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Russland vs. Ukraine: Das müssen Sie zum Gas-Streit wissen

Der russisch-ukrainische Gas-Streit hat inzwischen auch erste Auswirkungen auf Deutschland. Eon-Ruhrgas, der wichtigste deutsche Importeur des russischen Gases, rechnet sogar mit einem Totalausfall. stern.de beantwortet wichtige Fragen zum Gas-Streit.

Das deutsche Gas stammt aus den Quellen des russischen Energieriesen Gazprom. Das Unternehmen betreibt eine Vielzahl von Pipelines für den Gasexport. Für die Versorgung Europas von Bedeutung ist bisher vor allem die Route über die Ukraine, die Slowakei und Tschechien nach Deutschland, über die nach Angaben von Gazprom mehr als 80 Prozent der Gesamtexporte laufen.

Angesichts der wiederkehrenden Probleme mit der Ukraine gewinnen allerdings andere Wege an Bedeutung: Die über 2000 Kilometer lange Yamal-Europa-Pipeline führt über Weißrussland und Polen nach Deutschland. Ihr Bau hatte 1994 begonnen, 2006 erreichte sie ihre volle Kapazität.

Für Deutschland besonders wichtig dürfte in Zukunft die Nordstrom-Leitung werden. Sie soll 1200 Kilometer durch die Ostsee in die Nähe von Greifswald führen. Das 2005 gestartete Projekt, an dem BASF und Eon beteiligt sind, soll nach Angaben von Gazprom 2010 den Betrieb aufnehmen und 2016 volle Kapazität erreichen.

Die gegenwärtigen Probleme mit Lieferungen über die Ukraine würden "durch einen breiten Mix an Instrumenten" gemildert, erklärte Jan Ulland, Sprecher des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin. Russland liefere inzwischen mehr Gas über Weißrussland, sagte er. Zudem kämen gut zwei Drittel des deutschen Gasbedarfs aus anderen Gebieten.

Den Verbandsangaben zufolge liefert Russland etwa 37 Prozent des in Deutschland benötigten Erdgases. 26 Prozent kommen aus Norwegen, 18 Prozent aus den Niederlanden, 15 Prozent aus deutschen Quellen, vor allem im Norden der Bundesrepublik. 4 Prozent stammen aus Dänemark, Großbritannien und anderen Ländern.

Ulland erklärte, bei Bedarf könnten die Lieferungen aus den Niederlanden oder Norwegen erhöht werden. Zudem verfüge Deutschland mit 46 Erdgasspeichern über das größte Speichervolumen in Europa. Es decke fast 25 Prozent des Verbrauchs von 2007 ab. Die Vorräte seien gut gefüllt, sagte Ulland.

Ist Deutschland von dem Konflikt betroffen?

Ja. Deutschlands größter deutschen Gasimporteurs Eon-Ruhrgas erwartete nach ersten massiven Liefereinschränkungen im Laufe des Dienstags einen Totalausfall der über die Ukraine transportierten russischen Gaslieferungen. Auch der zweitgrößte Gasimporteur Wingas berichtete von Mengenkürzungen.

Wie viele Bürger wären bei Engpässen betroffen?

Fast jede zweite Wohnung in Deutschland wird nach Angaben des BDEW inzwischen mit Gas beheizt - insgesamt mehr als 18 Millionen Haushalte. Und der Anteil wächst ständig. Rund zwei Drittel aller Neubauwohnungen werden derzeit mit Erdgas beheizt.

Säßen diese Verbraucher dann in kalten Wohnungen?

Nein. Zumindest in den nächsten Wochen ist die Versorgung gesichert. Nach Angaben des Außenhandelsverbandes für Mineralöl und Energie reichen die Speicherkapazitäten in Deutschland für rund 40 Wintertage.

Was macht die Energieversorger so zuversichtlich?

Die Industrie verweist darauf, dass fast zwei Drittel des in Deutschland verbrauchen Erdgases aus Westeuropa stammen und damit nicht von dem russisch-ukrainischen Konflikt betroffen sind. Zwar liefert Russland alleine rund 37 Prozent des deutschen Bedarfs. Doch der Rest stammt aus Norwegen (26 Prozent), den Niederlanden (18 Prozent), aus deutschen Gasquellen (15 Prozent) sowie aus Dänemark und Großbritannien (zusammen 4 Prozent). Außerdem fließt ein Teil der russischen Ergaslieferungen nicht durch die Ukraine, sondern über Weißrussland nach Deutschland.

Wie könnte eine Lieferlücke geschlossen werden?

Die Gaswirtschaft in Deutschland kann auf große Reserven zurückgreifen, die in 46 Untertage-Gasspeichern aufbewahrt werden. Der in ihnen gelagerte Vorrat decke 25 Prozent des deutschen Jahresbedarfs. Außerdem können nach Angaben des BDEW die Niederlande bei zusätzlicher Nachfrage sehr schnell zusätzliches Erdgas liefern.

Also gibt es keinen Grund zur Sorge?

Ja und Nein. Zwar sehen sich die deutschen Gasversorger gut gerüstet. Aber: Auch die beste Vorsorge kann nicht alle Eventualitäten berücksichtigen. "Auch unsere Möglichkeiten stoßen an ihre Grenzen, wenn diese drastischen Lieferkürzungen anhalten und die Temperaturen weiterhin auf sehr niedrigem Niveau bleiben", räumt Eon-Ruhrgas-Chef Bernhart Reutersberg ein.

Wie ließen sich ähnliche Probleme vermeiden?

"Wir sollten auf jeden Fall vermeiden, noch abhängiger von Gasimporten zu werden", rät die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert. Die jetzt geplanten Programme zur Konjunkturstimulierung seien eine besonders gute Möglichkeit, eine Energiewende weg von der fossilen Energie in Deutschland zu schaffen. Dazu müssten die Gebäudesanierung und neue Nullenergiehäuser noch kräftiger gefördert werden. Außerdem plädiert sie zu einem Ausbau der Fernwärme.

Kann man auch etwas beim Gasbezug tun?

Ja. Nach Einschätzung der DIW-Energiexpertin Claudia Kemfert muss sich Deutschland stärker darum bemühen, aus möglichst vielen Ländern Gas zu erhalten. Dazu sei der Bau eines Flüssiggasterminals nötig, mit dem etwa Gas aus Afrika nach Deutschland importiert werden könnte. Planungen für eine derartige Anlage in in Wilhelmshaven gibt es bereits. Auch die geplante neue Ostseepipeline Nord Stream würde durch die direkte Anbindung Deutschlands an Russland zumindest die Unabwägbarkeiten im russisch-ukrainischen Verhältnis umschiffen. Sie soll 2010 den Betrieb aufnehmen und 2016 die volle Kapazität erreichen. Allerdings ändert sich durch diese neue Pipeline nichts an der Abhängigkeit Deutschlands von russischen Importen.

Droht jetzt ein Anstieg der Gaspreise?

Nein. Selbst wenn es zu Lieferengpässen käme, hätte dies nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) keinen Einfluss auf den Verbraucherpreis. "Die Ölpreisbindung schützt den Verbraucher hier vor Preissteigerungen", sagte ein Verbandsprecher. Der BDEW rechnet ungeachtet des Konflikts im laufenden Jahr sogar mit sinkenden Preisen.

AP / AP