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Klaus Rauscher geht: Vattenfall opfert seine Bosse

Die Vattenfall-Bosse kommen die Pannen in Krümmel und Brunsbüttel teuer zu stehen: Erst musste der Atom-Chef gehen, jetzt auch der Europa-Chef. Der Aufsichtsratschef räumte ein, man habe seine Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen. Die Branche fürchtet um ihr Image.

Jetzt rollen die Köpfe: Der Chef des Energiekonzerns Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, 58, gibt nach den Pannen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel und der anschließenden Kritik an der Informationspolitik des Konzerns sein Amt auf. Das bestätigte Aufsichtsratschef Lars G. Josefsson am Mittwoch in Berlin. Er habe die Mitteilung Rauschers, seinen Posten zur Verfügung zu stellen, angenommen, sagte Josefsson. Der Aufsichtsrat werde sich formal aber erst an diesem Donnerstag mit der Personalie beschäftigen.

"Gesellschaftliche Verantwortung nicht wahrgenommen"

Josefsson räumte ein, dass das Unternehmen bei der Reaktionen auf die Pannen in den Kraftwerken "seine gesellschaftliche Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen" habe. Er sicherte zu, künftig mit größtmöglicher Offenheit über Zwischenfälle in Atomreaktoren zu informieren. Damit solle verspieltes Vertrauen zurückgewonnen werden. In einer Pflichtmitteilung hatte das Unternehmen mitgeteilt, "bis zu einer weiteren Befassung des Aufsichtsrates" sei Vertriebsvorstand Hans-Jürgen Cramer gebeten worden, "die Aufgabe eines Sprechers des Vorstandes wahrzunehmen".

Rauscher selbst sagte, es sei nicht zu verkennen, dass die Vorgänge der vergangenen Wochen dem Ansehen der Vattenfall Europe AG geschadet hätten. Es seien Fehler gemacht worden, für die er als Vorsitzender des Vorstandes die Verantwortung zu tragen habe. Das Unternehmen müsse nun vor allem mit Blick auf seine Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter verloren gegangenes Vertrauen rasch zurückgewinnen. Um einem solchen Neuanfang nicht im Wege zu stehen, hätte er angeboten, sein Amt zur Verfügung zu stellen.

Nicht der erste Rücktritt

Erst am Montag hatte sich Vattenfall Europe vom Chef der Atom-Sparte, Bruno Thomauske, getrennt. Auch Konzernsprecher Johannes Altmeppen hatte sein Amt aufgegeben. Rauscher blieb aber wegen der Informationspolitik des Unternehmens weiter in der Kritik. Auch der Eon-Chef Wulf Bernotat hatte das Verhalten Vattenfalls gerügt und den Konzern zur lückenlosen Aufklärung der Pannenserie in den gemeinsamen Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel aufgefordert. Die Vorfälle seien "sehr ärgerlich, weil sie ein generell falsches Licht auf die Kernkraft werfen", sagte er dem stern in einem vorab veröffentlichten Interview. Bernot fügte hinzu, er rate Vattenfall "dringend zu schneller, klarer und offener Kommunikation".

Am Mittwochmorgen hatte die Deutsche Umwelthilfe (DHU) nicht nur Vattenfall, sondern auch die schleswig-holsteinsche Sozialministerin Gitta Trauernicht, SPD, aufs Korn genommen. In Berlin berichtete sie von den Ergebnissen eines Expertengutachtens vom Juni 2006 zur Sicherheit im Kernkraftwerk Brunsbüttel und führte insgesamt 165 riskante Schwachpunkte an. Der Verband kritisierte, dass die im Jahr 2001 bei einer periodischen Sicherheitsüberprüfung vorgenommenen Überprüfungen eigentlich binnen zwei Jahren hätten abgeschlossen werden müssen und unterstellte der Ministerin taktische Motive beim Umgang mit der Mängelliste. Vattenfall bezeichnete die vorgestellte Liste als veraltet. Inzwischen habe das Unternehmen die geforderten technischen Nachweise geliefert.

Ministerin veröffentlicht Mängelliste

Tatsächlich hat der Betreiber nach Angaben der Kieler Atomaufsicht inzwischen Sicherheitsnachweise geliefert. "Für über 100 dieser Punkte liegen abgeschlossene, positive Prüfergebnisse der Gutachter vor", sagte Trauernicht in Kiel. "Die übrigen Punkte befinden sich im laufenden Begutachtungsverfahren." Die Gutachten sollten bis Ende September abgeschlossen sein, das gesamte Verfahren bis Ende des Jahres. Das Ministerium veröffentliche die Mängelliste im Internet. Der schleswig-holsteinsche SPD-Chef Ralf Stegner stellte sich am Mittwoch hinter die Ministerin. "Die schleswig-holsteinische Atomaufsicht mit Gitta Trauernicht an der Spitze hat geleistet, was zu leisten war, um Schaden von der Bevölkerung fern zu halten", sagte Stegner am Mittwoch in Kiel. Er stehe wie der ganze Landesvorstand fest an der Seite Trauernichts, "wenn es um die vollständige Aufklärung der Ereignisse besonders in Krümmel und wenn es um die Frage der Zuverlässigkeit oder besser der Unzuverlässigkeit des Betreibers geh".

DPA/AP / AP / DPA