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16. April 2010, 17:39 Uhr

Wie man mit der Handy-Ortung Geld verdient

Ortungsdienste gelten als das nächste große Ding im Internet. Ganz vorn mit dabei ist das US-Startup Foursquare. Doch auch in Deutschland entstehen die ersten Plattformen - die Werbeindustrie wittert ganz neue Möglichkeiten. Von Matthias Lambrecht und Andrea Rungg

Foursquare, ortsbasierte Dienste, Gowalla, Friendticker, Loopt, Google Buzz, location based services

Der Hype der Stunde: Foursquare© Foursquare

Parker Liautaud hat es geschafft. Am Ende musste er zwar in den Helikopter umsteigen, um die letzten Kilometer zum Nordpol zu fliegen. Er kam einfach nicht weiter. Auf das Wetter ist eben kein Verlass. Somit ist der Schüler des britischen Nobelinternats Eton nicht der erste 15-Jährige, der auf Skiern bis zum nördlichsten Punkt der Erde vordringen konnte. Aber egal: Was wirklich zählt, ist, dass er sich den "Last Degree"-Badge bei Foursquare gesichert hat - den ersten Eintrag eines Nutzers des Online-Ortungsdiensts am nördlichsten Breitengrad.

Und das sind schließlich die Auszeichnungen, die künftig zählen werden. Ortungsdienste - im angelsächsischen Branchenjargon "Location-Based Services"- gelten nämlich als das nächste große Ding im Internet. Ob Foursquare oder Gowalla, Plancast oder Loopt - der Status im Internet war gestern. Künftig vermelden die User ihren Ort. Sie checken ein.

Möglich machen es kleine Softwareprogramme, sogenannte Apps, die auf Handys mit GPS-Funktion heruntergeladen werden. Damit können die Nutzer Restaurants, Museen, Hotels oder andere Punkte in der Umgebung markieren, mit Empfehlungen versehen oder Freunde kontaktieren.

Geburt eines Hypes

Foursquare - das den weltumspannenden Hype mit ausgelöst hat - wird von einem kleinen Büro im New Yorker East Village aus gesteuert. Gründer sind Dennis Crowley und Naveen Selvadurai. Derzeit teilt sich ihr 14-köpfiges Team noch 70 Quadratmeter mit zwei anderen Startups. Bald ziehen sie ein Stockwerk höher. Sie wachsen einfach zu schnell: eine Million Nutzer wollte Foursquare bis Jahresende haben. So viele werden es wohl schon in ein paar Tagen sein.

Um die hohen Büromieten in Manhattan müssen sich Crowley und seine Mitstreiter keine allzu großen Sorgen mehr machen. Branchenkenner veranschlagen den Marktwert der Firma auf mindestens 80 Mio. $. Und die Risikoinvestoren für die nächste Finanzierungsrunde stehen bereits Schlange. Auch mit Yahoo soll es Gespräche über einen Verkauf gegeben haben - Gerüchten zufolge soll das angestaubte Internetportal 100 Mio. $ geboten haben, um mit dem Newcomer ins Geschäft zu kommen. Crowley aber kann zocken.

Der Foursquare-Gründer lebt sein Programm. Seit Wochen arbeitet er Tag und Nacht, und wenn er nicht arbeitet, feiert er. Und so sitzt der 34-Jährige mit müden Augen und verwaschenem T-Shirt an seinem Laptop - oder im St. Marks Ale House, einer lärmenden Sports-Bar. Macht er "the next big thing"? "Natürlich redet gerade jeder über uns", gibt er sich bescheiden. "Unser Job ist es, die Aufmerksamkeit in ein tolles Produkt umzuwandeln."

Saufen für die Auszeichnung

Je länger die Partynächte, desto höher die Anerkennung bei Foursquare: Das Programm ist auch ein Spiel: Wer häufiger als alle anderen in einer Bar eincheckt, bekommt etwa den Titel "Mayor" - und vielleicht sogar ein Freigetränk. Der Besuch an anderen Plätzen wird mit "Badges" belohnt, die das Profil der Nutzer zieren. Wer an mehr als zehn Orten war, wird zum "Adventurer" geadelt. Und vier Check-ins in einer Nacht bringen das Prädikat "crunked" ein - eine Mischung aus "crazy" und "drunk".

Die Masche zieht, täglich kommen Tausende Nutzer hinzu. Und für Unternehmen eröffnen sich neue Perspektiven, ihre Produkte gezielt zu vermarkten. "Foursquare wird das Twitter 2010", orakelt der US-Branchendienst "Mashup". Doch den Vorläufern glaubt Crowley, der den Vergleich nicht mag, schon jetzt etwas vorauszuhaben: "Wir wissen bereits, wie wir Geld verdienen. Das ist der Unterschied zu vielen anderen Unternehmen, die gegründet werden."

Der Weg wird zur Werbepause Während man sich bei Twitter oder Facebook noch vorsichtig an die Vermarktung der Nutzerbasis herantastet, hat Crowley die ersten Deals festgezurrt. Einzelhändler, Restaurants, aber auch Ketten wie der Kaffeehausbetreiber Starbucks gehören bereits zu seiner Klientel. Während Starbucks testet, wie potenzielle Kunden in der Nähe der Filialen über Foursquare angesprochen und treue Caffè-Latte-Konsumenten belohnt werden können, verhandelt Crowley schon mit der Financial Times: Die britische Schwesterzeitung der FTD will über den Ortungsdienst Nutzer der Mensen führender Universitäten in Großbritannien und den USA für ihr Onlineabo gewinnen.

Auch in Deutschland wächst das Interesse an der Vermarktung über das Handy. "Die Resonanz ist groß", sagt Florian Resatsch, der seit ein paar Tagen mit Friendticker auf dem deutschen Markt ist.

"Als wir unser Konzept vor einem Jahr auf der Cebit präsentiert haben, hat das kaum jemanden interessiert", sagt der Berliner Gründer. Doch im Spätsommer verdichteten sich die Erfolgsmeldungen der Location-Based Services in den USA - und die Stimmung drehte. Resatsch und sein Team überarbeiteten ihr Konzept und reiten nun die Welle aus den USA.

Friendsticker hat das Modell von Foursquare abgewandelt und spricht Gastronomen und Einzelhändler in Deutschland an, die Crowleys bisher kleine Vetriebsmannschaft noch nicht erreicht. Resatsch will die Lücke nutzen - und schnell nach Großbritannien und Frankreich expandieren.

Es ist vor allem der Siegeszug von iPhone, Blackberry und anderen GPS-tauglichen Smartphones, der die lang gehegte Hoffnung in die Vermarktung über lokale Dienste endlich reifen lässt. "In diesem Jahr werden die lokalen Dienste massenmarktfähig, weil es immer mehr geeignete Endgeräte gibt", sagt Nico Lumma, Director Social Media bei der Hamburger Werbeagentur Scholz & Friends. Damit eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten der zielgenauen Ansprache von Konsumenten. "Ohne Ablenkung durch Pinkelpausen oder Lastwagen, die vor Plakaten stehen", schwärmt der Werber.

Gefunden in ...

Gefunden in ... der "Financial Times Deutschland"

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