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Wo die Zukunft schon da ist

Drei Tage diskutierten auf der Münchner DLD-Konferenz Top-Manager, Wissenschaftler und Internetvisionäre über die Zukunft und die Gegenwart. Lieblingsfeindbild: Google. Die Suchmaschine reagierte mit Geschenken.

Von Dirk Liedtke

Wer hat Angst vor Google? Diese Frage hing wie eine dunkle Wolke über der Konferenz DLD (Digital Life Design) des Burda-Verlags. "Es ist noch immer ein lausiges Geschäft im Internet", klagte Gastgeber Hubert Burda gleich zur Eröffnung der elitären Veranstaltung mit 800 Teilnehmern. Die Teilnahme ist so begehrt, dass DLD-Besucher bis zu 2500 Euro für ein Ticket zahlen. Dafür gab es wie im jeden Jahr spannende Vorträge, Talkrunden und den direkten Zugang zu einer Elite von Top-Managern, Wissenschaftlern, Künstlern und Ingenieuren des digitalen Zeitalters. Schlaue Köpfe wie Alexander Kluge und Christoph Schlingensief trafen auf zwei Friedensnobelpreisträger, die Society-Figur Begum Aga Khan und Bestseller-Autor Frank Schätzing.

Die Zukunft ist bei DLD immer schon da. Da werden Visionen zur künftigen Dominanz Chinas gehandelt oder die Prognose, dass schon in einem Jahr jeder für 1000 Dollar sein Erbgut analysieren lassen kann. In diesen Momenten liegt das beschauliche München mitten im ewig optimistischen Silicon Valley.

Als rauflustiger Gastgeber erwies sich der neue Burda-Lenker Paul Bernhard Kallen. Während Springer-Chef Mathias Döpfner und Hubert Burda in der ersten Reihe zusahen, lamentierte der Burda-Boss, Google sauge die ganze Werbung ab, die sonst auf Papier oder auf Webseiten der Verlage geschaltet würde. Als "lausige Pennies" hatte Hubert Burda schon beim letzten DLD die mageren Erlöse abgetan. Die Medien-Manager scheinen jedoch nicht schlauer geworden zu sein.

Aufgeheizte Stimmung gegen Google

Auf Krawall gebürstet forderte Kallen von dem neben ihm sitzenden Google-Chefjustiziar David Drummond mehr "Transparenz" und einen "fairen Anteil" an den Milliardengewinnen. Die Anti-Google-Stimmung heizte sich immer mehr auf, es gab sogar höhnisches Gejohle, als der Google-Manager das Wort ergriff. Kallen hatte sich eine Pointe ausgedacht, die allerdings eher verpuffte. Mit großer Geste kramte der Medienboss einen Ausdruck aus der Tasche. Er wechselte zur Verblüffung der Diskussionsrunde und einem Großteil des Publikums plötzlich ins Deutsche und verlas die AGB des Google Adsense-Programm. (Die Konferenzsprache ist Englisch.) Darin erklärt Google die Berechnung des Anteils, der an Werbepartner ausgeschüttet wird, wenn Google Anzeigen etwa auf einer Burda-Website platziert. Die genaue Formel bleibt dabei im Ungefähren. 1:0 für Kallen, aber aus dem Abseits erzielt. Danach bemühte sich Kallen, das Juristendeutsch ins Englische zu übersetzen, ein Kraftakt des gehobenen Pidgin-Business-Englisch. Die Attacke gegen Google wirkte irgendwie klein-krämerisch - auf jeden Fall unsouverän.

Den Gegenentwurf eines unaufgeregten, strukturierten Medienmanagers verkörperte der Amerikaner Tom Glocer, Chef des Wirtschaftsdaten- und Medien-Konzerns Thomson Reuters. Sein Rezept: spielerische Freiräume zur Entwicklung neuer Produktideen zu schaffen und persönlich alle neuen Digitalspielzeuge auszuprobieren, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Ein klares Eigentor schoss FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Seine schwammig vorgetragene Leidensgeschichte vom erstickenden Informationsfresser, der sich von Maschinen (insbesondere Suchalgorithmen von Google) bevormunden lassen muss, um die einströmende Datenmenge zu bewältigen, überzeugte die digitale Elite nicht. "Wenn sie Hilfe benötigen, kann ich Ihnen sagen, wo sie die im Web finden können", sagte ein Zuhörer unter mitleidigem Lachen und heftigem Beifall.

Schirrmacher hat es zwar mal wieder mit populistischem Kulturpessimissmus einen weiteren Bestseller ("Payback") gelandet. Aber bei der Debatte mit John Brockman und David Gelernter, zwei Vordenkern der digitalen Welt, blamierte sich der Möchtegern-Großdenker als weinerlicher Halb-Checker.

Geistige Wechselbäder

Die Angst, was mit unseren Daten passiert, war neben dem Google-Blues ein weiteres Leitthema des DLD. Für den Facebook-Technikchef Mike Schroepfer sind die Beziehungen zwischen Menschen Daten, die er als "sozialen Klebstoff" bezeichnet: welche Klamotten mögen meine Freunde, welche Musik, welche Restaurants? Diese Informationen verbreiten sich über Facebook und sollen Werbung der entsprechenden Unternehmen anziehen.

Jede Woche landen 3,5 Milliarden Textbotschaften, Bilder und Videos der 350 Millionen aktiven Nutzer neu auf Facebook. Die riesigen Rechenzentren saugen quasi die Tagebücher einer ganzen Generation in sich auf. Und Facebook kann all diese Daten analysieren, um damit noch präzisere Werbung zu platzieren. Ein Psychogramm des vernetzten Teils des Planeten entsteht, ein emotionales Barometer - so als würden wir ein Kabel von unserem Hirn zum Internet legen und unsere Gedanken abzapfen lassen.

Auch bei der sechsten DLD-Konferenz erlebten die Besucher geistige Wechselbäder – eine Kneippkur für den Kopf. In einem Moment wurde der charmante, keinesfalls zynische Google-Manager Nikesh Arora unter Beifall bezichtigt, den Datenschutz der Suchmaschinen-Nutzer auf die leichte Schulter zu nehmen. Minuten später verkündete Arora unter tosendem Applaus, dass jeder DLD-Besucher ein Google-Handy Nexus One geschenkt bekomme, ein Wert von rund 600 Euro. Google verwandelte sich in einer Sekunde vom Buhmann in den Weihnachtsmann.

Mobiltelefone nicht als stylisches Gratis-Accessoire sondern als Überlebensmittel und digitaler Schulersatz - diesen gigantischen, gedanklichen Sprung machte der Friedens-Nobelpreisträger Muhammad Yunus. Er hat im bettelarmen Bangladesch Tausende sogenannter "Telephone Ladies" mit Handys ausgestattet. Die Frauen haben diese vermietet und so den Kredit zur Anschaffung abgezahlt. Das genossenschaftliche, nicht-profitorientierte Geschäftsprinzip wendet Yunus auf immer mehr Bereiche an - Gesundheitswesen, Ernährung und Bildung.

Die Telephone Ladies sind zu Internet Ladies geworden. Und von den bescheidenen Einkommen aus ihren Vermietgeschäften können die Mütter sogar ihre Kinder erstmals auf Schulen und Universitäten schicken. Genial, wie Yunus mit kapitalistischer Kreativität aber ohne Gier das Leben von Millionen Menschen verändert. Man fühlt sich wie auf einem Kirchentag. Und die versammelten Investoren, Banker und Unternehmer wirken im Vergleich mit dem schlauen Mikro-Banker aus Bangladesch plötzlich wie blutrünstige Heuschrecken.

Der in den Sechzigern populäre Folksänger Donovan nahm den Kongress am Ende auf eine Zeitreise: "Das soziale Web ist die neuen Sechziger!" ist seine neue Botschaft. Bei Facebook vernetzen und twittern soll das Gegenstück zu freier Liebe, Kiffen und Protest gegen das System sein? Und wer steht dann für das Establishment? Die hundertfach angereisten Geldverteiler, die Risikokapitalisten und Investoren, ohne die all die Internet-Start-Ups niemals online gehen könnten? Oder doch eher Google, der Buhmann und Big Brother?

Mal schauen, ob zum nächsten DLD wieder Google-Manager anreisen. Man könnte fast verstehen, wenn sie zu Hause blieben - so wie sie in München abgewatscht wurden.

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