Teure Medikamente "Form der Korruption"


Eckart Fiedler, Chef der Barmer Ersatzkasse, über gierige Ärzte, teure Medikamente und Zwei-Klassen-Medizin im Wartezimmer.

Herr Fiedler, kennen Sie eine Lobbygruppe, die in Berlin mehr Einfluss hat als die Pharmabranche?

Die Autoindustrie ist sicherlich auch nicht zu unterschätzen. Aber ich gebe zu, dass die Pharmaindustrie sehr stark vertreten ist in Berlin.

Marcia Angell, die ehemalige Herausgeberin einer weltweit renommierten medizinischen Fachzeitschrift, hat vor kurzem bemerkt, dass die Pharmaindustrie in den USA "die Regierung gekauft hat, damit sie in ihrem Sinne handelt".

Das kann man, glaube ich, für Deutschland nicht sagen. Aber die Politik unterliegt natürlich auch hierzulande Einflüsterungen. Im Vordergrund steht dabei die Drohung des Abbaus von Arbeitsplätzen. Wenn die Politik Arzneimittelkosten senken will, malen die Lobbyisten gleich den Untergang der mittelständischen Pharmaindustrie an die Wand und fordern einen Schutzzaun. Die Landesregierungen sind dafür besonders empfänglich. Die Folge ist, dass die Arzneimittelpreise in Deutschland mit zu den höchsten zählen.

Bei innovativen patentgeschützten Arzneimitteln ist die Preisgestaltung frei, das heißt, der Hersteller kann den Preis verlangen, den er für richtig hält. In diesem Segment haben wir ein relativ hohes Preisniveau. Das kann man aber noch damit rechtfertigen, dass echte Innovationen hohe Forschungskosten bedeuten, die gegenfinanziert werden müssen.

Die größten Pharmakonzerne der Welt geben mittlerweile nur noch 14 Prozent ihres Umsatzes für Forschung aus, aber 36 Prozent für Marketing und Verwaltung.

Ich habe nichts dagegen, dass die Pharmaindustrie bei neuen Medikamenten hohe Preise verlangt. Nach Ablauf der Patentschutzfrist muss dann aber ein massiver Preiswettbewerb durch Nachahmerprodukte, so genannte Generika, einsetzen.

Auch Generika sind überteuert: Sie kosten in Deutschland im Schnitt 56 Prozent mehr als in Großbritannien.

Da kommt eben zum Tragen, was der stern im Fall Ratiopharm aufgedeckt hat: dass Ärzte von einem großen Generika-Hersteller massiv beworben und indirekt ja auch korrumpiert werden, die Produkte dieses Herstellers zu verordnen, obwohl sie im Vergleich zu denen sonstiger Generika-Hersteller teurer sind. Hier findet kein positiver Wettbewerb statt. Ärzte bekommen Anreize dafür, teurere Generika zu verordnen, und verstoßen damit gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit, zu dem sie ja verpflichtet sind.

Waren Sie vom Ausmaß der Geld- und Geschenkverteil-Praxis im Fall Ratiopharm überrascht?

Ja, das ganze Ausmaß hat mich schon überrascht. Diese Praxis gibt es aber leider nicht nur bei Generika, sondern auch bei so genannten Scheininnovationen, also geringfügig veränderten Arzneimitteln, die aber nicht besser sind. Da werden dann überflüssige klinische Feldstudien veranstaltet. Auf Wunsch des Herstellers füllt der Arzt einen Dokumentationsbogen aus und erhält dafür ein Honorar. Auch das ist eine Form der Korruption. Im Fall Ratiopharm war ich aber verblüfft über die Selbstverständlichkeit, mit der Ärzte Schecks fordern, obwohl die Berufsordnung das ausdrücklich verbietet.

Von solchen Schecks für Ärzte haben Sie nichts gewusst?

Man hat es zwar immer wieder gerüchteweise gehört, konnte es aber nie beweisen. Im Fall Ratiopharm haben wir, wenn das alles so stimmt, jetzt zum ersten Mal Tatsachen auf dem Tisch liegen. Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft ermitteln wird, und dann wird man erst das ganze Ausmaß erkennen können.

Bisher unterscheidet die Rechtsprechung stark zwischen Klinikärzten, für die Geldgeschenke klar verboten sind, und niedergelassenen Ärzten, wo das nicht so klar ist.

Strafrechtlich haben Sie Recht. Aber die Berufsordnung für Ärzte regelt eindeutig, dass ein Arzt Vorteile weder fordern noch annehmen darf, die zum Beispiel sein Verschreibungsverhalten beeinflussen. Hier sind die Ärztekammern gefordert, ihre Mitglieder aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass eine solche Verhaltensweise gegen die Berufsordnung verstößt.

Bisher verharrt die Ärztekammer im Fall Ratiopharm in Schweigen.

Das ist bedauerlich. Die Ärztekammer müsste jetzt reagieren. Ich verstehe zwar, dass sie von sich aus keine Recherchen anstellen kann. Aber sie müsste sich eindeutig positionieren.

Wie sollte die Ärztekammer mit jenen Ärzten verfahren, die Geld von Ratiopharm angenommen haben?

Wer als Arzt ein- oder zweimal einen Scheck angenommen hat, sollte ermahnt werden. Ärzte, die aber ständig Geld fordern und erhalten haben, müssen von der Ärztekammer nach der Berufsordnung konsequent bestraft werden, bis hin zum Entzug der Zulassung.

Nicht strafbar ist, dass die Apotheker Medikamente, die sie geschenkt bekommen haben, bei der Krankenkasse abrechnen.

Ich finde diese Praxis der Naturalrabatte auch unmöglich...

Wieso haben Sie dem Treiben dann jahrelang zugeschaut, ohne etwas zu machen?

Es ist eben keine strafbare Handlung. Außerdem haben wir gehandelt und mit Generika-Herstellern im Zusammenhang mit unserem Hausarzt- und Hausapothekenmodell eigene Rabatte ausgehandelt.

Aber die Preise bleiben dennoch hoch.

Mag schon sein. Ein Pharmakonzern, der einen Teil seiner Medikamente verschenkt, kann ja nur deshalb so großzügig sein, weil er grundsätzlich überhöhte Preise kassiert. Das darf nicht sein. Insofern finde ich es richtig, dass die große Koalition die Naturalrabatte verbieten will. Mal sehen, ob sie sich auch durchsetzt. Die Lobbyisten werden sicher noch schwer dagegen kämpfen.

Die neue Regierung hat auch verabredet, dass die Generika-Preise um fünf Prozent sinken sollen, weil die Hersteller sich künftig die Naturalrabatte sparen.

Eines stört mich dabei: Die großen Firmen, die mit hohen Preisen bisher ihre Geschenke finanzierten, können im Preis locker fünf Prozent runter. Dass aber auch die kleinen Hersteller, die bisher schon günstig waren, ihre Preise jetzt noch mal fünf Prozent absenken sollen, finde ich nicht fair. Die Regierung sollte deshalb dem Drittel der günstigsten Generika-Hersteller dieses Preiskorrektiv ersparen. Wieso sollen die kleinen Hersteller dafür bestraft werden, dass große Firmen Ärzte korrumpieren und deshalb höhere Preise verlangen?

Reicht das Verbot der Naturalrabatte eigentlich aus? Die Pharmafirmen können es doch umgehen, indem sie dem Apotheker zum Beispiel künftig 1000 Euro im Monat dafür zahlen, dass er ihre Präparate groß ins Schaufenster hängt.

Sie haben Recht: Wenn man eine Lücke schließt, tut sich die nächste auf. Von daher ist es in meinen Augen das Beste, dem Arzt einen Anreiz zu geben, dass er möglichst wirtschaftliche Arzneimittel aufschreibt.

Und woher soll der Arzt wissen, welche Medikamente gut und günstig sind?

Die Aufklärung dürfen wir natürlich nicht den 15 000 Pharmareferenten überlassen, die heute jeden Arzt im Schnitt 150-mal im Jahr besuchen. Wir brauchen eine neutrale Kosten-Nutzen-Bewertung verordnungsfähiger Arzneimittel.

Wenn Sie wollen, dass der Patient wieder genau das Medikament erhält, das ihm der Arzt verschrieben hat, müssten Sie eigentlich für die Abschaffung der Aut-idem-Regel sein, nach der Apotheker ein anderes, gleichwertiges Präparat abgeben dürfen.

Die bisherigen Erfahrungen mit Aut-idem sprechen dafür, dass diese Regelung nicht den gewünschten Effekt hat. Die Entscheidung sollte wieder beim Arzt liegen, den wir als Krankenkasse dann auch zur Verantwortung ziehen können, wenn er überteuerte Medikamente verordnet.

Wollen Sie wieder mal einen Vorstoß für eine Positiv-Liste unternehmen, in der der Arzt nachschauen kann, welches Medikament tatsächlich wirkt? Das hat die Pharmalobby bisher stets erfolgreich verhindert.

Dennoch: Wir brauchen eine Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln. In fast allen anderen europäischen Ländern gibt es ein solches Ranking qualitativ guter, wirksamer und preiswerter Medikamente. Verhindert wurde dies bisher vor allem durch den Bundesrat. Ich bin überzeugt, dass die Ärzte eine solche Liste begrüßen würden.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat vergangene Woche eine ganz andere Reform vorgeschlagen: einheitliches Honorar, egal ob die Ärzte einen Privat- oder Kassenpatienten behandeln.

Das ist doch ein guter Ansatz, um die Diskriminierung von Kassenpatienten zu beseitigen! Wenn Sie heute als Kassenpatient zum Arzt gehen, bekommen Sie manchmal einen Termin in drei Wochen, als Privatpatient kommen sie aber gleich dran - obwohl Sie als Kassenpatient, wenn Sie gut verdienen, sogar höhere Beiträge zahlen als der Privatpatient. Am Ende bedeutet die Idee von Frau Ministerin Schmidt natürlich, dass man die Arzthonorare für Kassenpatienten anhebt. Aber ich bin sicher, dass man das bei den Arzneimitteln locker einsparen kann.

Interview: Markus Grill

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