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Manager: Herr der heißen und kalten Luft

Fönfrisur, Fernsehdame Nina Ruge, flotte Sprüche: Wolfgang Reitzle war der bunteste Hund unter den deutschen Autobossen. Ein Image, das er als Chef des biederen Gas- und Kühlschrankkonzerns Linde liebend gern los wäre.

Da drüben", sagt er und deutet mit aristokratisch blassem Zeigefinger in die Ferne, in ein undurchdringliches Meer aus Nebel, "liegt der Rhein. An schönen Tagen kann ich die Schiffe fahren sehen." Aber der Tag ist nicht schön, und das Gute liegt auch nicht nah. Der Blick aus diesem Büro, den beiden Wänden aus Glas im 4. Stock der Abraham Lincoln Straße Nummer 21, fällt in das ernüchternd schmucklose Gesicht einer Wiesbadener Bürovorstadt, umrahmt von Autobahnwindungen und kränkelndem deutschem Mischwald.

Hier steht das Hauptquartier der Linde AG, das womöglich noch deutscheste aller deutschen Unternehmen, bei dessen Namen selbst gewöhnlich gut Informierte ins Grübeln kommen: Machen die nicht irgendwas mit Kühlschränken und Gabelstaplern? Sie machen, und noch viel mehr. An über 500 Standorten weltweit erwirtschafteten im vergangenen Jahr 46.500 Mitarbeiter einen Umsatz von 8,7 Milliarden Euro. An der Rendite hapert es im Moment, aber Linde ist dennoch ein solides Haus, das sich nie durch spektakuläre Coups hervorgetan hat. Ein Haus, rechteckig gebaut auf den Koordinaten Aktiva und Passiva, und unter dem Strich zeigt sich, zu welchen Topleistungen deutsche Ingenieure fähig sind. Noch nie hat hier ein ausgebuffter PR-Profi Journalisten trunken geredet mit fantastischen Geschichten. Darüber etwa, wie es Firmengründer Carl von Linde gelang, durch die Anwendung des Thomson-Joule-Effekts erstmals größere Mengen flüssiger Luft herzustellen.

Am Vorabend des 125-jährigen Firmenjubiläums residiert, seit einem Jahr genau, in der Topetage: ER. Wolfgang Reitzle, 54 Jahre alt und immer wieder gut für eine Schlagzeile. Auch privat: Seit 1997 lächelt an seiner Seite ZDF-Moderatorin Nina Ruge in viele Kameras, für sie ließ er sich von seiner ersten Frau scheiden. Ihretwegen rümpfen manche konservative Manager die Nase: zu glamourös, die Dame! Reitzle scheidet die Geister. In die einen, die ihn als eine gottähnliche Lichtgestalt verehren, während die anderen nur einen Gefallsüchtigen ausmachen, pressegeil, jähzornig, schlechte Manieren. Und doch ist sich die sonst so unversöhnliche Gemeinde darin einig, dass er ein Genie ist in der Kategorie Luxusauto, eine Koryphäe in der Disziplin Ästhetik, ganz und gar behaftet mit dem Lack der Exzentrik. "Bekannt wie ein bunter Hund", wie sein Ziehvater Eberhard von Kuenheim konstatiert. "Reitzle polarisiert."

Um die ersten Schritte auf dem Territorium Gabelstapler zu üben und das Flair von Krankenhaus- und anderen Gasen zu inhalieren, hatte sich Reitzle schon einige Monate vor seinem offiziellen Amtsantritt am 1. Januar 2003 in seine neue Aufgabe eingearbeitet. Das war auch bitter nötig. Kam er doch aus der Sicht des Stammes der Lindeaner vom fernen Planet Lifestyle, wo er, jede Geschwindigkeitsbegrenzung ignorierend, dafür gesorgt hatte, dass das weiß-blaue Logo von BMW im Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Mercedes-Stern liegt. 23 Jahre lang lebte er seinen Furor beim Münchner Karossenbauer aus, legte dort eine beispiellose Karriere hin, immer nur der schnellste, beste, der Einserkandidat schlechthin, und hatte als Mitglied des BMW-Vorstands mit gleich drei Ressorts eine bis dahin ungekannte Machtfülle - bis er an einem kalten Februartag 1999 sogar den Vorsitz übernehmen sollte. Dazu kam es nicht, sondern nur zum Eklat. Im Ringen um die richtige Linie im Umgang mit den Milliardenverlusten bei Rover hatte der sehr geschmeidige Herr Reitzle wohl ein schlüssiges unternehmerisches Konzept, aber nicht daran gedacht, die Arbeitnehmer, die um ihre Jobs fürchteten, auf seine Seite zu ziehen. Sie stimmten im Aufsichtsrat gegen ihn.

Das traf ihn unvorbereitet. Siegessicher hatte er schon am Vorabend der entscheidenden Sitzung Champagner servieren lassen. In einem Münchner Restaurant prostete er mit Nina Ruge und Verleger Hubert Burda seiner Zukunft als König von BMW entgegen. "Er ist nur ein Opfer seiner Arroganz geworden", spotteten seine Gegner hinter ihm her, als er ging.

Nach dem dramatischen Abgang hätte er damals schon Chef von Linde werden können, obendrein mit einer zweistelligen Millionenabfindung in der Tasche, denn nur fünf Tage vor dem BMW-Debakel war sein Vertrag um fünf Jahre verlängert worden. Da er aber in der Branche blieb und seine Talente der Konkurrenz feilbot, ging er leer aus. Reitzle, der Bayernschwabe, in dessen gestochen klarer Aussprache der Singsang des Süddeutschen mitschwingt, gab damals unumwunden zu, dass ihm alle Wurzeln entrissen waren, und er trat trotzig hinterher: "Es gehört zu meinem Ehr- und Stolzgefühl, dass ich mich nicht von Leuten kaufen lasse, die ich nicht akzeptiere." Über die "arrivierte graue Deutschlandzunft" schimpfend, zog er an den noblen Londoner Berkeley Square, von wo aus er in den folgenden drei Jahren als Vorstandsmitglied des amerikanischen Autokonzerns Ford die Edelmarken (Aston Martin, Jaguar, Volvo) betreute. Doch wieder kam ihm jemand in die Quere. Reitzle wurde aus Amerika ein Vorstand vor die Nase gesetzt, dessen Autorität er nicht anerkannte und der sein Konzept ändern wollte. Das ging zu weit.

Bernd Pischetsrieder hingegen, dem Reitzle, wäre alles nach Plan verlaufen, 1999 als "der bessere" BMW-Chef hätte folgen sollen, avancierte derweil zum Herrn aller Volkswagen. Scheinbar mühelos, nachdem er sich mit einer dicken Ablöse als Wegzehrung erst einmal eine Auszeit gegönnt hatte. Vor dem ehrgeizigen und nimmermüden Reitzle aber, dem Prediger von "Luxus schafft Wohlstand", tat sich düsteres Ende auf. Waren da Resignation und Depression nicht zwangsläufig? Der "Selbstfinder" besann sich stattdessen seines Mantras "Die Situation ist dein Coach". Nimm es, wie es kommt, und lerne daraus. Reitzle, der schon beim kleinsten Etwas, das nicht so läuft, wie er es sich vorstellt, äußerst empfindlich reagiert, paukt das seit vielen Jahren immer wieder mit dem Verhaltenstherapeuten und Managementberater Jens Corssen. Das Motto "Stirb und Werde" inklusive.

Was also hat seine viel zitierte "Autoseele" aus all den Enttäuschungen gelernt? Hat sie eine neue Berufung entdeckt und Reitzle kein Auge mehr zugetan vor Begeisterung über Supermarktkühlanlagen und Transportsysteme für Lagerhallen, wie sie bei Linde fabriziert werden? Oder war es nicht eher so, dass der damals 52-Jährige wusste, dass sich nirgendwo in der Autobranche in absehbarer Zeit eine Situation ergeben würde, wo er als erster Mann gefragt wäre? Er aber kannte nur noch ein Ziel: Nie wieder der Zweite sein. Ein Topjob in der deutschen Wirtschaft bedeutete dann: Last Exit Wiesbaden. Also ging er zu jenem Patriarchen, der ihn schon früher zu seinem Nachfolger hatte krönen wollen, und fragte an, ob das Angebot noch galt. "Als zweiter Mann wäre ich sicher nicht zu Linde gekommen", sagt er und rollt den perlmuttverzierten Füller zwischen Daumen und Zeigefinger.

Hans Meinhardt lächelt gütig, als er feststellt: "Das Interesse der Presse an Linde ist mit Reitzle enorm gestiegen." Der ergraute Regent, 72, hat dem Unternehmen ein gesamtes Berufsleben lang gedient. Für den aus seiner Sicht jungen Wilden räumte "Mister Linde" generös sein Büro und zog - eine Tür weiter. Dort sitzt er am Schreibtisch, vor sich seinen großen Helden, den Alten Fritz, und erzählt von jenem Tag im April 2002, als er den "Reitzle-Coup" verkündete. Wie der Herr am anderen Ende des Telefons sprach: "Sie haben den besten Mann von BMW bekommen. Ich gratuliere Ihnen." Natürlich war das Eberhard von Kuenheim, Meinhardts Pendant bei BMW.

Reitzle leitete schnell eine Ästhetisierungswelle ein, zumindest auf jenem Flur, zu dem die Presse Zutritt hat, und übertünchte das schmutzige Linde-Braun. Auch die Pressemappen und der neue Geschäftsbericht sind von ausnehmend distinguierter Gestaltung. Für sein Büro wählte er weiches Umbra und Silber; das Mobiliar aus Chrom, Glas und schwarzem Leder ist identisch mit dem seines früheren Arbeitszimmers in London. Auch die mannshohen Kakteen fehlen nicht. Bei ihrem Anblick denkt man zwangsläufig an das entzückende Pfennigkraut, das im Linde-Eingangsfoyer die Geländer ziert.

Das öffentliche Interesse am Unternehmen war plötzlich erwacht und galt doch nur einem: Reitzle, der immer wusste, wie man die Meute füttert. Weil er es über Jahrzehnte so kultiviert hatte - "Das war Teil meines Geschäfts" -, wiegen Journalisten das Gold seiner Manschettenknöpfe, vergleichen die Politur seiner Gravati-Schuhe mit dem seines Images, messen den Hochstand der Fönfrisur oder recherchieren den Preis seiner Uhr, einer Panerai. Ist nicht dieser Eroll-Flynn-Strich über der Oberlippe der beste Beweis für sein Dandytum - und die Art und Weise, wie sich der stolze Pfau mit gespreizten Fingern Imaginäres aus und über die Schläfen streichelt, das letzte Indiz seiner Eitelkeit?

Aber das alles soll nun nicht mehr wahr sein. "Reitzle hat den alten Mist satt", regt sich sein Kommunikationschef auf. "Ich will jetzt raus aus dem Spotlight", drängt Reitzle. "Wenn ich in ein anderes Unternehmen wechsle, spiele ich genau nach den Regeln dieser Branche", und behauptet, niemals habe es eine wirklich wahre Geschichte über ihn, den sparsamen Schwaben, gegeben. "Ich habe mich mit großen Freuden den Spielregeln des Autogeschäfts angepasst, aber rückwirkend hat es mich geprägt." So viel Gedrucktes über ihn war nur Lug und Trug? "Natürlich ist richtig, dass ich von der Autoindustrie total begeistert war." Und natürlich noch ist. Wie jene gut erinnern, die mit waren zum Abendessen, bei dem Reitzle einer Hand voll Vorstandsvorsitzender mit alter Leidenschaft erklärte, warum BMW dringend den Mini im Sortiment braucht, und seine blauen Augen leuchteten, je länger er dozierte. BMW-Chef Helmut Panke saß auch dabei.

"Aber jetzt bin ich genauso beseelt von der Idee, diese Firma zu einem führenden Ingenieursunternehmen zu machen", insistiert er. Falsch also auch die alte Regel: einmal Automann, immer Automann? Er sagt: "Sie können jede Spekulation über eine Rückkehr vergessen!" Um im seriös-grauen Reigen der Wirtschaftslenker ernst genommen zu werden, muss Reitzle die Geister, die er einst rief, wieder einfangen. Image ist eine harte Währung, an der im Notfall der Aktienkurs des ganzen Unternehmens hängt. Trotzdem verkneift er sich nicht, auf einen Umstand hinzuweisen: "Selbst wenn ich mich bei H & M einkleiden würde, stünde in der Zeitung: Er trägt Brioni. Das liegt nun mal an meiner Statur." Für die tut er einiges: joggt jeden Morgen im Wald und hängt sich regelmäßig in die Fitnessseile. Die Aktionäre, vorneweg Allianz, Commerzbank und Deutsche Bank indes interessiert noch drängender: Macht er auch bella figura in der Dax-Kurve?

Um das zu beweisen, geht Reitzle in die Vollen: "Ich fühle mich nur wohl und kann mich nur engagieren, wenn ich mich total mit etwas identifiziere", sagt er. So sprechen Solisten, die es auch darauf anlegen, bewundert zu werden. Ein Stockwerk unter seinem Büro, auf der gewöhnlichen Vorstandsebene, ließ Reitzle, ganz in Lindeblau, den "War Room" einrichten, ohne Fenster, abhörsicher. Ein Bunker. In diesem Kontrollraum können jederzeit alle Daten über sämtliche Unternehmensbereiche sowie die Vergleiche mit der Konkurrenz abgefragt werden. Für manche Führungskraft wurde er zum Schwitzkasten, denn der zahlenbesessene Chef will bis ins Detail wissen, warum in diesem und jenem Feld die Wettbewerber vorn liegen und nicht seine Mannschaft. "Visionäre Ziele zu erreichen, das treibt mich an." Klar, er will wieder Klassenbester werden, so wie er es im neuen Firmenlogo manifestiert: "LeadIng".

Um dahin zu gelangen, setzte er ein hartes Sparprogramm durch, das "Trim 100" heißt und für das er, der niedrigeren Lohnkosten wegen, die Produktion von Kühlanlagen nach Tschechien verlagert. Das Hauptgeschäft von Linde indes sind Gase. Was ein Jammer für den sinnlichen Reitzle, dass sie sich nicht anfassen, designen und schon gar nicht streicheln lassen. Aber große Pläne kann man damit schmieden; "fit for future" will er mit dem flüchtigen Stoff sein. Er will auf "clean technologies" setzen, vorneweg auf das Wasserstoffauto. Dass es kommt, steht für ihn zweifelsfrei fest: "Das ist eine super Sache, da sitzen wir voll drauf." Natürlich will er es auch schaffen, gleich hinter den Autofirmen zum beliebtesten deutschen Arbeitgeber aufzusteigen. Lindeaner unterdes sind von diesem neumodischen Windzug durch ihr Hauptquartier ziemlich verunsichert. Über Jahrzehnte haben sie gelernt, dass sie in einer hierarchiehörigen Festung sitzen, in der man sich nicht aus dem Fenster hängt. Entsprechend trägt man sein Äußeres zeitlos zur Arbeit, sommers leise tretend auf geflochtenen Sandalen und im Winter auf deutschem Lloyd, und achtet beim Kauf des Anzugs darauf, dass die Karos nicht zu klein, aber auch nicht zu groß ausfallen. Diese Reingeschneiten aber um den neuen Boss laufen so locker herum, tragen Schlipse nur zu offiziellen Anlässen und das Schlimmste: Sie wollen einem ständig eine Meinung entlocken.

Ein namhafter Unternehmensberater sagt es so: "Reitzle muss eine 60er-Jahre-Firmenkultur ins 21. Jahrhundert transformieren. Eine große Herausforderung, die immenses Fingerspitzengefühl und Führungskraft verlangt." Kein Wunder, dass hinter den Kulissen ständig gefragt wird: Kann er das? Denn Reitzle, dessen Ingenieursgenius auch bei Linde außer Frage steht, hat wohl die Branche, nicht aber das Ego gewechselt. So konnten seine Vorstände bereits am eigenen Leib erfahren, wie sich der Jähzorn des Chefs anfühlt, der auch mal schreit, wenn ihm, dem turboschnellen Hochkreativen, alles nicht flott genug geht. "Die bewundern ihn fachlich", sagt einer, der mit der Situation vertraut ist, "aber er muss aufpassen, dass sie ihn nicht auflaufen lassen." Sogar Pate Meinhardt, der seinen Reitzle nicht toller finden könnte und auch selbst nie durch ein Übermaß an Güte hervorgetreten war, kommentiert: "Er ist kein angenehmer Chef, er fordert viel." Steckt in diesen Worten noch viel Bewunderung, so ist der Kommentar über die roten Sideboards im Konferenzraum ein gnädiges Nachdenken über Geschmack. Offene Kritik aber lässt sich nicht überhören in des Patriarchen Worten: "Ich hab nie laut nachgedacht." Im Klartext: Reitzle redet manchmal zu viel für fremde Ohren.

Vor dessen Büro hat sich der Nebel schließlich verzogen. Tatsächlich, ganz da hinten fließt der Rhein.

von Gisela Freisinger / print