentum? "Nein", beteuert der Elektroingenieur, "es geht um unsere Wettbewerbsfähigkeit." Und um die der Infineon-Aktien. Das Papier, das beim monströs umworbenen Börsengang im März 2000 die halbe Nation in die Geldgier trieb und 33-fach überzeichnet war, ist abgestürzt. Vom Höchstkurs von 92,50 Euro sind mehr als 93 Prozent verschwunden. Schumacher kann's nicht fassen: Infineon sei doch das am schnellsten wachsende Unternehmen der Branche. Die Börsianer lässt sein Trommeln kalt. Seine Erfolge der Anfangsphase zählen nichts mehr: wie er 1996 das kränkelnde Halbleitergeschäft bei Siemens übernahm, kräftig aufräumte und 1999 ausgründete. Oder wie Schumi, wie ihn Kollegen nennen, siegessicher im Rennwagen zum Börsengang vorfuhr. Heute zählt dies: Für 2002 musste Infineon bei 5,2 Milliarden Euro Umsatz 1,1 Milliarden Euro Verlust melden. Wie ernst die Lage ist, glauben Kollegen an Äußerlichkeiten zu erkennen. Statt in sportivem Rolli oder Poloshirt flüchte sich Schumacher immer häufiger in Anzug und Krawatte. 118 Tage Resturlaub drohen zu verfallen. Er hat einige seiner acht Porsches verkauft.

Sparsamkeit will er Infineon jetzt beibringen, auf die rigorose Art. Mit seinem ersten Tabubruch, der Republikflucht aus Steuergründen, hofft Schumacher, Milliarden zu sparen: "Ich gebe mein Geld lieber für Forschung, Entwicklung und gute neue Mitarbeiter aus als für hohe Steuern." Seine Finanzexperten rechnen gerade, ob die Schweiz, Singapur oder die USA die geeignete Heimat ist. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Entscheidung noch dieses Jahr in den Aufsichtsrat kommt."

Was müsste die deutsche Regierung tun, um Infineon im Lande zu halten? "Was heißt halten?", fragt Schumacher. "Wir bauen den Konzern so um, dass 15.000 Mitarbeiter trotz ungünstiger Lohn- und Lohnnebenkosten in Deutschland verbleiben können. Das ist unser Beitrag für den Standort Deutschland." Hat er keine Skrupel? Schließlich sichern in Deutschland ausgebildete Fachkräfte das exzellente technische Wissen und Renommee Infineons. Nein, sagt Schumacher, an die 150 Millionen Euro Steuern pro Jahr werde der Konzern ungefähr auch weiterhin an das Finanzamt zahlen. "Unsere Steuerlast ist nicht abschätzbar. Aber ein solcher Betrag wäre, gemessen an dem, was wir an Vorteilen durch Hochschulen und Infrastruktur genießen, angemessen."

Klasse, Schumi, jubeln Manager. BASF-Vize Max Dietrich Kley etwa, der den Infineon-Aufsichtsrat leitet, rät, Holdings ins Ausland zu bringen, um Steuergier und Mitbestimmung auszuhebeln.

Solidarität unter Firmenlenkern findet Schumacher auch für den zweiten Tabubruch, die jährliche Kündigungsrunde für leistungsschwache Kollegen. Kürzlich forderten Rolf Breuer, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, und Herbert Henzler, Partner der Unternehmensberatung McKinsey, die Mitbestimmung in den Betrieben einzuschränken. Opel-Deutsch-land-Chef Carl-Peter Forster verlangt eine "konsequentere Leistungsorientierung".

Schumacher will künftig unter den Mitarbeitern die fünf Prozent, die am schwächsten sind, Jahr für Jahr herausfiltern. Die Theorie dazu stammt vom ehemaligen General-Electric-Chef Jack Welch. Der glaubte, dass jede Firma aus 20 Prozent Spitzenkräften, 70 Prozent Mittelmaß und zehn Prozent Saftlosen besteht, die gefeuert werden müssen. Für Infineon denkt sich Schumacher das so: Jeder Mitarbeiter, der von seinem Vorgesetzten als Schwächling geoutet wird, weil er die Ziele nicht erreicht hat oder sich unbotmäßig verhält, bekommt eine letzte Chance. Nutzt er die nicht, bietet ihm sein Chef einen Aufhebungsvertrag an. Akzeptiert er ihn nicht, folgt eine verhaltens- oder personenbedingte Kündigung. Die Rankings der Leistungskraft werden international aufgestellt, da jeder zweite Mitarbeiter im Ausland arbeitet.

Schumacher sieht die Belegschaft im Chipwerk Dresden als Beweis für die Richtigkeit seines Kurses: "Kein Mensch findet es gut, wenn Leistung nicht belohnt wird und Minderleistung ohne Konsequenzen bleibt." Die Elbstädter sind als einzige deutsche Dependance tariflich ungebunden und arbeiten nach der neuen Leistungskultur. Die Löhne, bestätigt der örtliche Betriebsrat, zählen trotzdem - oder deshalb - zu den höchsten im Konzern. "Und die Stimmung ist mit am besten, wie die jüngste Mitarbeiterbefragung zeigt", jubelt Schumacher. "Das liegt auch daran, dass wir in Dresden stärker leistungsorientiert vergüten."

Der gemäßigte Flügel des Münchner Gesamtbetriebsrats ist bereit, über die Fünf-Prozent-Regel zu verhandeln. "Wenn man sie schon nicht abwenden kann, ist es besser, darüber zu reden, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern", sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende und Aufsichtsrat Klaus Luschtinetz. Schumacher braucht die Arbeitnehmer, sonst hat sein Plan, jährlich 750 der 15.000 deutschen Beschäftigten auszuwechseln, hierzulande keine Chance. Die IG Metall stemmt sich gegen die Pläne. Als der Infineon-Vorstand bei einer Betriebsversammlung Mitte Februar die Pläne präsentierte und die Chefetage in einem Schaubild unter dem Begriff "Visions" firmierte, zitierte IG-Metall-Funktionär Wolfgang Müller Altkanzler Helmut Schmidt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Und traf damit den Unmut der Belegschaft.

Schumachers Fantasie geht längst weiter. Er bietet an, bei der nächsten Gehaltsrunde mehr zu zahlen, als die Gewerkschaften fordern - zu seinen Spielregeln: "Wenn die Tarifpartner drei Prozent mehr verlangen, bin ich bereit, vier zu geben. Aber nur, wenn wir selbst entscheiden können, wer im Unternehmen wie viel Zuschlag bekommt. Unsere Philosophie ist, dass Leistung honoriert wird."

Rolf-Herbert Peters / print