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Verzerrte Wahrnehmung Studie zeigt: Deutsche schätzen Risiko von Armut und Arbeitslosigkeit falsch ein

Viele Menschen haben eine pessimistische Wahrnehmung ökonomischer Themen
Viele Menschen haben eine pessimistische Wahrnehmung ökonomischer Themen
© PIKSEL / Getty Images
Wie viele Rentner sind arm? Wie viele Ausländer sind arbeitslos? Viele Menschen verschätzen sich bei den Antworten auf solche Fragen erheblich, zeigt eine Studie. Vor allem eine Gruppe sieht die Welt zu pessimistisch.

Dass die gefühlte Wirklichkeit nicht immer mit dem zusammenpasst, was Zahlen und Daten sagen, haben wohl die meisten schon mal bei sich selbst festgestellt. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln macht nun deutlich, wie krass daneben viele Menschen bei der Einschätzung grundlegender sozioökonomischer Themen liegen.

Die Ökonominnen zeigen, dass viele Menschen insbesondere bei Fragen zu Armut und Arbeitslosigkeit die Situation in Deutschland deutlich pessimistischer einschätzen, als es die Statistiken ausweisen. So gehen die 1100 befragten Bürger im Mittel (Median) davon aus, dass 30 von 100 Menschen in Deutschland von Armut bedroht sind. Bei Rentnern vermuten sie, dass sogar 50 von 100 betroffen sind. Das ist eine erhebliche Abweichung von offiziellen Zahlen: Laut Mikrozensus 2019 liegt die relative Armutsgefährdungsquote nämlich nur bei 16 Prozent für die Gesamtbevölkerung und bei 17 Prozent für Rentner. Als armutsgefährdet gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen.

Auch beim Thema Arbeitslosigkeit klaffen Wahrnehmung und Zahlen auseinander. Im Schnitt vermuten die Befragten, dass 15 von 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeitslos sind, obwohl sie eine Arbeit suchen. Die Bundesagentur für Arbeit aber weist für den Zeitpunkt der Befragung im August 2020 nur eine Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent aus. Noch krasser fällt die Diskrepanz bei der Arbeitslosenquote ausländischer Mitbürger aus: Die Befragten schätzen diese auf 39 Prozent, tatsächlich lag sie bei 15,6 Prozent. 

Weniger Unfalltote und Kriminalität als gedacht

Nun kann man einwenden, dass die Statistiker eine andere Definition von Armut haben, als mancher Ottonormalbürger und dass auch die Arbeitslosenquote nicht alle Arbeitslosen erfasst. Dennoch ist die Diskrepanz erheblich, zumal den statistischen Zahlen in der Untersuchung ja die mittleren Wahrnehmungswerte entgegengestellt werden und nicht die Extrem-Meinungen.

Eine ins Negative verzerrte Wahrnehmung gibt es zudem auch bei Zahlen, bei denen die statistische Definition deutlich leichter ist. Auf die Schätzfrage, wie viele Todesfälle in Deutschland anteilig auf Verkehrsunfälle zurückgehen, liegen die Antworten im Mittel bei 15 Prozent. Tatsächlich liegt der Anteil der Verkehrstoten laut Statistischem Bundesamt gerade einmal bei 0,3 Prozent. Die Gefahr, durch einen Verkehrsunfall zu sterben, wird also dramatisch überschätzt. Immerhin grob im richtigen Bereich liegen die Antworten beim Thema Erneuerbare Energien: Deren Anteil am Stromverbrauch schätzen die Befragten im Mittel auf 34 Prozent, laut Bundeswirtschaftsministerium waren es 2019 schon 42 Prozent.

Auch die Entwicklung der Kriminalität sehen viele Menschen zu düster. Mehr als die Hälfte der Befragten ist fälschlicherweise der Meinung, dass die Zahl der registrierten Kriminalfälle in den vergangenen fünf Jahren gestiegen ist. Jeder Vierte geht von einem gleichbleibenden Niveau aus. Und nur 24 Prozent tippen auf sinkende Zahlen – was von den Statistiken des Bundeskriminalamts bestätigt wird. "Auch wenn das Ausmaß der Fehleinschätzungen je nach Themenbereich stark variiert, teilen die einzelnen Abweichungen die Gemeinsamkeit, dass alle abgefragten Kennziffern in der Tendenz pessimistischer eingeschätzt werden, als es die jeweiligen empirischen Indikatoren nahelegen", schreiben die drei Autorinnen der Studie. 

Soziale Medien verstärken Fehleinschätzungen

Wie stark das eigene Weltbild negativ überzeichnet ist, könnte laut Studie maßgeblich mit dem Mediennutzungsverhalten der Menschen zusammenhängen. So zeigte sich, dass Menschen, die ihre politischen Informationen vorrangig über soziale Medien beziehen, stärkeren Fehleinschätzungen unterlagen als diejenigen, die traditionelle Medien wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie lokale und überregionale Zeitungen nutzten. Und das hat politische Folgen. Denn Befragte mit starken Fehleinschätzungen waren "eher unzufrieden mit der Demokratie, dem sozialen Sicherungssystem und der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit in Deutschland", heißt es in der Studie.

Am stärksten ausgeprägt war dieser Effekt bei den AfD-Anhängern. AfD-Wähler, die sich vorrangig in den sozialen Medien informieren, waren vor allem bei den Themen Altersarmut und Arbeitslosigkeit von Ausländern besonders weit von der Welt der Fakten entfernt. Ob die Vorstellungen erst durch diese Medien geprägt worden seien oder – andersherum – sich diese Menschen bewusst Kanäle gesucht hätten, die bereits vorherrschende Ansichten bestätigen, lasse sich aus den Daten nicht herauslesen, schreiben die Ökonominnen. "Aufgrund der Algorithmen sozialer Medien ist es jedoch wahrscheinlich, dass sich bestehende Fehleinschätzungen und verzerrte Wahrnehmungen durch den Konsum sozialer Medien weiter verstärken."

Quelle: IW Köln (Studie)


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