Die Allergie-Experten* von stern.de beantworten Ihre Fragen:
Da allergische Reaktionen auf Arzneimittel insgesamt nicht sehr häufig vorkommen, müsste man im Vorfeld enorm viele Behandlungen durchführen, um eine definitive Aussage darüber treffen zu können, ob ein bestimmtes Präparat allergische Reaktionen auslösen kann. Für Penicilline hat man beispielsweise berechnet, dass etwa 35.000 Patienten getestet werden müssten, um daraus zu schließen, dass diese Antibiotika häufiger als andere Präparate Allergien verursachen. Wenn Medikamente heute zugelassen werden, sind diese zuvor im Rahmen von klinischen Studien aber "nur" bei etwa 5000 bis 7000 Patienten angewendet worden. Da die Kosten für die Arzneimittelentwicklung für jedes Medikament, das auf den Markt kommt, mit etwa einer Milliarde Dollar enorm hoch sind, wäre es unrealistisch zu verlangen, die klinischen Studien - den teuersten Teil der Entwicklung - zu vervielfachen. Das würde die Gefahr mit sich bringen, dass sinnvolle Medikamente erst gar nicht entwickelt werden könnten.
Sicherlich gibt es einige Präparate, von denen man weiß, dass sie schwere Reaktionen auslösen können. Auf der anderen Seite muss man bedenken, dass diese Medikamente in Bezug auf die zu behandelnde Krankheit einen Gewinn darstellen und es in einigen Fällen auch keine Therapiealternativen gibt. Auf Kosten des Risikos einiger weniger muss dann die Gefahr der Entwicklung einer Allergie in Kauf genommen werden. Handelt es sich aber um das x-te Kopfschmerzmittel, dann sollte es vom Markt genommen beziehungsweise gar nicht erst zugelassen werden.
Theoretisch kann jedes Medikament eine Allergie auslösen. Man weiß aber von einzelnen Präparaten, dass sie häufiger als andere allergische Reaktionen verursachen. Klassisches Beispiel dafür sind die Penicilline. Diese weisen in ihrer chemischen Struktur eine labile Ringstruktur auf, welche sich schnell an bestimmte Eiweiße binden kann. Diese Verbindung führt dann relativ leicht zu einer Sensibilisierung. Trotzdem ist Penicillin immer noch ein sehr beliebtes und häufig angewendetes Antibiotikum, da es im Vergleich zu anderen Antibiotika hervorragend verträglich ist.
Allergiker, die an einer atopischen Erkrankung wie Neurodermitis, Heuschnupfen oder allergisches Asthma leiden, haben kein erhöhtes Risiko, allergische Reaktionen auf Medikamente zu entwickeln. Ausnahmen dabei können Arzneimittel mit einer Eiweißstruktur sein. In der Literatur findet man zum Beispiel Hinweise dafür, dass Penicillinallergien innerhalb einer Familie gehäuft auftreten. Nach heutigem Stand muss man aber sagen, dass für jeden das Risiko, auf ein neues Medikament allergisch zu reagieren, gleich hoch ist.
Die Haut ist ein immunologisch sehr aktives Organ, in der Literatur wird sie deshalb auch als "Thymus des Erwachsenen" beschrieben. Genau wie der Thymus im Kindes- und Jugendalter, der sich später zurückbildet, dient sie dem Erwachsenen als Schutz des Organismus vor fremden Eindringlingen. Ähnlich der Leber hat die Haut außerdem die Fähigkeit, Arzneimittel zu verstoffwechseln. Während man die pathologischen Prozesse an den inneren Organen erst erkennt, wenn es sich um schwere Reaktionen handelt, machen sich an der Haut auch leichte Reaktionen sofort bemerkbar. Deshalb bezeichnet man die Haut auch als Signalorgan für solche allergischen Geschehen.
* Wissenschaftliche Beratung: Prof. Hans Merk