Dieser Mercedes braucht keinen Fahrer mehr

31. Januar 2013, 00:09 Uhr

Das kleine Nickerchen auf der Überholspur ist kein Problem mehr. Mercedes stellt die E-Klasse mit Autopiloten vor und ließ Journalisten damit auf die Autobahn.

Mercedes, Autobahnpilot, 4161

Der Wagen lenkt zwar selbst, der Fahrer muss sich aber zusammennehmen, um nicht einzugreifen.©

The next big thing in der Entwicklung des Automobils steht fest: Es ist das Roboterauto, das den Verkehr ohne Hilfe des Fahrers meistert. Die ersten Schritte bei den Serienmodellen sind unspektakulär: Die Wagen werden ohne Menschen an Bord ein- und ausparken können. Im nächsten Schritt werden überschaubare Fahrsituationen bewältigt, etwa die Fahrt im Stau oder auf der Autobahn. Das Rennen ist eröffnet: Erst wenigen Tagen gab eine Forschungseinrichtung der chinesischen Armee bekannt, dass ihr Prototyp ein etwa 80 Kilometer lange Autobahnetappe gemeistert hat. Nun zieht Mercedes nach und lässt den eigenen Prototyp erstmals einen Journalisten transportieren.

Den Testwagen behandeln die Daimler-Ingenieure wie ein rohes Ei. Nach Vic, rund 100 km nordwestlich von Barcelona, gekommen, reist der dunkelblaue Prototyp, ein Mercedes E 500 der ausgelaufenen Bauart, auf dem Transporter an. Die Limousine sieht etwas enttäuschend aus wie eine ganz normale E-Klasse. aber sie kann auf der Autobahn autonom, das heißt ohne Zutun des Piloten, fahren.

Also ab zum Selbstversuch. Es geht auf die C-25, eine moderne Schnellstraße Richtung Barcelona und Lleida, viel befahren, autobahnähnlich ausgebaut und mit einem Tempolimit von 120 km/h ausgestattet. Beschleunigen, blinken, auffahren, und ein einscheren – noch ist alles wie sonst. Zum Eingewöhnen erledigt der Fahrer das Tagesgeschäft. Doch wenn nun der Tempomat angeschaltet wird, übernimmt der Autopilot das Ruder. Zunächst ist das noch etwas ungewohnt. Die neue E-Klasse hält den Abstand zum Vordermann und achtet auf die Umgebung, damit der Wagen sicher in der Spur bleibt. Gibt es sonst Warnhinweise, wenn ein schnelleres Auto von hinten das Ausscheren gefährden würde oder die Begrenzungslinien auf der Autobahn überfahren würden. Der Prototyp greift selbsttätig ein. Seine Lenkeingriffe sorgen dafür, dass der Fahrer die Hände hinter dem Kopf verschränken kann. Oder ein paar Mail beantworten. Der Wagen macht solange alles selbst. Die dunkle E-Klasse überholt sogar wie von Geisterhand. Setzt Blinker, beschleunigt und fährt an dem grauen Schwerlaster aus Madrid vorbei um nach der Passage wieder sicher nach rechts einzuscheren.

Das Ganze läuft so reibungslos, als ob es schon im nächsten Jahr in die Läden kommt. Doch Professor Ralf Hertwig, bei Daimler verantwortlich für das Thema Fahrerassistenz in der Vorausentwicklung, wiegelt ab: "So weit sind wir noch nicht. Bis zum Ende des Jahrzehnts dürfte es jedoch wohl kommen. So in fünf bis acht Jahren. Wir müssen weiter entwickeln und natürlich gibt es auch noch juristische Hürden." Zumindest in Deutschland; denn einige Staaten der USA haben das autonome Fahren erst jüngst erlaubt. Und auch im Prototypen funktioniert der Autobahnpilot nur auf Schnellstraßen und Autobahnen mit baulicher Trennung in einem Bereich zwischen 60 und 130 km/h.

Probleme macht etwa die Doppelkamera, die gestochen scharfe Bilder an die Bordelektronik weitergibt. Als die tiefe Sonne auch den Fahrer blendet, steigt der Autobahnpilot ohne Vorwarnung aus und steuert sanft nach links Richtung Leitplanke. Das Eingreifen des Fahrers verhindert Schlimmeres.

"Wir sind von einem Serienstand natürlich noch weit entfernt", erklärt Professor Ralf Hertwig. Ein paar tausend Kilometer hat der Autobahnpilot schon abgespult. Damit liegt Daimler auf Augenhöhe mit der direkten Konkurrenz von Audi, BMW, Volkswagen, Toyota oder Volvo und Firmen wie Google und Co,die sich auch mit dem autonomen Fahren beschäftigen. Bleibt abzuwarten, wann die ersten Hersteller einen Autobahnpiloten wirklich in Serie bringen. Bei der nächsten Modellgeneration in der Luxusklasse dürfte das sicher der Fall sein.

Doch die Fahrt auf der Autobahn ist nur ein Zwischenziel. Professor Ralf Hertwig: "Beim autonomen Fahren werden zunächst das ganz langsame Fahren bei Parken und im Stau sowie die leicht kalkulierbaren Verkehre wie auf der Autobahn kommen. In der Innenstadt oder auf der Landstraße ist das alles viel schwieriger."

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