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27. Februar 2008, 18:37 Uhr

"Auch Google könnte verschwinden"

Also sagen Sie voraus, dass die ganze Welt irgendwann Google gehört?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wer am Ende übrig bleiben wird - Google oder irgendein Unternehmen, das es heute noch gar nicht gibt. 1983 hätten Sie vielleicht gesagt: "Lotus! Denen gehört die Zukunft!" Es ist sehr schwer, Voraussagen über den Erfolg einer einzelnen Firma zu treffen. Google könnte durch einen Fehltritt genauso verschwinden, wie Lotus verschwunden ist. Sicher scheint mir, dass wir in den nächsten fünf Jahren eine massive Marktbereinigung sehen werden.

Welche Dienste können wir von denen, die übrig bleiben, erwarten?

Ich glaube, es gibt eine enorme Chance, das Prinzip der Live-Software und der kollektiven Intelligenz auf weite Teile unseres Lebens zu übertragen. Nehmen Sie Ihr Mobiltelefon: Wie sähe ein Web-2.0-Handy aus? Das hat nichts mit Facebook zu tun; mir geht es um das Adressbuch, um die Liste der Telefonnummern. Im Augenblick steht da vielleicht: "Dies sind Ihre zehn jüngsten Anrufe." Was ist mit den anderen tausend passiert? Die sind alle in der Datenbank des Mobilfunkanbieters gespeichert - warum werden sie dort versteckt? Der Anbieter weiß, wen ich anrufe, er kennt mein soziales Netzwerk. Warum nutzt er es nicht? Ein Web-2.0-Telefon könnte zum Beispiel sagen: "Hier sind Ihre Top-Kontakte, hier ist eine Liste von Leuten, mit denen Sie lange nicht mehr gesprochen haben, und dies sind Kontakte, deren Telefonnummer sich geändert hat." Für Banken gilt Ähnliches. Ich bin ein Investor von Wesabe, einer Online-Community rund um persönliche Finanzen. Da erfahren Nutzer zum Beispiel, dass ihre Nachbarn, die beim Supermarkt um die Ecke einkaufen, im Durchschnitt 20 Dollar weniger ausgeben als sie selbst bei einer anderen Kette.

Woher kommen diese Informationen?

Von Nutzern, die ihre Kontoauszüge, Kreditkarten-Abrechnungen und andere Finanz-Informationen bei Wesabe eingeben. Der persönliche Datenschutz ist gesichert, aber es können allgemeine Erkenntnisse gewonnen werden, von denen alle profitieren.

Hat niemand Bedenken, den vielen Firmen und Diensten solche Einblicke in sein Leben zu gewähren?

In den meisten Fällen sind die Daten ohnehin längst irgendwo gespeichert. Das Internet macht nur deutlich, wie wenig Privatsphäre wir inzwischen haben. Natürlich haben Sie Recht: Viele Menschen machen sich deshalb Sorgen. Aber im Allgemeinen nimmt man gewisse Abstriche in Kauf, wenn man sich Vorteile davon verspricht. Ich nutze zum Beispiel einen Dienst namens Doppler - ein großer Hit unter Vielreisenden. Man gibt ein, wohin man fliegt, und kann sehen, ob Freunde und Bekannte zufällig ebenfalls in der Stadt sind. "Oh, du bist auch in Tokio! Super." Oder schauen Sie sich Google an: Es gibt viel Aufregung darüber, was Google alles über uns weiß. Du lieber Himmel! Direktmarketing-Firmen hier in den USA wissen mindestens genauso viel über uns. Aber der Unterschied ist, Google stellt mit seinem Wissen etwas Nützliches an und lässt sich Dinge einfallen, die unser Leben leichter machen. Deshalb haben am Ende viele Menschen kein Problem damit. Es ist ein kleines Opfer der Privatsphäre, gewiss, aber so tasten wir uns Stück für Stück an Grenzen heran. So ist das immer bei Erfindungen, die sich durchsetzen: Sie verändern auch unsere Kultur.

Das Magazin "Wired" hat Sie "den Trendspotter" genannt. Was sehen Sie noch so auf uns zukommen?

Ich glaube, Computer werden zunehmend mit der Welt um uns herum verschmelzen und sie grundlegend verändern. Der Gedanke, dass man sich vor einen Bildschirm setzt und mit Tastatur und Maus arbeitet, wird uns schon in wenigen Jahren sehr altmodisch vorkommen. Schauen Sie sich nur Nintendos Wii-Spielekonsole an, die man mit Gesten steuert, oder Apples iPhone, das auf Fingertippen reagiert. Auch Spracheingabe wird sicher dazukommen. Wir werden mit unseren Computern reden, wir werden ihnen zuwinken, und all das wird mit Web-2.0-Diensten zusammenwachsen. SAP hat eine experimentelle Software entwickelt, bei der Gebäude mit Sensoren ausgestattet sind und Daten an die "Second Life"-Community weitermelden. Wenn also im wirklichen Leben eine Tür aufgemacht wird, öffnet sie sich automatisch auch bei Second Life. Das ist ziemlich cool.

Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis als Silicon-Valley-Orakel, dass Sie sich für solche etwas abseitigen Dinge begeistern können?

Ich habe festgestellt, dass technische Revolutionen oft damit beginnen, dass Menschen aus Spaß an etwas Neuem herumbasteln. Denken Sie nur an die Anfänge des PCs: Steve Wozniak baute den ersten Apple-Rechner daheim in der Garage zusammen. Ich nenne das gern "die Alpha-Geeks beobachten". Den Jungs geht es ums Vergnügen - erst später kommen die Unternehmer und machen ein Geschäft daraus. Wir bei O'Reilly schauen uns das alles an, und wenn wir irgendwo besonders viel Begeisterung entdecken, schauen wir genauer hin und fragen: Was ist da los?

Sie gelten als ultimativer Insider, leben und arbeiten aber im verschlafenen Städtchen Sebastopol, rund 150 Kilometer nördlich des Silicon Valley. Wie geht das zusammen?

Als wir von der Ostküste zurück nach Kalifornien gezogen sind, sagte meine Frau: "Ich möchte irgendwo leben, wo ich gar nicht mehr in Urlaub fahren will, weil es so schön ist." Und dies ist wirklich eine der schönsten Ecken der Welt. Wir genießen es hier sehr, und ich glaube, es hat uns sogar genützt, vom Silicon-Valley-Rummel so weit weg zu sein. Es gibt uns als Beobachter eine besondere Perspektive.

Von Karsten Lemm, San Francisco
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KOMMENTARE (9 von 9)
 
ganzbaf (28.02.2008, 21:45 Uhr)
Am Besten...
Timmy O Railiy verschwindet gleich mit.... ;-p
JosefG (28.02.2008, 09:30 Uhr)
Embedded
Der Autor hätte es schon etwas genauer sagen können: Tim O'Reilly verdient heute sein Geld mit Diensten rund ums Web. Er veranstaltetet Web-Konferenzen, Unterhält Web-Infodienste und Web-Plattformen, publiziert Web-Fachbücher und berät Web-Firmen.
Da bleibt kein Platz für Selbstkritik. Und ein entlegener Wohnort bedeutet auch nicht, dass man Abstand zu seinem Job bekommt. Erst recht nicht, wenn man ihn überall mit sich herumträgt.
Powerslave (28.02.2008, 08:01 Uhr)
Stecker ziehen...
Man sollte nicht so blauäugig sein und denken das man nicht schon lange ausgespäht wird.Egal wo man anruft oder im netz surft wird man registriert und aufgezeichnet.Ich habe damit kein Problem,und wem das nicht passt, der kann ja sein Stecker ziehen.Es ist doch eh schon alles gläsern,und ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber wie manche Firmen an meine persönlichen Daten kommen....
Pengolodh (28.02.2008, 07:11 Uhr)
Die Amis machen es uns vor, stimmt
... bloß ist das eben kein "Herantasten", da werden für schnellen Gewinn Grenzen überschritten, und über die Folgen kann man ja später nachdenken, wenn es zu spät ist. Egal, ob man da nach dem Irak schaut, auf die Hypothekenblase, auf die Klimapolitik, auf die Allmacht der Schlapphüte, usw.
Ist das aber etwas, was wir ihnen nachmachen sollten?
EgonAStolze (28.02.2008, 06:22 Uhr)
Tief ins Herz
Wenn du der bist, der du bist, dann hast du auch keine Angst mehr, dass dir jemand tief ins Herz hineinschaut... oder, um es zu ergänzen, in deinen PC.
Egon A. Stolze
Mannebacher (27.02.2008, 22:11 Uhr)
ein sehr interessanter Artikel
mit dem Fazit- gegen die Schnüffelei gegen die wir uns wehren, gibt es bereits andere die es wissen ohne selbst publik zu sein.
Ist das eine Bankrotterklärung an Nutzer die möglichst anonym bleiben wollen?
Nein-keiner ist mehr anonym entweder man lebt damit oder schmeisst den PC aus dem Fenster.
Zu was die Daten die über jeden einzelnen bestehen benutzt werden?
Nobody knows.
Ja wir befinden uns in einem anderen Zeitalter, das man akzeptieren kann oder nicht.
O´Reilly geht selbst damit sehr locker um.
Bin übrigens selbst 65 Jahre alt und sehe es auch eher nicht als Bedrohung sondern eine Variante Infos anders zu bewerten als in der Vergangenheit.Das kann auch positive Aspekte enthalten wenn man diese Möglichkeiten mal durchspielt.
Reality (27.02.2008, 21:25 Uhr)
Nur so viel...
nicht alles was uns die Amis vormachen ist wirklich gut.
Es muß Grenzen geben die nicht überschritten werden dürfen.
Die Beschränkung auch freiwillige Selbstbeschränkung macht wirklich freie Menschen.
Nicht die grenzenlose Freiheit.!
Skaf (27.02.2008, 19:10 Uhr)
Grenzen
"Es ist ein kleines Opfer der Privatsphäre, gewiss, aber so tasten wir uns Stück für Stück an Grenzen heran." - Haben wir diese Grenzen vielleicht nicht schon überschritten?
chaom (27.02.2008, 18:39 Uhr)
O'Reilly hat recht!
Bei uns dreht sich alles um das Übel "Überwachung". Jede inovative Meldung wird sofort daraufhin untersucht und kritisiert. Wir müssen endlich mal die Verhältnismäsigkeit waren und nicht ständig bei jeder Neuerung nur auf den Datenschutz schauen. Die Amis machen es uns vor!
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