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Interview

Ban­g­la­desch, Vietnam und China: "Missstände nicht totschweigen": Wie sich Tchibo für Menschenrechte in Textilfabriken einsetzt

Bekleidungshersteller wie C&A, H&M oder auch Tchibo lassen ihre Textilien günstig in Asien produzieren, in Ländern, in denen Menschenrechte und Umweltstandards oft wenig gelten. Im Interview erzählt Tchibo-Direktorin Nanda Bergstein, wie sie das ändern will.

Näherinnen bei der Pause in einer Fabrik

Tchibo setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Schwellenländern ein - und will auch andere Firmen zum Mitmachen aufrufen.

Ob Babystrampler, hautenge Jogginghosen oder gestreifte Bettwäsche – der Kaffeeröster Tchibo verkauft weit mehr als nur braune Bohnen. Der Hamburger Konzern lässt sein buntes Produktsammelsurium rund um den Globus fertigen, um es anschließend zu Discountpreisen in den Supermarktregalen anzubieten. Produziert wird dort, wo es besonders billig ist – in Bangladesch, Vietnam oder China. Länder in denen Menschenrechte und Umweltstandards oft wenig gelten. Die Direktorin für Unternehmensverantwortung Nanda Bergstein bei Tchibo will das ändern und erklärt, wie sie mit der Initiative "WE" Arbeitnehmer stärken und existenzsichernde Löhne sowie Gewerkschaftsfreiheit durchsetzen will.

Frau Bergstein, in Indien klagen viele Frauen über sexuelle Übergriffe. In Bangladesch trauen sich Näherinnen teilweise nicht während der Arbeitszeit auf Toilette zu gehen, ein Arbeiter hat vor Wut über die herrschende Ungerechtigkeit sogar seinen Vorgesetzten mit einem Messer erstochen und sich anschließend selbst umgebracht. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas hören?

Das macht mich zornig, das berührt mich. Das sind Zustände, die wollen wir nicht haben. Glücklicherweise ist der Mord nicht in einer Tchibo Fabrik passiert.

All das wurde lange Zeit von der Branche unter den Teppich gekehrt, warum lassen sie jetzt zu, dass die Öffentlichkeit davon erfährt?

Ich glaube nicht, dass man Missstände totschweigen und so tun sollte, als ob die Welt perfekt sei. Diese Dinge passieren ja überall, ganz egal wer dort fertigen lässt, nicht nur bei Tchibo. Deswegen wollen wir die Probleme ansprechen. Das ist die Voraussetzung für neue Lösungen und Veränderung.

Dafür haben sie ein spezielles Programm gegründet. Es heißt WE. Was genau soll es bewirken?

WE ist ein Trainingsprogramm für unsere Fabriken, das wir seit zehn Jahren durchführen. Der Name steht für Worldwide Enhancement of Social Quality. Es geht darum, das Management und die Beschäftigten an einen Tisch zu bringen. Dazu haben wir eigene Trainer, die über einen längeren Zeitraum in die Firmen gehen und beide Seiten befähigen in den Dialog zu treten. Denn auf Seiten der Arbeitnehmer herrscht sehr viel Angst. Es braucht oft einen langen Angang bis sich die Arbeiter trauen, auch Ansprüche gegenüber ihrem Chef zu stellen oder gar öffentlich Kritik zu äußern. Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen für die Menschen vor Ort dauerhaft zu verbessern. Und dafür schaffen wir einen Raum, in dem "Empowerment" entsteht, Dialog stattfindet und gemeinsam Lösungen für die Einhaltung von Menschenrechten erarbeitet und umgesetzt werden.


Während dieser Trainings kommen auch unangenehme Themen hoch. Eine Näherin etwa hat vor der versammelten Mannschaft ihrem Chef sexuelle Belästigung vorgeworfen. Wie schützen sie diese Frau, damit sie nicht am nächsten Tag gefeuert wird?

Indem wir sie nicht alleine lassen. Wir haken nach, fordern, dass sich der Mann bei ihr entschuldigt. Reden mit beiden Parteien. Und zur Not fliege ich in Konfliktsituationen auch schon einmal selber hin und versuche zu vermitteln.

Lange Zeit hieß es, regelmäßige unabhängige Kontrollen – sogenannte Audits – würden in Schwellenländer helfen, die Situation in den Fabriken zu verbessern. War das falsch?

Audits sind immer nur eine Momentaufnahme. Bei den Werksbesichtigungen kann man sehen, wie die baulichen Zustände der Gebäude sind, ob die Sicherheitsvorschriften eingehalten werden. Aber Diskriminierung, Gewerkschaftsverbote, unbezahlte Überstunden werden sie auf diesem Weg nie entdecken. Da bringen Audits nichts. Dazu müssen sie über einen längeren Zeitraum in den Firmen vor Ort sein und Veränderungsprozesse anstoßen.

Warum sollten Unternehmer und Manager, die in diesen Ländern wie Fürsten über ihre Belegschaft herrschen, sich auf einen solchen Prozess einlassen?

Zum einen natürlich, weil Tchibo ein großer Kunde ist. Aber auch, weil sie selbst davon profitieren können. In den Gesprächen machen die Beschäftigten oft sehr nützliche Vorschläge, die nicht nur ihren Job erleichtern, sondern auch die Produktivität der ganzen Firma steigern. Auch sinkt die Fluktuation in den Fabriken, wenn die Menschen zufriedener sind.


Zwingen Sie die Unternehmen bei WE mitzumachen?

Nein, wir versuchen es immer zuerst mit Überzeugung und nicht mit Zwang. Aber wenn wir über einen längeren Zeitraum sehen, dass sich ein Unternehmen beharrlich weigert, würden wir daraus unsere Konsequenzen ziehen, was die Geschäftsbeziehung betrifft.

Wie teuer ist das Programm?

Es kostet mindestens 20 Mal so viel, wie ein normales Audit, je nach Land und Fokus. Es ist also deutlich teurer. Trotzdem, wir wollen nicht, dass Menschenrechte in unseren Fabriken verletzt werden. Aus dieser Perspektive heraus haben wir das Programm entwickelt. Wir möchten, dass keine Tchibo Produkte zulasten von Mensch und Umwelt gefertigt werden.

Ein hoher Anspruch. Vor zehn Jahren haben sie mit den ersten Trainings begonnen. Was haben sie seitdem erreicht?

Wir haben über die Jahre mittlerweile 360 Fabriken in neun Ländern in den Prozess integriert, das macht 75 Prozent unserer Produkte aus. Insgesamt haben wir etwa 360000 Beschäftigte und ihre Familien erreicht.


Wie dankbar sind die Konsumenten? Wie wichtig ist ihnen der Aspekt mein T-Shirt, meine Jeans wurde fair hergestellt?

Wir haben die Käufer unserer Produkte noch nie dazu befragt. Grundsätzlich gilt aber, dass die Menschen ein gutes Gefühl haben wollen, wenn sie einkaufen. Und sie strafen einzelne Unternehmen gezielt ab, wenn es kritische Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen gibt.

In den Fabriken, in denen sie produzieren, lassen ja oft auch die anderen großen Textilhändler, wie H&M oder C&A ihre Waren herstellen - bekommen Sie von denen Unterstützung?

Wir sind gerade dabei uns für eine Zusammenarbeit zu öffnen. Wir möchten gerne andere Unternehmen dafür gewinnen, die Interesse haben mitzumachen. Wir sind allerdings noch nicht so weit, dass wir Namen nennen können. Denn sich auf einen solchen Prozess einzulassen braucht eben auch Zeit, Vertrauen und Investment. Aber es zahlt sich aus. 

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Von:

sowie Silke Gronwald