Tiermehl Schnelles Geld mit Ekel-Pulver


Ein Unternehmer aus Schleswig-Holstein hat Mehl aus Rinder-Schlachtabfällen exportiert - was wegen der Seuche BSE streng verboten ist. Der stern folgte den Containern bis nach Malaysia und Vietnam.
Von Matthias Brendel und Georg Wedemeyer

Wenn es um zu Brei gemahlene Tiere geht, gerät Friedrich von S., 39, ins Schwärmen: "Das ist wie sechs Richtige im Lotto!" Mit der getrockneten pulverigen Masse aus Schlachtabfällen und anderweitig verendeten Tieren, kurz Tiermehl genannt, macht der smarte Landjunker von der Ostseeinsel Fehmarn gute Geschäfte. Zu gute, wie die Staatsanwaltschaft Lübeck glaubt. Sie ermittelt gegen den Edelmann wegen illegaler "Ausfuhr von Tiermehl mit Rinderbestandteilen". Die ist schon deshalb strengstens verboten, weil damit die erneute Ausbreitung des tödlichen Rinderwahns BSE droht.

Tausende Kilometer von Schleswig-Holstein entfernt, in einem heruntergekommenen Industriegebiet in Malaysia, schuften in einer riesigen Lagerhalle malaysische Arbeiter. Schaufel für Schaufel tragen sie meterhohe braune Berge ab und füllen die staubende, stinkende Masse in Säcke. Draußen stehen Lkws, deren Fahrer erzählen, wohin die letzte Reise dieses Tiermehls aus Deutschland geht: auf Farmen in der malaysischen Provinz, wo es an Rinder, Hühner und Schweine verfüttert wird.

Langzeitschäden und Bumerangeffekt

Mit illegalen Tiermehlexporten wird schnelles Geld gemacht und dabei für kurzfristigen Gewinn unabsehbarer Langzeitschaden riskiert, Bumerangeffekt inbegriffen: "Wenn Tiermehl mit BSE-Risiko exportiert und verfüttert wird, besteht die Gefahr, dass später Fleisch BSE-kranker Schlachttiere wieder auf unseren Tellern landet", sagt Thilo Bode von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, die gemeinsam mit dem stern in Deutschland und Asien recherchierte.

Es sind zermahlene Tierkadaver aus Süddeutschland, die Friedrich von S. nach Fernost verkauft hat. Im Odenwald und am Taunus stehen die Tierkörperbeseitigungsanlagen, die das Mehl lieferten. Es war eingestuft als "Kat-2-Material", stammte also aus "Magen- und Darminhalt", "Siebresten, Schlämmen, Material aus Abflussleitungen", von Fleisch "mit Rückständen von Tierarzneimitteln" und von Tieren, die plötzlich tot im Stall lagen oder "zur Tilgung einer Tierseuche getötet wurden". So definiert das Gesetz "Kat 2". Eine brisante Mixtur. Wegen ihres Infektionsrisikos darf sie eigentlich nur verbrannt, zu Biogas verarbeitet oder als sogenannter organischer NP-Dünger verwendet werden. Jegliche Verfütterung ist verboten, ebenso jeglicher Export, falls Rinderbestandteile enthalten sind.

Verfütterungsverbot von Tiermehl

Die Rinderseuche BSE breitete sich Mitte der 80er Jahre zunächst in England vor allem deshalb aus, weil Tiermehl an Kühe verfüttert wurde. Durch den Export von Tiermehl aus kranken englischen Rindern sprang BSE auch auf andere Länder über. Bis heute sind in Europa knapp 190.000 Rinder und 170 Menschen durch BSE gestorben. Erst ein Verfütterungsverbot von Tiermehl ließ die Seuche abklingen. Doch auch nach 20 Jahren ist sie nicht ganz besiegt. In England wurden 2008 bereits 16 erkrankte Rinder gezählt, in Deutschland zwei. Die Firma des Adligen, Subs-Trade, exportierte im April dieses Jahres 500 Tonnen Kat-2-Mehl nach Malaysia. Um handfeste Beweise zu haben, ließen die Rechercheure einen der 21 Container auf seiner Reise nicht aus den Augen.

Auf einem schwer einsehbaren Gelände bei Höpfingen im Odenwald wurde der dunkelblaue Container Nummer "XINU 1299685" am 17. April mit 27 Tonnen Tiermehl gefüllt. Mit der Begründung: "Darf ich mir Dünger für meinen Garten nehmen?", gelang es, eine Probe fürs Genlabor zu ziehen. Einen Tag später fuhr der Container auf dem Binnenfrachter "Eternity" nach Antwerpen. Am 24. April stach er dort mit der "Hanjin Rio de Janeiro" in See. Den Zoll täuschte Subs-Trade mit einem Trick: Der Inhalt des Containers wurde fälschlich als "mineralischer Dünger" deklariert. So ließen die Beamten die Ladung passieren. Bei "organischem NP-Dünger" hätte ein tierärztliches Zeugnis beigelegt werden müssen - so verlangt es nicht nur EU-Recht, sondern auch das malaysische Gesetz.

Um die falsche Deklaration plausibel aussehen zu lassen, taxierte von S. den Wert der Ladung auf 3000 Euro - als legaler organischer NP-Dünger hätte der Wert bei höchstens 1500 Euro gelegen. Am 18. Mai landete Container "XINU 1299685" in Singapur. Die Empfängerfirma stattete den Container umgehend mit neuen Papieren aus und schickte ihn am 20. Mai mit einem Küstenmotorschiff wieder auf die Reise. Nun enthielt XINU angeblich "Animal Feed", also Tierfutter. Womit sich der Wert abermals vervielfacht hatte. Üblicherweise bringt eine Tonne Tierfutter bis zu 340 Euro, damit hatte der XINU-Container einen Wert von rund 9200 Euro.

Papiere gefälscht

Am selben Tag stand in Deutschland auch das Ergebnis der Genanalyse fest: Das Tiermehl in XINU enthält Rinderbestandteile. Der Inhalt des Containers hätte Deutschland nie verlassen dürfen. Schon gar nicht, um letztlich über einige Zwischenfirmen am 1. Juni in jener Halle in Malaysia zu landen und schließlich verfüttert zu werden. Weder Friedrich von S. noch sein Rechtsanwalt wollten sich gegenüber dem stern zu den Vorgängen äußern. Vielleicht deshalb, weil inzwischen die nächste Ladung mit 500 Tonnen Tiermehl von Subs- Trade unterwegs war. Während die Staatsanwaltschaft Lübeck bereits ermittelte, wurden sie Mitte Juli in der Hafenstadt Hai Phong in Nordvietnam angelandet. Die vom stern alarmierten vietnamesischen Behördenvertreter lud ein Mitarbeiter der Empfängerfirma umgehend zum Mittagessen ein.

Bei gedämpften Austern und getrockneter Makrele präsentierte er den Polizisten und Zollbeamten ein "Amtliches Veterinärattest" des Kreises Viersen vom 23. Mai 2008. Demnach stammte dieses Tiermehl von der Firma Ensotec aus Nettetal, enthielte nur Schwein und wäre "für die Verfütterung geeignet". Doch das Papier ist eine Fälschung. "Das dort abgebildete Dienstsiegel wird vom Veterinäramt des Kreises nicht benutzt", versicherte das Landratsamt Viersen dem stern. Ensotec teilt mit, erstens habe man "das Veterinärattest weder beantragt noch ein solches der Firma Subs-Trade von S. zukommen lassen". Und zweitens enthalte ihr Mehl auch Rind. Von S. wollte sich zu der Fälschung nicht äußern.

Politik "steht weiter auf dem Schlauch"

"Wie viel tatsächlich exportiert wurde, ermitteln wir noch", sagt ein Ermittler der Lübecker Staatsanwaltschaft. Fest steht, dass viele deutsche Fleisch- und Knochenmühlen, darunter auch die größten der Branche, in den vergangenen Jahren an Firmen von Friedrich von S. insgesamt mehrere Zigtausend Tonnen Tier- und Fleischknochenmehl geliefert haben. Von S. sieht sich selbst als "größten Knochenmehlabnehmer Deutschlands". Alle Geschäftspartner behaupten, von seinen illegalen Exporten nichts gewusst und die Lieferungen nun gestoppt zu haben. Tiermehlkontrollen sind schwierig, weil die Rechtslage je nach Sorte erst mühsam aus einer Fülle von EU-Verordnungen, Ausnahmeregelungen und deutschen Zusatzbestimmungen herausgefiltert werden muss. Doch die Politik "steht weiter auf dem Schlauch", sagt Thilo Bode von Foodwatch.

Man lasse sich über die Vorgänge ständig informieren, schrieb das Bundeslandwirtschaftsministerium am 23. Juli an ihn, es ermittle ja nun die Staatsanwaltschaft Kiel. Außerdem habe man bei der EU angeregt, künftig Tiermehldünger "Bestandteile beizumischen", damit er nicht mehr verfüttert werden kann. Bode hat geantwortet, dass es sich um die Staatsanwaltschaft in Lübeck und nicht um die in Kiel handele. Und dass die Beimischungsvorschrift schon längst in einer EU-Verordnung aus dem Jahr 2002 enthalten sei. Aber das kümmert offenbar niemanden.

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