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Stern-Talk zum Thema Windkraft Neue Wege beschreiten: Mit Elektroautos Windkraft speichern

Und so sah der stern-Talk zum Thema Windkraft aus. Mitten drin Chefredakterin Anna-Beeke Gretemeier und Chefredakteur Florian Gless.
Und so sah der stern-Talk zum Thema Windkraft aus. Mitten drin Chefredakterin Anna-Beeke Gretemeier und Chefredakteur Florian Gless.
© Screenshot/stern
Rettet uns die Windkraft? Passend zur stern-Titelgeschichte „Sieben Windräder pro Tag“ diskutierten beim 4. stern-Talk die Redakteure Rolf-Herbert Peters und Martin Schlak mit Experten und Leserinnen und Lesern.

Ergebnis nach 90 Minuten: Deutschland hat alle Voraussetzungen, um mit einem beschleunigten Ausbau der Windkraft die Klimaziele von Paris zu erreichen. Dafür braucht es allerdings nicht nur den politischen Willen, passende rechtliche Rahmenbedingungen und gute Planung, sondern vor allem die grundsätzliche Bereitschaft, neue Wege bei der Energieversorgung zu beschreiten.

Im stern hatte ein Expertenbeirat den beschleunigten Ausbau der Windkraft gefordert: Rechnerisch brauche das Land sieben neue Windräder – pro Tag. Ein realistisches Ziel oder ein Hirngespinst? Bringt diese Idee das Land voran oder überfordert es uns?

Drei Fachleute standen den stern-Leserinnen und Lesern Rede und Antwort

Prof. Volker Quaschning, Experte für Regenerative Energie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Frank-Michael Uhle, Klimaschutzmanager beim Rhein-Hunsrück-Kreis, und Detlef Ahlborn, Leiter des Bereichs Technologie in der Bundesinitiative „Vernunftkraft“, die den Ausbau der Windkraft für einen grundsätzlichen Irrweg hält.

„Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist in den vergangenen Jahren in Deutschland sehr nach gutem Beginn nur schleppend vorangegangen“, verdeutlichte stern-Redakteur Rolf-Herbert Peters einführend. Windkraft sei die Zukunft für nachhaltige Energieerzeugung.

„Kein sinnvoller Weg“, befand Detlef Ahlborn von der Initiative „Vernunftkraft“. „Unser Energieverbrauch ist so hoch, dass wir nie in der Lage sein werden, diese Energiemengen mit Windkraft zu produzieren. Wir haben ein Mengenproblem bei Windkraftanlagen.“ Um genügend Anlagen aufstellen zu können, sei umgerechnet die komplette Fläche Niedersachsens erforderlich – dies sei nicht realistisch. „Die so genannte Energiewende ist schon lange gescheitert“, bilanzierte Ahlborn später, „und zwar an den Gesetzen der Ökonomie, der Physik und der Mathematik.“  Er plädiere dafür, auf Kernfusion zu setzen.

Freilich eine Technik, die erst in Jahrzehnten zur Verfügung stehen könnte – wenn überhaupt. Für seine Aussage musste sich Ahlborn seitens vieler Leser deutliche Kritik gefallen lassen: „Sie sind immer nur dagegen“, so ein Diskutant, „aber Sie bieten keine realistische Alternative an. Uns läuft die Zeit davon.“

In der Tat: „Wollen wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen, müssen wir jetzt handeln“, verdeutlichte Volker Quaschning. Der Flächenbedarf für die Windkraft-Anlagen sei längst nicht so hoch wie von Detlef Ahlborn dargestellt. Nur zwei Prozent der Fläche Deutschland sei nötig. Die Standort-Frage lasse sich lösen. Es stimme zwar, dass manche Anlagen auch in oder an Wäldern errichtet würden, aber verglichen mit den Folgen des Klimawandels seien begrenzte Eingriffe in Wälder das weitaus kleinere Übel. Auch die Folgen für die Natur, etwa für Vögel oder Fledermäuse,  ließen sich minimieren.

„Was nützt uns eine Energiequelle, auf die nicht Verlass ist, weil sie bei Windstille eben keine Energie mehr produziert?“ Die Frage eines Diskutanten war auch in mehreren Leserbriefen an den stern aufgeworfen worden. Quaschnings Antwort: „Es ist natürlich wichtig, nicht nur an den Ausbau der Windkraft-Anlagen, sondern auch an den Ausbau entsprechender Speichertechnologie zu denken.“

Dezentrale Speicher seien die Zukunft, so Quaschning

Dafür ließen sich neben bekannten Technologien wie etwa Pumpspeicherwerken beispielsweise auch neue Ansätze nutzen: Zum Beispiel Elektroautos, die sich, während sie mit einem intelligenten Stromnetz verbunden sind, sehr gut als kurzzeitige Zwischenspeicher verwenden ließen, ohne den Fahrkomfort zu beeinträchtigen. Eine einzige Tesla-Autobatterie könne so viel Strom speichern, wie ein durchschnittliches Einfamilienhaus in einer Woche verbrauche. Quaschning weiter: „Bis auf wenige Wochen im Jahr, wo wir Strom aus dem Ausland zukaufen müssten, könnten wir uns mit solchen innovativen Speicherkonzepten schon gut versorgen.“

Windkraft funktioniert und kann einer ganzen Region zu Wohlstand verhelfen – das verdeutlichte Frank-Michael Uhle, Klimamanager im Rhein-Hunsrück-Kreis. Die Region habe sich zu einer Modellregion entwickelt, die interessierte Besucher aus aller Welt anziehe. Die Verpachtung der Windkraft-Standorte sei für Kommunen im Rhein-Hunsrück-Kreis sehr lukrativ. Mit den Einnahmen – die sich inzwischen auf mehr als 50 Millionen Euro summiert hätten – würden etwa Energiespar-Projekte für die Bevölkerung gefördert. So führe Windkraft einerseits zu Wohlstand und helfe andererseits dabei, immer weniger Energie zu benötigen. Generell sei es möglich, in Deutschland dreimal mehr Energie durch Windkraft zu erzeugen als benötigt würde. Die Technologie sei vorhanden, es hapere aber an gesetzlichen Rahmenbedingungen. Sein Kreis beweise, dass viel mehr möglich sei, als man noch vor Jahren gedacht habe. „Wenn Sie die Bevölkerung mitnehmen und den Menschen zeigen, dass jeder Einzelne von den Anlagen profitieren kann, dann schaffen wir auch Akzeptanz für größere Windkraft-Projekte.“

Bilanz von Forscher Volker Quaschning: „Es lohnt sich, unser Wissen weiter auszubauen. Wenn wir Technologieführer sind, dann können wir auf Dauer unseren Wohlstand auf nachhaltige Weise sichern. Wir sollten das Neue nicht bekämpfen, sondern begrüßen.“

Und die stern-Leserinnen und stern-Leser? Sie zogen mehrheitlich ein positives Fazit: „Ich habe selten in 90 ausgefüllten Minuten so viel dazugelernt, wie es beim stern-Talk der Fall war“, bilanzierte Teilnehmer Eberhard Gebauer aus Düsseldorf.


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