HOME

Landwirtschaft: Nur Regen bringt Segen

Die kommenden Tage sind für deutsche Landwirte entscheidend: Nach dem trockensten April aller Zeiten hängt die künftige Ernte nun von der Regenmenge ab. Dass aber Bier und Milch teurer werden, liegt weder am Wetter, noch an den Bauern.

Von Karin Spitra

Auch Bauern mögen Sonne und warmes Wetter. Was sie hingegen nicht mögen ist Trockenheit - und von der hatten sie gerade reichlich. Mitten in die Haupt-Wachstumsphase im Frühling fiel der trockenste April aller Zeiten. So fielen allein im April 2007 gerade mal vier Liter Wasser je Quadratmeter. Normal wären jedoch 60 Liter, erklärt Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Deshalb bräuchten die Bauern jetzt auch "14 Tage sauschlechtes Wetter mit viel Wasser", so Born im Deutschlandfunk. Nicht umsonst heißt eine gängige Bauernregel: "Ist der Mai kühl und nass, füllt's dem Bauern Scheuer und Fass".

"Regen wird überall gebraucht"

Auch Gerd Sonnleitner würde am liebsten Regentänze aufführen: "Getreide, Mais und Rüben, aber auch Obst und Gemüse sowie unsere Wiesen und Weiden lechzen im wahrsten Sinne des Wortes nach Wasser", sagte der DBV-Präsident jüngst in der "Berliner Zeitung".

Die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) in Bonn verkündete nach einer Befragung von Ackerbauern, dass die Landwirte die Trockenheit im April "mit großer Besorgnis" sehen. Allgemeiner Tenor: "Regen wird überall dringend gebraucht." Besonders sichtbar seien die Folgen der Trockenheit bisher bei Wintergetreide und Winterraps in ostdeutschen und niedersächsischen Gebieten mit leichten, sandigen Böden.

Mögen einem die Klagen der Agrarbranche egal sein - spätestens, wenn sich die Trockenheit auf die Lebensmittelpreise auswirkt, sind Verbraucher alarmiert. Um bis zu 20 Prozent sollen diese nach Expertenschätzung steigen. "Besonders betroffen sind Produkte wie Kartoffeln, Gemüse und Getreide, denen die Dürre extrem zu schaffen macht", so Claudia Kemfert, Umweltexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kürzlich in einem Zeitungsinterview. Entspannter sieht die aktuelle Marktlage Metro-Chef Hans-Joachim Körber. Der warnte vor überzogenen Befürchtungen, immerhin gebe es ja den europäischen Fruchtmarkt. "Wir müssen nicht nur auf die deutschen Bauern schauen, wir kaufen schließlich auch viel in Italien oder Spanien."

Guter Start ins Jahr - eigentlich

Dabei waren die Voraussetzungen eigentlich so gut, wie schon lange nicht mehr. "Wir sind in diesem Jahr gut aus dem Winter gekommen," sagt Michael Lohse von DBV. Keine Frostschäden, erträgliche Temperaturen - sogar die Obstblüte ging diesmal ohne Kalamitäten ab. Und dann der April: "Weil es so warm und trocken war, sind wir der Natur um drei Wochen voraus." Laut Lohse ist für die Bauern also schon Ende Mai - und gleichzeitig ist das die Hauptwachstumszeit, wenn die Pflanzen Nährstoffe brauchen. Dass dies gleich in ruinösen Bedingungen für die Landwirtschaft mündet, will er aber auch nicht gelten lassen: "So regional wie das Wetter sind auch die Auswirkungen auf die einzelnen Landwirtschaftsbetriebe." Auch an der Backtheke dürfte es keinen Grund zur Panik geben: Der Getreidepreis schlägt nur mit zwi Cent auf den Ladenpreis eines Brötchens durch.

Bringt Tief "Carsten" jetzt also Regen, dann kann das für den Süden Deutschlands Entwarnung und Rettung sein, während die sandigen Böden in Brandenburg und Niedersachsen noch lange nicht aus dem roten Bereich sind. "Es ist also eine Sache der Standortbezogenheit, ob ein Einzelbetrieb vor irreparablen Schäden steht - oder nicht", fasst der Bauernvertreter zusammen. Nur, dass die Bauern immer an den steigenden Lebensmittelpreisen Schuld seien, will er nicht gelten lassen. Denn dass 2007 wohl wieder mit steigenden Bierpreisen zu rechnen sein wird, sei nicht Schuld der Bauern, so Lohse, sondern eigentlich der Brauereien. Die hätten den Bauern jahrelang nur Mindestpreise für Gerste und Hopfen zahlen wollen - mit dem Effekt, dass nun die Anbauflächen zurückgingen, weil die Landwirte auf viel versprechendere Fruchtfolgen ausweichen würden.

Getreide

Die zentrale Markt- und Preisberichtsstelle sieht bei den Getreidebeständen auf die Bauern nennenswerte Ertragseinbußen zukommen. Hauptsächlich liege das an den Getreideschäden, die durch die bisherige Trockenheit verursacht würden. Im Norden käme zudem noch ein Virusbefall hinzu (Gelbverzwergungsvirus). Besonders betroffen ist derzeit die Wintergerste.

Doch mit den Folgen der Trockenheit kämpfen auch viele andere europäische Länder: Auch in Nordfrankreich, Norditalien, Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn fehlt der Regen. Dennoch sind genauere Aussagen über das Ausmaß der Trockenschäden und Ernteergebnisse - ebenso wie für Deutschland - noch nicht möglich.

Raps

Winterraps ist relativ genügsam, hier ist Trockenheit während der Blütezeit sogar gut. Nur wenn sie zu lange dauert verhindert sie die Schotenbildung. Trockene Standorte sind weniger geeignet für Raps. Die Märkte reagieren laut ZMP bereits spekulativ auf mögliche trockenheitsbedingte Ertragsausfälle. die Ölmühlen bleiben aber relativ gelassen, da viele Vorverträge gemacht haben.

Gemüse

Bereits jetzt sind die Preise beim Frischgemüse gesteigen: In den ersten vier Monaten dieses Jahres lagen sie schon um zehn Prozent über dem Vorjahreszeitraum, wobei der April mit gut 15 Prozent den höchsten Ausschlag zeigte. Allerdings zahlen die deutschen Verbraucher hier für Ernteprobleme in Südeuropa: So sind Paprika momentan deshalb so teuer, weil in Spanien Problmene mit nicht europaweit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln die Verkaufsmenge begrenzen. Erst im Mai wird der Übergang auf Gemüsearten aus deutscher Freilandproduktion vollzogen sein. Ob es dann bei den nicht bewässerbaren Kulturen wie Lagermöhren oder Zwiebeln zu Ertragsausfällen kommt, wird sich aber erst im Spätsommer zeigen.

Kartoffeln

Bisher gibt es bei den frühen Kulturen keine Probleme, sie werden fast überall künstlich beregnet. Bei den Kartoffeln, die danach heranreifen, sind die kommenden Tage für die Wachstumsphase und die diesjährige Ernte entscheidend. Das größte Problem haben die Landwirte hier mit der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln - diese wirken bei Trockenheit nicht. Auch zu viel Regen wäre den Kartoffelbauern nicht Recht: Dann gäbe es so viel Unkraut, dass man dem nicht mehr Herr wird.

Milch

"Ob die Trockenheit im April später zu einer Futtermittelknappheit führen wird, die wiederum zu steigenden Milchpreisen führen wird, ist derzeit noch nicht feststellbar", bremst Michale Lohse vom Bauernverband Verbraucherängste. Der von den Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung erwartete Preisanstieg von bis zu 15 Prozent hat andere Gründe: Die Milchbauern wollen endlich Preise, bei denen sie kostendeckend arbeiten können.

Vor zehn Jahren hatten die Bauern noch 35 Cent pro Kilogramm Milch bekommen, heute seien es gerade mal 27 Cent - und zwar im Durchschnitt. Der Verband der Milchbauern verland deshalb von den Molkereien, künftig 40 Cent zu zahlen. Gehen diese auf die Forderung ein, werden die höheren Einkaufspreise an die Verbraucher durchgereicht. Mit dem Wetter hat das aber erstmal nichts zu tun.

Bier

Beim Bierbrauen kommt's auf das Malz an - und das wird aus Sommergerste gewonnen. Die ist zwar von der Trockenheit auch betroffen - wie sehr, lässt sich allerdings noch nicht absehen.

Dass durstige Trinker für eine Flasche Bier trotzdem bald mehr bezahlen müssen, liegt aber nicht in erster Linie an den Bauern. "Dass wahrscheinlich die Bierpreise steigen, hat hauptsächlich etwas mit weniger werdenden Anbauflächen zu tun", erklärt Michael Lohse von Bauernverband. Jahrelang hätten die Brauereien den Bauern Minimalpreise für Gerste und Hofpen gezahlt - "dass sich Bauern dann auf andere Anbauprodukte umstellen, kann man ihnen ja nicht verdenken." In offiziellem Wirtschaftsdeutsch heißt das dann: "Die Erzeugerpreise steigen wegen sinkender Rohstoffemengen".