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28. Mai 2010, 14:28 Uhr

Der große iNerv

Der Verkaufsstart des iPad wird medial zelebriert wie die Auferstehung Christi - mehr aus Eigen- denn aus Leserinteresse. Groß sind die Hoffnungen, klein ist die Erfindung. Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

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Kann diese Flunder Tausende von Jobs retten?

Ist es einfach nur Dank und Demut? Dank und Demut dafür, dass ein einziges Unternehmen eine ganze Branche retten wird, mit der es bis vor kurzem noch gar nichts zu tun hatte? Oder ist es 2010 journalistischer Zeitgeist, Neues aus dem Hause Apple zu feiern wie es selbst die grandioseste Werbekampagne kaum ausgelassener könnte? Welche Beweggründe auch verantwortlich sein mögen: Der Freitag, als das iPad kam, hat dem Zinnober um die kultisch vereehrte Lifestyle-Marke noch einmal einen draufgesetzt.

Das Gerät wird in Deutschland mit einer medialen Aufmerksamkeit empfangen, als wären Barack Obama und Jesus Christus gemeinsam auf Staatsbesuch. Nachrichtenagenturen senden bereits um 9 Uhr Überblicke über den Andrang vor den Apple-Läden. In der morgendlichen Redaktionskonferenz ist die wichtigste Frage, ob man denn der Seite schon ansehe, dass heute iPad-Tag ist. Und die gedruckten Zeitungen freuen sich auf ihre Beerdigung und jubilieren über die digitale "Verführung zum Lesen".

Man hat den Eindruck, die Menschheit mache durch das Ding einen gewaltigen Sprung. Dampfmaschine, Glühbirne, Automobil, iPad. Dabei ist der Verführer je nach Betrachtungsweise nur ein dezimierter Computer oder ein gewachsenes iPhone. Nichts wirklich Neues also, sondern nur eine Modifikation. Aber schon mit seinem Telefon hat es Apple geschafft, den Eindruck zu erwecken, es sei etwas wirklich Wichtiges geschaffen worden. Nämlich das Internet fürs Handy. Dass man keine "Apps" braucht, um in der U-Bahn online zu sein, sondern nur den guten alten, in der Wahrnehmung schon fast der Industrialisierung angehörenden Browser, wissen heute nur noch Freaks.

Ölpest, Afghanistan, Spanien - alles ist wichtiger

Technikfreunden sei ihre Begeisterung gegönnt. Apple hat sich in Sachen Hightech-Lifestyle durch Geräte einen uneinholbaren Vorsprung erarbeitet, die schön, einfach und hochwertig sind. Jede Milliarde Dollar Börsenwert, die er vor Bill Gates liegt, hat sich Steve Jobs verdient. Sein sensationelles Comeback als Manager und Unternehmer findet in der Wirtschaftshistorie nur wenig vergleichbare Beispiele.

Das rechtfertigt jedoch keine Massenhysterie wie beim Beatles-Konzert. Ja, auch stern.de hat in den vergangenen Tagen ausführlich über das iPad berichtet, diese Meinung weicht also vom Redaktions-Mainstream ab. Und auch das Mutterhaus von stern.de erhofft sich Einiges vom i- und anderen Pads. Es wird zwar nicht gejubelt wie im Hause Springer, aber man erwartet sich mehr Leser, neue Leser und natürlich möglichst viel Einnahmen durch die Tablet-"Revolution". Haptische Erlebnisse waren bei der bisherigen Online-Mediennutzung eher selten. Das iPad dagegen ermöglicht digitalen Genuss und ist handlich genug zum Mitnehmen.

Ein Fanal gegen die Krise?

So soll es Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen Leser zurückgewinnen und dafür sorgen, dass man für digitale Inhalte Geld verlangen kann. Nur so ist die Aufregung vom Freitag zu erklären. Nicht das Interesse der Leser wird mit der Berichterstattung über lange Schlangen vor Apple-Shops befriedigt, sondern der eigenen Hoffnung Ausdruck verliehen, ein Fanal zu setzen für das ersehnte Ende der Medienkrise.

Doch die wird das Gerät wohl kaum beheben. Die Gründe, weshalb die Menschen heute so wenig Zeitungen und Zeitschriften kaufen, liegen tiefer als in der Art und Weise der Nutzung. Sie interessieren sich ganz einfach kaum noch für die Inhalte, die ihnen angeboten werden. Das Interesse an journalistischen Kernthemen wie Politik und Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren zusehends geschwunden - und wird durch einen Mini-Computer nicht wiederbelebt. Wo Menschen immer seltener zu Wahlen gehen, Nachrichtensendungen immer geringere Einschaltquoten haben und sprachliche Standards in der Bevölkerung den Bach runter gehen, kann sich kein prosperierender Markt für Medienprodukte entwickeln. Es sei denn, sie vertrauten zum größten Teil auf Videos und Bilder. Zudem ist die Konkurrenz am "App"-Kiosk unendlich viel größer als am "Büdchen".

Die iPad-Gläubigen sind teilweise sogar diejenigen, die für den vermeintlichen Evergreen gedruckte Zeitung schwärmen und für das Knistern und sogar den Geruch dieses haptisch vollkommen unattraktiven, zum schnellen Wegwerfen gedachten Produktes. Sie werden wahrscheinlich auch die vielen Fingerabdrücke auf dem Touch Screen wundervoll finden. Und sie werden eine Enttäuschung erleben: Denn der 28. Mai 2010 wird nicht als Ostern der Medien in die Geschichte eingehen, auch wenn der Tag begangen wird, als sei der Heiland erschienen. Leider.

Ein Kommentar von Dirk Benninghoff
 
 
KOMMENTARE (10 von 33)
 
Freddylein (31.05.2010, 09:28 Uhr)
Alles mit einem I-.....
kommt mir nicht ins Haus, dafür hat dieser ganze Medienrummel gesorgt. Ich kann´s nämlich nicht mehr hören, oder lesen. Es kotzt mich einfach an.
tk69 (30.05.2010, 13:34 Uhr)
Apple-Jünger hin oder her
Das Geräte ist einfach Klasse! Die vermeintlichen Einschränkungen... genauso wie bei iPhone. Sie sind nicht zu merken. Für diejenigen, die die "pure" Freiheit brauchen, können sich das wohl nicht vorstellen: Ein Gerät, was man einfachst verwenden kann. Aber gut. Jedem ist es selbst überlassen, was er kaufen möchte.
Krakatoa41 (30.05.2010, 12:06 Uhr)
Wer braucht so was?
Ich kann diese ganze Hysterie nicht verstehen, wer brauchst so etwas? Wer ein Notebook hat, braucht der jetzt auch noch diesen Müll? Mit einen guten notebook kann ich eigentlich so ziehmlich alles machen, inclusive telefonieren und das andere Problem, bei vielen hapert es mittlerweise beim Lesen an sich, beim verstehen des gelesenen sowieso, wozu also noch ein Ding mit dem lesen kann, obwohl ich das sowieso nicht richtig kann, wer gut und gern liest, wird ein gutes Buch immer zu schätzen wissen und kann ruhigen gewissens auf diesen medialen Müll verzichten und wer mit seinem geld eh nichts besseres anfangen kann, soll es ruhig kaufen, denn diese welt lebt vom Konsum.
brigitteramsau (30.05.2010, 01:05 Uhr)
Warum I-PAD?
Hmm, das haelt die Leute vom Bloggen oder kommentieren ab. Schon mal mit Apple's lausiger Schrifterkennung und Bildschirmtastatur gearbeitet?

Bekannte haben sich deswegen gleich eine USB faltbare Tastatur zugelegt.

Wir haben die Schraenke so mit Elektronik-Muell gefuellt den wir kaum nutzen das wir uns diesen I-Genuss verkneifen koennen.

Bei Apple stimmt nur das Geschaeftsmodel was vor allem die Shareholder bereichert.
joschitura (29.05.2010, 23:25 Uhr)
Locken drehen auf einer Glatze
Seit Wochen bzw. seit gefühlten hundert Jahren fühlen sich Leute (die sich wohl eher fälschlich als Journalisten bezeichnen) bemüssigt, immer wieder den gleichen Schmonzes über ein ziemlich läppisches Gadget zu schreiben: man nennt das " auf einer Glatze Locken drehen" Jetzt ist das überflüssige Teil endlich im Verkauf -also kann man bitte mit der Werbung dafür ab sofort aufhören ? Ich möchte in den nächsten drei Monaten bitte, bitte, bitte NICHTS mehr über apple, herrn jobs oder seine Firlefanz-Objekte lesen müssen. Danke.
august51 (29.05.2010, 19:00 Uhr)
Ein echter Miesepeter-Kommentar ...
..., mehr ist zu diesem erbärmlichen Artikel nicht zu sagen.
Und allen, die nach Henri Nannen rufen, sei gesagt: Der war ein Nazi.
traldors (29.05.2010, 17:27 Uhr)
Vor dem I-PAD muss weder (...)
die Linux- noch die Windowsgemeinde und zu allerletzt Microsoft Angst haben.
Die "Gretchenfrage" lautet: Besiegt die "Bequemlichkeit" den User, lässt sich jeder content verkaufen oder ist die faktische Kraft des Normativen stärker als die "Bibel" von Steve Jobs?
Appleprodukte (Periphere ausgenommen) ist das letzte Bollwerk der Contentindustrie. Nur aus diesem Grund wird es gehyped. Nur wenn man Steve Jobs dient, bedeutet das 30% des Umsatzes an den "dunklen Fürsten" zu bezahlen und - das ist die Krönung - nur das in den Appstore einzustellen, das Herrn Jobs genehm ist.
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass man den Massenmarkt mit Methoden von gestern so nicht wiederbeleben kann. Und selbst wenn man konsequent auf die "Generation Doof" sezt werden die ohnehin mehrheitlich nicht das Geld haben um sich diesen "Luxus" zu leisten.
Wie schon so manche geschrieben haben: Das I-PAD kann vieles besser als ein anderes Gerät aber in der Summe erheblich weniger.
Matador (29.05.2010, 16:17 Uhr)
Gründe
Wir haben hier ein überteuertes Netbook, das weniger kann als ein durchschnittliches Netbook.

Auf Netbooks hat einen (mehrere) Browser mit Flash(!). Man kann zwischen Mio an PC Applikationen wählen. Es gibt nichts was das IPad kann, was nicht jedes Netbook theoretisch besser kann. Und das ist das Problem :)

Der Erfolg des IPad liegt eher darin das man sich freut das es jemand verstanden hat einen PC zu entwickeln der einfach und direkt bedienbar ist und genau das gut kann was man eben braucht und man sich einfach nicht um irgendwelchen sonstigen Murks kümmern muß wie es bei Windows ständig der Fall ist.

Alleine ein Programm oder ein Spiel auf dem PC zu installieren ist ja ein kleines Drama für sich.

Es gibt x verschiedene komische Einstellungen unter XP die kein Mensch braucht. Tonnen an Zeitschriften beschäftigen sich nur damit wie man Windows so "zurechtflickt" das es das tut was es eh können sollte.

Alleine schon die nervige Bootzeit von PCs die trotz verhundertfachter PC Leistung gleich geblieben ist.

Mit dem IPad schwebt die Hoffnung mit das PCs endlich mal so funktionieren wie man es immer erwartet hätte.

Der nächste Schritt dürfte ein "IPad" Desktop PC werden. Und wenn Microsoft nicht aufpasst ist Windows schneller Geschichte als sie bis drei zählen könnnen ...
stasicom (29.05.2010, 14:45 Uhr)
Ich hab ja...
mittlerweile richtig ANGST vor diesem Unternehmen!

Können unsere weitsichtigen Politiker und Datenschützer diese Firma nicht einfach verbieten?

Auf dem Mistteil kann ich hier ja noch nicht mal einen Einbruch per Street View planen!

Bitte wegmachen, das Teufelszeug!
Swissmiss (29.05.2010, 13:52 Uhr)
Eigenes Grab schaufeln
Die sog. seriösen Medien schaufeln sich genau mit solchen Meldungen ihr Grab, wie sie beispielsweise jetzt im Zuge des Apple-Hypes haufenweise erscheinen. Die Medien brauchen gar keine i-Produkte für ihre Rettung, sondern den Verzicht auf die Art Berichte, wie sie im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Retter Apple erscheinen (obiger Bericht ist hierbei eine angenehme Ausnahme).
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