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Siemens: Bekenntnisse eines Strippenziehers

Erstmals gibt Wilhelm Schelsky zu, im Auftrag und mit Millionen von Siemens eine willfährige Betriebsratsorganisation geschaffen zu haben. Ein Schmierenstück des Weltkonzerns.

Von Arne Daniels und Johannes Röhrig

Eine Fahrt von Stralsund nahe der vorpommerschen Ostseeküste bis ins mittelfränkische Nürnberg kann sehr lange dauern, jedenfalls wenn die Polizei die Tour organisiert und das Reiseziel der Knast ist. Im Fall des Unternehmers Wilhelm Schelsky machte der dunkelgrüne Bus mit den Fensterschlitzen über Nacht Station an sieben Gefängnissen. Telefonieren war tabu, waschen schwer möglich, frische Kleidung gab es nicht. Bus, Zelle, Bus, Zelle - eine Woche lang. Eine Fahrt von Greifswald nach Bayern kann einen sehr zermürben, und manchmal soll sie wohl auch genau das. Wilhelm Schelsky wurde am 14. Februar frühmorgens in seiner "Villa am Meer" in Lubmin bei Greifswald verhaftet und durch die halbe Republik kariolt, bis er in der Nürnberger Justizvollzugsanstalt landete. Seitdem sitzt er dort in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Untreue vor. Es geht um ein besonders unappetitliches Kapitel der atemberaubenden Korruptionsaffäre, mit der Siemens seit Monaten die Welt verblüfft.

Das Unternehmen steht im Verdacht, sich mit verdeckten Millionenzahlungen eine äußerst bequeme Betriebsratsorganisation als Gegenentwurf zur IG Metall herangezüchtet zu haben: die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB). Der umtriebige Geschäftsmann Schelsky, einst kaufmännischer Angestellter bei Siemens, später dort selbst Betriebsrat und noch später fast 20 Jahre AUB-Vorsitzender, soll dabei als Durchreiche für das viele Geld gedient haben und den Verein - Motto: "Betriebsnah. Ideologiefrei. Zukunftsorientiert" - im Dienste seiner Finanziers groß gemacht haben. Die Kripo-Sondereinheit "Amigo" beschlagnahmte meterweise Akten. Schelsky kassierte, so stellte sich nach stern-Informationen heraus, über seine Firma Schelsky Unternehmensberatung GmbH allein seit 2001 rund 45 Millionen Euro von Siemens. Insgesamt dürften es um die 60 Millionen gewesen sein. Die Summen stiegen über die Jahre stetig. Offiziell floss das Geld für Beratung und Schulungen.

Zahlungen ohne angemessene Gegenleistung

Die Affäre hat mittlerweile bei Siemens für einiges Chaos gesorgt. Gegen ehemalige Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder wird ermittelt, ein Mitglied des Zentralvorstands wurde eilig in die Wüste geschickt. Dennoch ringt man beim krisenzermürbten Konzern noch immer um Worte. Der Beratervertrag mit Schelsky sei Ende 2006 gekündigt worden, nachdem der "nicht darstellen konnte, wofür er das Geld erhielt", sagt ein Siemens-Sprecher. Es gehe um Zahlungen, für die Siemens "möglicherweise keine angemessene Gegenleistung erhalten habe". Das klingt, als sei Siemens über den Tisch gezogen worden, als habe dort niemand gewusst, was läuft. Wie es aussieht, kann sich Siemens gewundene Erklärungen schenken. Vergangenen Donnerstag sagte Wilhelm Schelsky wieder einmal aus, es war bereits seine fünfte Einlassung in dieser Sache. Der Häftling und die Ermittler saßen ganze Tage zusammen.

Dabei erschien die Rolle von Siemens in einem völlig anderen Licht, der Sachverhalt eindeutig, Zweck und Gegenleistungen der Zahlungen alles andere als unklar: Der Sinn der Millionen-Überweisungen habe in der Stärkung der AUB bestanden, gab Schelsky zu Protokoll. "Ich sollte mit dem Geld eine Dachorganisation aufbauen. Und das habe ich getan", erklärt Schelsky gegenüber dem stern. Es ist das erste Mal, dass er sich öffentlich zu dem Fall äußert: "Ich war verdeckt als Lobbyist für Siemens tätig. Es gab einen klaren Auftrag aus der Konzernspitze. Der Plan kam aus dem Zentralvorstand." Schelskys Unternehmensberatung darf man - sollte das zutreffen - wohl eine Tarnfirma nennen: Eine operative Tätigkeit jenseits des von Siemens finanzierten Aufbaus der AUB gab es offenbar so gut wie gar nicht.

Was diesen Aussagen zusätzliches Gewicht verleiht: Schelsky steht mit seinen klaren Worten nicht allein. Auch Siemens- Vorstand Johannes Feldmayer, der ebenfalls zum Kreis der Beschuldigten zählt, bestätigte nach stern-Informationen gegenüber den Ermittlern, der eigentliche Zweck der großherzigen Beraterhonorare sei die Finanzierung von Schelsky gewesen, damit der sich um die Stärkung der AUB kümmerte. Feldmayer hatte 2001 einen entsprechenden Vertrag mit Schelsky unterschrieben. Derzeit verschont ihn eine Kautionszahlung von fünf Millionen Euro vor der U-Haft. Feldmayer ist von Siemens beurlaubt und scheidet bald ganz aus. Dass er eigenmächtig agiert haben könnte, ist jedoch unwahrscheinlich. Die Überweisungen an Schelsky reichen bis Anfang der 90er Jahre, weit vor seiner Zeit, zurück. Feldmayer habe "die Sache historisch übernommen", sagt sein Anwalt Martin Reymann-Brauer.

Streit über strafrechtlichen Folgen

Die Staatsanwälte könnten also zufrieden sein: Ihr Verdacht scheint nach diesen Aussagen bestätigt, der Kern des Sachverhalts geklärt. In einem entscheidenden Punkt sind sich Ermittler und Beschuldigte allerdings nicht einig: ob das Ganze strafbar war. Der Vorwurf der Untreue läuft darauf hinaus, dass das Vermögen der Siemens AG geschädigt wurde, weil viel Geld gezahlt wurde, für das es keine Gegenleistung gab. Wenn sich aber maßgebliche Siemens-Manager und Schelsky einig waren, worin ihr Deal bestand, und Schelsky offensichtlich auch zur Zufriedenheit geliefert hat (andernfalls hätte er kaum über 16 Jahre Zahlungen erhalten): Wo liege dann – jenseits der Moral - das Problem? So argumentiert zumindest Schelskys Verteidigung.

Strafbar kann auch die Begünstigung eines Betriebsrats sein. Doch Siemens zahlte nicht an einzelne Betriebsräte, sondern nur an Schelsky. Am Ende könnte es juristisch darauf ankommen, ob Schelsky das Geld nur nach Anweisung weiterreichte oder frei darüber verfügen konnte. Wohl auch deshalb legt er großen Wert auf die Feststellung: "Ich war von Siemens vollständig unabhängig in der Ausgestaltung meiner Auftragserfüllung. Es gab weder Vorschriften über die Inhalte meiner Tätigkeit noch eine Aufforderung, Bericht zu erstatten. Man hat mir vertraut." Konkrete Entscheidungen von Betriebsräten seien nicht erkauft worden, behauptet Schelsky. Er habe "nicht eine Millisekunde" geglaubt, etwas Illegales zu tun. Es gibt einen Siemensianer alten Schlags in Nürnberg, der arbeitete einst als Personalleiter und kann sich an die Gründerzeit der AUB noch gut erinnern. Der Mann heißt Eberhard Koffka, 80, und er unterschrieb im Dezember 1990 auch den ersten vorgeblichen Beratervertrag mit Schelsky. 110 000 Mark erhielt der damals als Fixsumme pro Jahr, das entsprach seinem Gehalt bei Siemens, bevor er sich auf Geheiß seiner Chefs selbstständig machte. Insgesamt konnte er über einen Rahmenvertrag bis zu 380 000 Mark jährlich in Rechnung stellen, daneben Kosten für sein neu bezogenes Büro und für Spesen. Ausgehandelt worden sei der Vertrag im "Zentralbereich Finanzen", sagt Koffka, "ich musste als Personalverantwortlicher nur meine Unterschrift mit darunter setzen". Eine heimliche Abrede hinter den Zahlungen habe er damals nicht vermutet. Heute schon. "Ich habe keinen Zweifel mehr daran, dass das Geld in Wahrheit für die AUB gedacht war."

Glaubt man Koffka, so entstand die AUB Anfang der 70er Jahre als Konterpart zu einer querulatorischen Clique von Betriebsräten, die sich "Aktion 72" nannte und Siemens am Standort Nürnberg-Erlangen das Unternehmerleben schwer machte. Ob er nicht ein paar potenzielle Betriebsräte auswählen könne, die sich geschmeidiger zeigten, wurde Koffka damals von der Unternehmensführung gedrängt. Er habe abgelehnt, sagt Koffka: "Das geht natürlich nicht, dass die Arbeitgeberseite sich ihre Betriebsräte aussucht." Dennoch kam es offenbar dazu, und Koffka fiel die Aufgabe zu, den von oben ausgeguckten Kandidaten den Rücken für die neue Aufgabe freizuhalten. 1978 gewann die lose Gruppe sogenannter Unabhängiger aus dem Stand die Betriebsratswahl am Standort Nürnberg und stellte den Betriebsratsvorsitzenden. Die Machtverhältnisse blieben auch so, als Wilhelm Schelsky Mitte der 80er Jahre übernahm. Fortan sorgte Schelsky für den Betriebsfrieden.

Was in Nürnberg so gut funktionierte, sollte auch anderswo zum Modell werden. Es existiert angeblich ein Memorandum Schelskys, darin notiert er laut "Süddeutscher Zeitung", "zwei Vorstände und der damalige Aufsichtsratschef" hätten zusammen mit ihm Ende der 80er Jahre darüber nachgedacht, wie man die Dominanz der IG Metall brechen könne. Knapp zehn Jahre später ist es geschafft: In einigen Siemens- Sparten stellt die AUB die Mehrheit im Betriebsrat. 2002 zieht auch ein AUB-Vertreter in den Aufsichtsrat ein. Mit den Jahren entwickelte sich eine für alle Beteiligten lukrative Zusammenarbeit zwischen Schelskys Unternehmensberatung, die keine war, und der Gewerkschaft, die keine sein sollte. Letzterer verhalf dieser klammheimliche Pakt zu einer Aktivität, die eigener Größe nicht entsprang. Die AUB hat zwar nur um die 30 000 Mitglieder, die einen Beitrag von lediglich acht Euro zahlen, gönnte sich aber gleich sieben Geschäftsstellen - neben der Nürnberger Zentrale in Düsseldorf, Frankfurt, Ludwigshafen, Bonn, Greifswald und Hamburg. Wie kann das gehen?

Mitarbeiter, die keine waren

Zum Beispiel durch eine besondere Form der Arbeitnehmerüberlassung. An die zehn hauptamtliche Mitarbeiter wirkten nach den stern-Recherchen zuletzt für die AUB, die in Wirklichkeit keine waren: Sie standen auf der Gehaltsliste der Schelsky Unternehmensberatung. Und deren Chef wählte das Personal gleich selbst aus - damit wurde der AUB-Vorstand gar nicht erst behelligt. Meinte Schelsky, eine geeignete Kraft kennengelernt zu haben, brachte er sie der AUB ungefragt mit. Eine Mitarbeiterin, die erst kürzlich auf diese Weise eine Stelle in der Nürnberger AUB-Zentrale fand, wunderte sich noch, dass auf ihrem Vertrag nicht der Arbeitnehmerverein als Arbeitgeber stand, sondern Schelskys Firma. Das habe rein abrechnungstechnische Gründe, wurde ihr beschieden. Sonst wunderte sich offenbar keiner.

Neben den spärlichen Mitgliedsbeiträgen hat die AUB noch eine andere Einnahmequelle. Die Organisation bietet Seminare für Betriebsräte an, das Programmheft umfasst gut 50 Seiten. Das Gute daran: Für die Fortbildung ihrer Betriebsräte müssen die jeweiligen Unternehmen (die AUB ist längst nicht nur bei Siemens vertreten) zahlen. Doch diese Seminare zu veranstalten kostet Geld, vor allem für Hotels und Referenten. Im Fall der AUB kein großes Problem - denn nicht nur die Rechnungen für die Unterkünfte übernahm regelmäßig Wilhelm Schelsky, auch die Referenten stellten ihre Honorarforderungen nach stern-Informationen oft direkt an ihn. Dank dieses Tricks wurde also auch echtes Bargeld auf die Konten der AUB gespült. Kaum saß Schelsky in U-Haft, kündigte die flugs fast ihr gesamtes Personal und auch alle Geschäftsstellen bis auf die Nürnberger Zentrale.

Dass sie sich nie über Schelskys Freigebigkeit gewundert haben wollen, erklären AUB-Vorleute mit dessen dominantem Wesen. Wo man auch hinhört: Schelsky gilt nicht nur als blitzgescheit, sondern auch als ausgesprochen robust. Fragen seien nicht erwünscht gewesen, also habe man auch keine gestellt. Dass die AUB sein Projekt sei und er alle wichtigen Entscheidungen fälle, daran habe er keinen Zweifel gelassen. In den vergangenen Jahren allerdings, erinnert sich ein Vorstandsmitglied, habe er sich geändert. Er habe sich rar gemacht, öfters bei Vorstandssitzungen gefehlt, abwesend gewirkt. Als sei ihm die AUB nicht mehr wichtig, als sei er mit seinem Kopf längst woanders.

Man könnte es verstehen. In Lubmin nahe der polnischen Grenze steht kurz hinter dem feinen Sandstrand ein imposantes Haus: drei Stockwerke hoch, der Garten herausgeputzt, die Garageneinfahrt mit einem mächtigen automatischen Tor bewehrt. Lange stand die Villa leer, vor wenigen Jahren kaufte sie Schelsky und ließ sie von Grund auf renovieren. Es ist nun, wie einer im Ort sagt, "das prächtigste Haus weit und breit". Hier baute sich Wilhelm Schelsky ein neues Leben auf, mit neuen Geschäften, einer neuen Lebensgefährtin, einem runderneuerten Image - und natürlich den Millionen von Siemens. "Wir hoffen, dass er bald zurückkommt", sagt ein Gast der nahen Strandkneipe, "er hat dieser Gegend so viel Gutes getan." Tatsächlich hört von einem ganz anderen Wilhelm Schelsky, wer sich rund um Greifswald nach ihm erkundigt: Der verdeckte Lobbyist - hier mutiert er zum angesehenen Unternehmer, einem der größten Arbeitgeber der Region und gern gesehenen Sponsor.

Jobs werden mit Leiharbeitern besetzt

Im August 2002 stieg Schelsky mit einer Einlage von 205.500 Euro bei der ML&S GmbH ein und ist dort heute auch der größte Gesellschafter. Das Elektronikunternehmen war vor seiner Auslagerung eine Tochter - man ahnt es - der Siemens AG. Der AUB-Vorsitzende nahm die Firma aus dem Arbeitgeberverband und damit aus dem Tarifvertrag und ließ die Leute länger arbeiten. Heute beschäftigt ML&S rund 300 Menschen und hat es bei mehr als 70 Millionen Euro Umsatz aus den roten Zahlen geschafft. Es entstehen sogar wieder Jobs, die Schelsky allerdings vorwiegend mit Leiharbeitern besetzen lässt. Auch im Fernsehgeschäft engagiert sich der bullige Franke neuerdings. Eine andere Schelsky-Firma ist nun Haupteigner des Lokalsenders Greifswald TV, seine Tochter Sabine seit Kurzem die Geschäftsführerin. Selbst dem Fußball hat Schelsky aufgeholfen. Der Greifswalder SV war nach der Wende tief abgestürzt, auch die Vereinskneipe am Volksstadion war jahrelang dicht. Dann wurde Schelsky der neue Hauptsponsor, ließ einen teuren Trainer und neue Spieler beschaffen, und gerade erst gelang der Wiederaufstieg in die Amateuroberliga. Auch die Vereinskneipe übernahm Schelsky, diesmal über seine Schema GmbH. Seit einem Jahr serviert der Chefkoch, ein gebürtiger Inder, in den aufwendig renovierten Räumen Filets von Zander und argentinischem Rind.

Nach Schelskys unschönem Abgang im Polizeiwagen war die Panik groß beim wieder erstarkten Verein, die Führung beschwor auf einer Pressekonferenz Durchhaltewillen und ein bisschen auch den Geist des inhaftierten Sponsors: "Wo viele keinen Mut mehr gehabt haben, hat er angepackt." Die "Ostsee-Zeitung" zitierte geschockte Fans: "Fällt gerade jetzt alles zusammen wie ein Kartenhaus?" Die Frage wird sich auch Wilhelm Schelsky stellen, seit er wieder zurück in seiner alten Heimat Nürnberg ist, in der örtlichen Justizvollzugsanstalt.

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