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19. Mai 2006, 17:41 Uhr

"Lieber klare Niederlage als schwammiger Sieg"

Die Suchmaschine Google wird immer mächtiger - ein Besuch bei den selbst ernannten Weltverbesserern. Im stern-Interview spricht Firmenchef Eric Schmidt über die Google-Gründer, die Kunst des Streitens und die Grenzen des Wachstums.

Google-Chef Eric Schmidt im Gespräch mit den stern-Redakteuren Michael Streck (li.) und Dirk Liedtke (re.)© Justin Sullivan/Getty Images

Mr. Schmidt, vor sechs Jahren haben sie die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page erstmals getroffen. Wie lief Ihr Bewerbungsgespräch?

Ich komme in einen kleinen Raum, in dem sie meinen Lebenslauf an die Wand projiziert haben. Es gibt Essen aus dem Café, und der Raum ist eine einzige Katastrophe, Kaffee auf dem Boden, Essensreste, Müll. Wir haben angefangen zu diskutieren und zu streiten, das ging bis zum Ende des Gesprächs so weiter. "Das ist schon in Ordnung", habe ich gesagt. "Zeit zu gehen", habe ich gedacht. Für mich war es das unterhaltsamste Gespräch seit langem. Das Interessante daran ist: Ich ließ mir später die Argumente der beiden noch einmal durch den Kopf gehen und merkte, dass Sergey und Larry mit allem, was sie sagten, Recht hatten. Ich hatte Unrecht. Das Demütigende daran ist: Das sind 27-jährige Kinder. Ist schon interessant, wenn man sich das vor Augen führt.

Streiten Sie sich immer noch häufig mit Brin und Page?

Wir streiten überhaupt nicht oft, weil wir eigentlich wissen, was dem anderen wichtig ist. Über China gab es allerdings häufig Streitgespräche. Es war überhaupt nicht klar, was wir in diesem Fall machen sollten.

Wie ticken die Google-Guys denn so?

Sie denken wirklich unkonventionell, und sie hinterfragen jede Annahme. Eine Weißwandtafel ist weiß, und weiß ist die beste Farbe für das Zimmer. Daraufhin sagen sie: "Woher willst du das wissen?" Und ich meinte nur, das sei doch völlig egal. Ihr Gehirn tickt einfach anders. Wir ergänzen uns optimal. Die Art und Weise alles zu hinterfragen, ist belebend und erfrischend für intelligente Menschen. Stelle ruhig unangenehme Fragen! Das ist ihr Motto. Die Firmenkultur eines High-Tech-Unternehmens, das so schnell wächst, braucht sehr entschlossene Menschen mit Stärke und Leidenschaft.

Ihr Unternehmen wächst sehr stark. Ist es ein Unterschied, ein kleines oder ein großes Unternehmen zu führen?

Es ist das Gleiche, nur größer. Unserer Meinung nach kann man ein erstklassiges Unternehmen nur aufbauen, wenn viele Menschen unterschiedliche Ziele verfolgen. Und dann verbringen wir sehr viel Zeit damit, uns ihre Arbeit anzusehen. Ein Beispiel: Morgen prüfen wir von 12.00 Uhr bis 16.00 Uhr vier wichtige Bereiche, jeweils eine Stunde lang. Das Ganze läuft folgendermaßen ab: Einer der Projektmanager präsentiert seine Strategie, und nach zwei oder drei Folien tut sich was. Die vier Bereiche werden entweder ausgewählt, weil sie Kontroversen auslösen oder weil man sich nicht einigen kann oder weil die Bereiche sehr interessant sind. Solche Konferenzen versuchen wir mindestens einmal pro Woche durchzuführen.

Worum ging es beim letzten Mal?

Video: Unser Videoprodukt ist sehr erfolgreich. Es wächst sehr schnell, und deshalb bieten sich eine Menge interessanter Möglichkeiten. Wir können mit Filmstudios zusammenarbeiten, wir können uns zusätzliche Informationen von Leuten holen, die kein Filmstudio leiten, wir können über Werbung und über eine bessere Suche nachdenken. Das sind alles wichtige Fragen. Am Ende der Sitzung einigen wir uns auf einige Punkte, und diese werden dann einen Monat später erneut geprüft.

Es wird also alles ausdiskutiert, anstatt dass die Führungsebene Entscheidungen verkündet?

Das ist eine Konstante bei Google. Der Managementstil ist ganz einfach zuverstehen. Ich versuche, eine Streitkultur zu fördern. Nehmen wir an, wir sind in einer Konferenz, und alle sind sehr höflich. Sie haben vielleicht ein Problem mit jemandem, Sie streiten sich, und es wird ein Ergebnis geben. Entweder Sie einigen sich, oder sie einigen sich eben nicht. Ab und zu muss ich eine Entscheidung treffen, aber das ist eher selten. Es funktioniert gut.

Sie sind also eher so etwas wie ein Schiedsrichter?

Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir am Ende einer Konferenz ein klares Ergebnis haben. Auch ich habe meine Überzeugungen. Eine klare Niederlage ist mir viel lieber als ein schwammiger Sieg. Entscheidungen werden bei uns immer von mehreren getroffen. Ein Einzelner hat nichts zu sagen. Wenn es eine wirklich wichtige Entscheidung ist, beauftragen wir zwei Leute damit, denn dann müssen sie sich darüber unterhalten. Es ist einfach ein anderer Stil. Damit unterscheiden wir uns deutlich von europäischen und auch von amerikanischen Unternehmen.

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