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18. Februar 2010, 08:31 Uhr

Eine Woche Prügel

Noch nie hat Google für ein neues Produkt so viel Kritik eingesteckt wie für Buzz. Nicht nur Millionen Nutzer sind über die Datenschutzprobleme der Social-Media-Erweiterung von Google Mail erbost, jetzt gibt es auch offizielle Beschwerden. Was ist da schief gelaufen? Von Ralf Sander

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Als das Buzz-Team um Google--Co-Gründer Sergey Brin (re.) Buzz vorstellte, ahnte es keinen Ärger. Oder?© Robert Galbraith/Reuters

Vielleicht sollte Google einfach den Namen seines jüngsten Babys wechseln: Von "buzz", was summen, aber auch Begeisterung bedeutet, zu "mess", was auf Englisch Schlamassel heißt und noch viele andere negative Bedeutungen hat. Erst vor einer Woche war Google Buzz als Erweiterung des E-Mail-Dienstes Gmail - in Deutschland Google Mail genannt - gestartet. Das Produkt hatte so gravierende Macken, dass schon am ersten Tag ein Entrüstungssturm losbrach, den selbst das Schelte von Datenschützern gewohnte Unternehmen bis dato nicht erlebt hatte. Michael Arrington vom bekannten IT-Blog "Tech Crunch" brachte es auf den Punkt. "Es war eine harte Woche. Sowohl für das Team von Google Buzz als auch für die 175 Millionen Nutzer von Google".

Mit Buzz hatte der Suchmaschinen-Riese seinem E-Mail-Dienst eigentlich nur einige Funktionen hinzugefügt, die es von anderen Anbietern wie Facebook und Twitter längst und sehr erfolgreich gibt. Mit Buzz können die Google-Mail-Nutzer in Echtzeit Texte, Fotos und Videos austauschen und verbreiten. Ebenfalls möglich: die beliebten Status-Meldungen und das Kommentieren der Beiträge von Freunden. Insgesamt soll Buzz die verschiedenen Facetten unserer digitalen Identität zusammenfügen, vom Blog-Eintrag über Dokumente bei Google Docs bis zur Bildergalerie Picasa. Und wer Buzz per Smartphone mit eingebautem GPS nutzt, übeträgt auch den aktuellen Aufenthaltsort mit in sein Profil. Welche Konsequenzen diese vielen Funktionen für die eigene Privatsphäre haben, ist nicht so leicht zu durchschauen.

Es war ein ganz besonderes Feature, das den Usern mit schmerzhafter Klarheit vor Augen führte, dass Buzz gravierende Mängel hat. Und es zeigte auch, was passieren kann, wenn Google einfach mal alles zusammenführt, was es über uns weiß. Stein des webweiten Anstoßes war eine Funktion in Buzz, die "Auto-Follow" heißt und standardmäßig angeschaltet war. Wer ein Buzz-Profil einrichtete, dem wurden automatisch diejenigen Personen als Freunde - wie bei Twitter Follower genannt - hinzugefügt, mit denen er häufig E-Mail-Kontakt gehabt oder gechattet hatte. Diese Freundesliste war für jeden Buzz-Nutzer sichtbar. Google wollte, dass sich der Nutzer gleich beim ersten Einloggen wie zu Hause fühlt.

Absehbare Folgen

Die wahren Folgen dieser alles offenbarenden Grundeinstellungen waren weniger freundschaftlich als dramatisch. Bekannt wurde der Fall einer Frau, deren gewalttätiger Exmann über Buzz ihren - bis dahin geheimen - aktuellen Wohnort und Arbeitgeber quasi auf dem Tablett präsentiert bekam. Für Geheimnisträger wie Journalisten, Anwälte und Ärzte und deren Mailpartner bedeutet diese unfreiwillige Offenheit große Probleme. Aber auch wer mit einem potenziellen neuen Arbeitgeber verhandelt oder seine Seitensprünge per E-Mail organisiert, ist betroffen.

Der Aufschrei der Abermillionen Gmail-User und Kritiker im Web erschreckte Google so sehr, dass schon zwei Tage später erste Änderungen an Buzz vorgenommen wurden. Seitdem wird ununterbrochen weitergebastelt. Vier Tage nach der Veröffentlichung waren sämtliche automatischen Veröffentlichungen standardmäßig abgeschaltet. Sie müssen nun vom Nutzer selbst aktiviert werden. Außerdem wurden die Einstellungsmöglichkeiten vereinfacht und benutzerfreundlicher gestaltet. Das Unternehmen hat sich Asche aufs Haupt gestreut, sich öffentlich wortreich entschuldigt und zur weiteren Verbesserung von Buzz einen so genannten "War Room" eingerichtet, in dem Ingenieure und Produktmanager ständig über weitere Veränderungen diskutieren, die bei Bedarf schnell umgesetzt werden sollen.

Bleibt die Frage: Wie konnte so etwas passieren? Google selbst sagt, es habe Probleme gegeben mit der Qualitätskontrolle. Kritiker meinen, das Buzz-Debakel sei Ausdruck von Googles Ignoranz einem hohen Gut gegenüber: dem Datenschutz. Beides stimmt.

Fehlende Kontrolle ...

Im Gespräch mit der BBC gab Todd Jackson, der verantwortliche Google-Manager, zu, dass Buzz nicht die üblichen Testverfahren durchlaufen habe. Normalerweise würden neue Angebote zunächst von der Google-Belegschaft ausprobiert. Danach dürften so genannte Google Trusted Tester (vertrauenswürdige Tester) ran, ein Netzwerk von Familienmitgliedern und Freunden der Google-Mitarbeiter. Dieser zweite Schritt sei im Fall von Buzz aus Zeitgründen übersprungen worden. "Es ist natürlich ein Unterschied, Feedback von 20.000 Google-Leuten oder von Millionen von Gmail-Nutzern da draußen in der Wildnis zu bekommen", so Jackson über die unzureichenden Tests.

... oder Ignoranz?

Auch nach dieser Erklärung bleiben Fragen offen: Wie kann man ernsthaft glauben, es sei eine gute Idee, Mail- und Chatkontakte von Nutzer ohne zu fragen zu veröffentlichen. Ist es für die Verantwortlichen bei Google - und für Facebook & Co. gilt das genauso - wirklich so schwer vorzustellen, dass es Gründe gibt, bestimmte Informationen nicht zu veröffentlichen?

Das Buzz-Desaster hat Google jedenfalls noch nicht überstanden: Die amerikanische Verbraucherorganisation Epic hat bei der US-Wettbewerbsbehörde FTC Beschwerde eingereicht. Der kanadische Datenschutzbeauftragte hat eine Untersuchung angekündigt. Und auch deutsche Datenschutzbehörden prüfen, ob sie zuständig sind.

Von Ralf Sander
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
JimPanse (18.02.2010, 10:49 Uhr)
Buzz deaktivieren.
Für alle die diesen Quatsch loswerden wollen.
Googlemail->Fusszeile " Buzz deaktivieren"->dann "vollständig entfernen".
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