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10. Juni 2010, 20:24 Uhr

Einmal einstöpseln, bitte!

Schnell, leise, sauber: Der Golf Blue-E-Motion kommt 2013 auf den Markt. Das Auto fährt sich grandios. Eine Riesenchance für die Verbreitung des Elektroautos – oder doch ein großes Risiko?

Golf Blue-E-Motion, Elektroauto, Ampera, Batterietechnik

Optisch ist der Golf Blue-E-Motion ein normaler Golf© Hersteller/Press-Inform

Die Tachonadel steht fast bei 140 Km/h, und noch immer schnurrt der Golf wie ein Kätzchen. Ein ganz leises Surren dringt aus dem Motorraum, ansonsten hört man nur den Fahrtwind. Die nächste Biegung erfordert starkes Anbremsen, und der mit vier Personen besetzte Stromer legt sich genau so straff in die Kurve wie ein normaler Golf. Mit 1,5 Tonnen ist er auch nicht viel schwerer. Tief unter der Haube verrichtet ein 80 Kilogramm leichter Elektromotor mit einer Maximalleistung von 85 kW (115 PS) seinen Dienst und leitet ab dem Stand 270 Newtonmeter an die Vorderräder.

Wenn man aus dem Stillstand voll beschleunigt, gibt es ein kurzes Rucken an den Rädern, dann schießt der Golf dank des stufenlosen Getriebes wie am Gummiband gezogen los. Die gefühlte Beschleunigung von 0 auf 100 Km/h ist daher größer als die gemessenen 11,8 Sekunden. Das Maximaltempo ist auf 135 Km/h begrenzt. Wo normalerweise der Drehzahlmesser sitzt, hat der Golf Blue-E-Motion eine kW-Anzeige. So sieht man, wieviel Leistung der Motor gerade abfordert. Mit einem Knopf an der Mittelkonsole kann man die Systeme auf maximale Reichweite oder größtmögliche Leistung trimmen. Je nach Einstellung stehen dann 50 bis 85 kW zur Verfügung. Im Spar-Modus schaltet sich auch die Klimaanlage ab.

Energierückgewinnung beim Bremsen

An der Mittelkonsole findet man einen Wahlhebel mit den gewohnten Stufen Rückwärts, Vorwärts und Leerlauf. Dazu kommt die Stufe B (Bremsen), in der der Golf beim Gaswegnehmen und Bremsen die maximale Menge kinetischer Energie zurückgewinnt. Dieses Rekuperieren fühlt sich ungefähr so an wie eine starke Motorbremsung bei einem normalen Auto. In der Stufe D rekuperiert der Golf ebenfalls, dann lässt sich die Intensität mit Schaltwippen am Lenkrad feindosieren. Der 315 Kilogramm schwere Kraftspender des Stromers besteht aus 180 Lithium-Ionen-Zellen, die im Unterboden, im Rücksitz und unter dem Kofferraum untergebracht und mit einem Kühlsystem versehen sind. Der Kofferraum des viertürigen Fünfsitzers ist kleiner als beim Standard-Golf (237 statt 350 Liter).

Schon 1993 baute VW in einen Golf Batterien ein, der "City-Stromer" schaffte es aber nicht in die Großserie. Einige Autos der Testflotte fahren immerhin noch heute ohne nennenswerte Probleme. Der Golf Blue-E-Motion soll 2013 auf den Markt kommen, doch so richtig aus dem Häuschen ist man in Wolfsburg nicht darüber. Zu Batteriekosten, Lebensdauer oder Reichweite gibt es keine exakten Aussagen. Wie andere Konzerne steckt auch VW in einem Dilemma: Diesel- und Benzinmotoren werden noch jahrelang die Überhand haben. Wer jetzt den Kunden vermittelt, er könne seinen Verbrenner bald einmotten, gewinnt vielleicht potenzielle Elektroauto-Käufer, gräbt sich aber an anderer Stelle womöglich das Wasser ab. So betrachtet ist gerade der Golf für VW Chance und Risiko zugleich, weil er schon so einen perfekten Eindruck macht.

Pfleglicher Umgang mit der teuren Batterie

Da die Batterie des Golf-Stromers ein durchschnittliches Autoleben – also rund acht Jahre – durchhalten soll, kommt es auf die richtige Pflege an. "Man kann die Akkus nicht wie eine Zitrone auspressen", sagt VW-Ingenieur Peter Weisheit. Das so genannte Tiefentladen verringert die Lebensdauer. Wie der Opel Ampera nutzt daher auch der Elektro-Golf nur einen Teil seiner Batteriekapazität, nämlich 21 kWh statt der kompletten 26,5 kWh. Das genügt nach VW-Angaben für eine maximale Reichweite von 150 Kilometern, bei einem Verbrauch von 140 Wattstunden pro Kilometer. Niedrige Umgebungstemperaturen reduzieren die Reichweite aber ebenso wie die Klimaanlage und anderer Nebenaggregate.

Das Laden ist ein weiterer Knackpunkt des Strom-Golfs. "Mit Dieselmotor haben Sie nach einer Minute Tanken bis zu 1000 Kilometer Reichweite, nach einer Minute an der Steckdose dagegen nur einen Kilometer", rechnet Sven Patuschka vor, Leiter der Elektromobil-Entwicklung bei VW. Der Golf Blue-E-Motion kann daher auf drei Wegen mit Strom betankt werden: An der Haushaltssteckdose über Nacht (dauert sechs bis acht Stunden), an einer leistungsfähigeren Ladestation in der Garage oder öffentlichen Orten wie Einkaufszentren (dauert einige Stunden) oder aber über eine zweite Ladenbuchse mit Gleichstrom an Schnelllade-Stationen (dauert ungefähr 20 Minuten). Die Autohersteller sind also auf eine weltweite Infrastruktur angewiesen, die aber nicht in allen Ländern gleich gefördert wird. Ein Auto mit Benzinmotor lässt sich auch im hintersten Winkel des Erdballs verkaufen, ein Elektroauto so schnell sicher nicht.

Golf Blue-E-Motion, Elektroauto, Ampera, Batterietechnik

Steckdose statt Auspuff© Hersteller/Press-Inform

Knackpunkt Batteriekosten

Während viele Stromer bereits mit Lithium-Ionen-Akkus unterwegs sind, hält VW einen wirklich breiten Einsatz der Technik erst ab 2015 für realistisch. Die Ingenieure beziffern die Batteriekosten mit 400 bis 500 Euro pro Kilowattstunde. Andere Quellen geben für die Kosten der Elektromobilität noch deutlich höhere Summen an. "Unser Zielwert ist ein Preis von weniger als 200 Euro pro Kilowattstunde", sagt Sven Patuschka. Die Konzernstrategie hat VW-Chef Martin Winterkorn bereits klargestellt: "Das Elektroauto muss für weite Kreise bezahlbar und kompromisslos alltagstauglich sein, um einen durchschlagenden Erfolg zu haben", so Winterkorn. So macht VW zum Preis des Strom-Golfs denn auch keinerlei Angaben. Legt man 500 Euro pro kWh Batteriekapazität zugrunde, ergäbe sich im Vergleich zum Standard-Golf (16.825 Euro) ein Aufpreis von 13.250 Euro. Dazu kommen Steuerungselektronik und Elektromotor, den teuren Verbrennungsmotor samt Abgasnachbehandlung wiederum spart man ein. Grob geschätzt dürfte der Golf Blue-E-Motion mindestens 30.000 Euro kosten. Für die Zukunft schwebt Volkswagen zur Kostensenkung ein Modulbaukasten vor, bei dem einheitliche Hochleistungszellen für normale Hybride und Hochenergiezellen für batterieelektrische Autos zum Einsatz kommen.

Golf Blue-E-Motion, Elektroauto, Ampera, Batterietechnik

Unter der Motorhaube drängt sich die Elektronik© Hersteller/Press-Inform

Kein Modell mit "Range Extender" geplant

Auch wenn VWs Vorsicht beim Elektroantrieb nachvollziehbar ist: Mit ihrem Strom-Golf kommen die Wolfsburger im Vergleich zur Konkurrenz sehr spät auf den Markt. Chevrolet Volt, Opel Ampera oder Nissan Leaf sollen schließlich im Jahr 2013 schon längst rollen. Vor allem der Ampera hat dem Golf gegenüber einen Vorteil. Sein Verbrennungsmotor erweitert als "Range Extender" die Reichweite des Wagens, indem er Strom zum Weiterfahren produziert. Dann verursacht der Ampera zwar auch lokal Emissionen und nicht nur durch die zum Aufladen nötige Stromerzeugung. Der Fahrer muss für längere Strecken aber nicht vorausplanen: Solange man eine normale Tankstelle in der Nähe hat, kann man nicht wegen Energiemangel liegenbleiben. VW testet auch den Plug-In Hybriden Golf TwinDrive, zur Serienreife soll aber zuerst der Golf Blue-E-Motion gelangen. Für längere Strecken setzt man in Wolfsburg bei alternativen Antriebsformen ganz auf den Parallel-Hybrid, mit dem schon der neue Touareg ausgerüstet ist.

Sebastian Viehmann
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Skarrin (11.06.2010, 17:18 Uhr)
Nicht schlecht aber zu spät
Die Antriebstechnik des Golf Citystromer aus den 90er war seiner Zeit weit voraus (Siemens Drehstromtechnik), nur mit den Bleiakkus waren nicht mehr als 30-50km Reichweite drin.
Heute ersetzen Bastler in den übrigen Citystromern die Bleiklötze durch Li-Akkus und erzielen ähnliche Reichweiten wie VWs neues "Zukunftsmodell", zu einem Bruchteil des Preises!

8 Jahre Akkuhaltbarkeit heißt übrigens, dass der Akku dann noch mindestens 75-80% seiner Kapazität hat, und nicht 50%. Außerdem weiß ich nicht, wie VW sicherstellen will dass die Akkus wirklich nur 8 Jahre halten!? Das hängt nämlich von vielen Faktoren ab.

Die Reichweite im Winter ist genau so wie im Sommer, wenn die Akkus temperiert werden (wie im alten Citystromer!) und die Heizung von Webasto oder Eberspächer kommt. Auch der alte Citystromer hat eine Diesel-"Stand"heizung.
DarkSpir (11.06.2010, 16:49 Uhr)
Nur Akku als Energielieferant wird nie die Lösung sein
Als Grundgedanke ist das gut, allerdings kommt man ganz schnell an den Punkt wo der Akku zu groß ist um noch mal eben schnell geladen zu werden. Die 150 km vom Golf zeigen das ganz deutlich.

Es läuft also eher auf eine Einweg-Stromquelle (also kann nur Strom liefern und nicht wieder geladen werden) plus ein kleiner Akku, der Rekupationsenergie beim Bremsen und Rollen auffängt und diese beim Beschleunigen wieder abgibt, selbst aber nie fürs reine Fahren gedacht ist.

Brennstoffzellen sind da ne gute Idee, weil man Wasser recht unkompliziert mit Strom aufspalten und in Form von Wasserstoff speichern kann. Umgekehrt verfahre ich dann Wasserstoff und produziere damit als Abfallprodukt Wasserdampf. Ein Wasserstofftank lässt sich schneller betanken als ein fetter Akku aufladen, man kommt damit dann ähnlich weit wie mit einem reinen Benziner, hat die Vorteile eines Elektromotors (viel Kraft beim Anfahren) und wenn man sich am Ende noch einen sinnvollen Weg einfallen lässt, wie man den Strom zur Wasseraufspaltung gewinnt (Solarzelle auf dem Dach der Spaltanlage?), hat man den Energiekreislauf co2-frei geschlossen.

Ein ähnliches Konzept geben ja die Range Extender an... ALLERDINGS: Diese laufen natürlich wieder mit einem Verbrennungsmotor. Das kann ne Übergangslösung sein, mehr als das ist es allerdings nicht. Denn mit dem Versiegen des Öls werden auch diese nicht mehr laufen.

Plus: Wir machen mit Öl viel mehr als nur ein bisschen Auto fahren. Mir persönlich ist es ehrlich gesagt lieber, wenn wir möglichst sofort auf Alternativen umsteigen und dann vielleicht am Ende noch mehr Öl übrig haben um den ganzen billigen Plastikkram in China bauen lassen zu können.... ehem... vielleicht auch nicht. :)
tobix (11.06.2010, 12:50 Uhr)
Der Akku...
Die Schwachstelle war und ist der Akku und damit Reichweite und Preis. Daran ändert sich auch erstmal nichts.

150km Reichweite wären ja okay, aber wie siehts bei -10°C mit der Leistung aus... und wenn ich dann noch die Heizung anschalte...

8 Jahre Haltbarkeit bedeuten übrigens nicht 8 Jahre lang 150km Reichweite - vielmehr wird nach 8 Jahren wohl noch die Hälfte erreichbar sein. Und schon die 8 Jahre halte ich für optimistisch.

10.000-15.000 EUR für einen neuen Akku - der Aufpreis für einen Neuwagen ist ja schon hart, für ein 8 Jahre altes Auto zahlt das doch niemand mehr.

Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass es kaum Elektroautos gibt, obwohl die grundsätzliche Technick schon ewig vorhanden ist.

Von daher: Nettes Pilotprojekt.

Der Opel Ampera scheint mir dagegen eine praktikablere und somit realistischere Option.
dist-bln (11.06.2010, 10:41 Uhr)
VW oder mit 20 Jahren Verspätung
vielleicht sollte man erwähnen, das dieser "Golf Blue-E-Motion" im Prinzip technisch nicht viel anders ist, als der schon 1993 gebaute "Golf- City-Stromer"...
falls es der Ankündigugsweltmeister VW also wirklich schafft 2013, hätten sie 20 Jahre Verspätung...

weiter wäre es interessant, ob hier ein Nischenmodell kommen soll oder wirklich in breiter Masser verkauft/ produziert werden soll- den die aktuelle Sparmodelle bei VW sind bewußt so Kunden/ Gebrauchsunfreundlich gemacht, damit Sie für PR aber kaum für die Allgemeinnutzung taugen (man siehe der Golf Blue Motion... der sechste Gang entfällt, damit auch die Alltagstauglichkeit)
alle9ne (11.06.2010, 10:40 Uhr)
Wird ja auch Zeit das VW ..
mal den Anschluss an die Weltspitze bei Zukunftstechnologien im Fahrzeugbau sucht.
Mein nächstes Auto wird auf jeden Fall min. ein Vollhybrid wie der Prius oder den ab diesem September verkauften Auris HSD oder den ab 2011 verfügbaren Lexus ct200h . Vielleicht warte ich auch noch auf den Prius Plug-in. Der im Nahbereich ein Elektroauto und im Fernverkehr ein Vollhybrid ist und vermutlich zum selben Preis wie der im Artikel beschriebene "Nur-Nahverkehrs-E-Golf" zu erwerben ist. Dann ist der Prius Plug-in wahrscheinlich auch noch eher auf dem Markt und mit der bisher 100tsd-fach zuverlässigen und bewährter Prius-Technik ausgestattet. (seit 13Jahren auf den Markt, weltweit 1,6Millionen Verkäufe).
atticus (11.06.2010, 09:35 Uhr)
Ich verstehe nicht,
warum man wieder auf ein reines Elektroauto setzt und nicht wie beim Ampera auf einen zusätzlichen Verbrennungsmotor als Generator, der dann dauerhaft im optimalen Drehzahlbereich läuft und den Strom produziert. Ich meine Gelesen zu haben, dass man so Verbräuche um 1-2 Liter auf 100 km realisieren kann und das ist für eine Übergangsperiode sicherlich tragbarer als irgendwelche teuren Akkus, die bei Kälte, Wärme (Klimaanlage) so dermaßen schnell alle sind, dass das ganze Konzept nicht mehr praktikabel ist...
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