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Interview: "Deutsche sind mitschuldig"

Der Anwalt des einstigen russischen Öl-Magnaten Michail Chodorkowskij macht deutsche Politiker und Manager mitverantwortlich für Menschenrechtsverletzungen in Russland. Dabei hat er besonders Ex-Kanzler Schröder im Visier.

Der Kanadier Robert Amsterdam, 50, ist Chefverteidiger des ehemaligen Öl-Milliardärs Michail Chodorkowskij. Er macht deutsche Politiker mitverantwortlich für Menschenrechtsverletzungen in Russland - und glaubt, dass seinem Mandanten niemand besser helfen kann als Angela Merkel, die diese Woche Präsident Putin trifft.

stern.de: Ihr Mandant wurde vergangene Woche von einem Mitgefangenen im Schlaf mit einem Messer angegriffen. Wie kann so etwas passieren?

Robert Amsterdam: Krasnokaminsk in Sibirien, wo er eingesperrt ist, liegt zwar sieben Zeitzonen von Moskau entfernt, aber dort passiert nichts, was nicht auf höchster Ebene abgesegnet wurde.

Es heißt, er wäre plötzlich aufgewacht, mit einer heftig blutenden Wunde unterm Auge, der Angreifer sei jedoch schon verschwunden gewesen. Angeblich wurde Chodorkowskij Opfer eines Bandenkriegs, der um die Vorherrschaft im Gefängnis ausgebrochen ist.

Bevor Michail Chodorkowskij nach Krasnokaminsk kam, gab es dort zwei Agenten des Geheimdienstes FSB, jetzt sind es zwölf. Einer ist ständig bei ihm. Die Chance, dass irgendein Angriff ohne Wissen des FSB passiert, ist gleich Null.

Ihr Mandant gilt als politischer Gefangener, aber verurteilt wurde er wegen Veruntreuung und Steuerhinterziehung...

Es war ein Schauprozess. Jeder, der ihm beiwohnte, kann das bezeugen. Dieser Prozess sollte zeigen: Wer diese Regime angreift, wird zur Zielscheibe dieses Regimes. Deshalb auch die ständigen Übergriffe gegen Chodorkowskij. Zweimal wurde er bereits in eine Isolationszelle gesperrt. Weil er nicht genehmigte Unterlagen über Rechte von Gefangenen las, und dann, weil er an irgendeiner verbotenen Stelle Tee getrunken hat. Er versucht, ein Musterhäftling zu sein. Aber sie finden immer irgendetwas gegen ihn.

Im ersten Fall hat ein Gericht in Krasnokaminsk gerade entschieden, dass die fünf Tage Isolationshaft rechtswidrig waren.

Das freut mich natürlich. Aber ich sehe darin keinen Trend. Meine Erfahrungen mit dem russischen Rechtssystem sprechen dagegen.

Außerdem wurde ihr Mandant aus dem Massenschlafsaal in eine Einzelzelle verlegt.

Darüber bin ich eher besorgt. Wenn jetzt etwas passiert, gibt es keine Zeugen.

Vergangenes Jahr in Moskau kamen nachts fünf Polizisten in Ihr Hotelzimmer, stempelten Ihr Visa ungültig und forderten sie auf, Russland binnen 24 Stunden zu verlassen. Warum sind Sie seitdem ständig in Berlin?

Wenn ich nicht in Moskau sein kann, ist Berlin der Ort, wo ich am meisten für meinen Mandanten tun kann. Keine Regierung der Welt, Herr Bush inklusive, hat so einen Einfluss auf den Kreml wie Deutschland. Das Zynische ist jedoch, welch wahnsinnige Angst in Deutschland vor Russland herrscht. Ich hatte mal ein Treffen mit dem Mitarbeiter eines Bundestags-Abgeordneten gegenüber der russischen Botschaft. Der wurde plötzlich ganz blass und begann zu zittern, weil er fürchtete, jemand könnte ihn heimlich mit mir fotografiert haben. Und Klaus Mangold...

...der Vorsitzende des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft...

...warnt öffentlich davor, russische Empfindlichkeiten durch Kritik an Putin zu verletzen. So etwas in einer Demokratie zu hören - das ist schockierend.

Kanzlerin Merkel, die sich gerade in Tomsk mit Präsident Putin trifft, hat sich vorgenommen, mit Kritik nicht hinterm Berg zu halten.

Die Atmosphäre ist besser geworden. Aber ich kann nicht sagen, dass ich offene Türen einrenne.

Die deutsche Wirtschaft sieht in Russland einen verlässlichen Partner.

Es gibt in Deutschland mächtige Unternehmen, die stellen ihr Profitinteresse über alles. Ich habe Frau Merkel leider noch nicht getroffen, aber wenn ich sie treffen würde, wäre meine dringende Bitte: Lassen Sie untersuchen, wer in Deutschland von der Zerschlagung des Yukos-Konzerns profitiert. Es geht nicht nur darum, dass es der Kreml auf die Ölvorkommen abgesehen hatte oder Chodorkowskijs politisches Engagement stoppen wollte. Es geht ums Gas. Chodorkowskij hatte vor, in großem Stil ins Gasgeschäft einzusteigen. Er hatte erkannt, welche Chance der Markt bietet. Vor allem angesichts der Preise, die in Deutschland gezahlt werden.

Soll dass heißen, Gas wäre heute billiger, wenn Michail Chodorkowskij noch Yukos-Chef wäre?

Der Konsument, Ihr Leser, muss verstehen, dass er ein irrsinniges Geld für Gas bezahlt. Es gibt auf dem deutschen Markt keinen privaten russischen Anbieter, nur Gasprom. Und Gasprom ist Russland. Alle, die die Ostsee-Pipeline vorangetrieben haben, sind massiv daran interessiert, dass Deutschland von russischem Gas abhängig wird.

Eon, Ruhrgas und Wintershall halten 49 Prozent an der Pipeline-Gesellschaft, die Dresdner Bank stellt das Management, und die Deutsche Bank sowie die Commerzbank wirkten zuletzt massiv an der Insolvenz von Yukos mit. Wollen Sie die Firmen etwa als Mafia-Kartell hinstellen?

Nein, keine Mafia. Denn die Mafia genießt keinen Rückhalt in Regierung und Gesellschaft. Deutsche Unternehmen schon. Frau Merkel muss verstehen, dass unter ihrem Vorgänger ein Deal gelaufen sein muss. Dieser Deal führte zum Kurswechsel deutscher Politik. Warum das plötzliche Schweigen in Menschenrechtsfragen, wo doch Gerhard Schröder früher einer der schärfsten Kritiker der Situation in Tschetschenien war? Heute wird er als Aufsichtsrats-Vorsitzender der Pipeline-Gesellschaft von Gasprom bezahlt.

Wollen Sie damit sagen, Deutschland sei mitschuldig an Menschenrechtsverletzungen in Russland?

Wenn die Deutschen schweigen, wird das von Russland als Legitimation verstanden. Wir erleben zur Zeit, wie sich Russland zu einem autoritäreren, anarchischen, hochkorruptem Regime entwickelt. Und je stärker Europa von russischer Energie abhängig wird, desto aggressiver wird russische Politik.

Was könnte Angela Merkel denn für Ihren Mandanten tun?

Sie hat wie kaum ein anderer außerhalb Russlands die Macht, darauf einzuwirken, dass er einen neuen, fairen Prozess bekommt. Wenigstens könnten wir mit Hilfe der deutschen Regierung erreichen, dass er näher bei seiner Familie inhaftiert wird. Unter menschenwürdigeren Bedingungen. In Krasnokaminsk sind im vergangenen Jahr zwei Häftlinge unter brutalen Umständen gestorben.

Ihr Mandant fordert die Regierung heraus. Zuletzt ließ er ein von ihm entworfenes Regierungsprogramm veröffentlichen, in dem er die Kreml-Mannschaft als mittelmäßig und als Banditen bezeichnet. Warum versuchen Sie nicht, ihn davon abzuhalten?

Selbst wenn ich wollte, ich könnte es nicht. Michail Chodorkowskij ist ein Mann, der etwas zu sagen hat. Und er weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Deshalb wird er nicht schweigen.

Interview: Andreas Albes