In der rumänischen Kleinstadt Dragasani leben Hunderte junger Männer von Online-Kriminalität. Was als Dummejungenstreich begann, ist heute organisiertes Verbrechen. Ein Besuch in einer Hochburg des Internetbetrugs. Von Serge Debrebant, Dragasani

In dem Städtchen ist nicht sehr viel los, aber es gibt zehn Banken und einen Schalter von Western Union© Petrut Calinescu
Es muss für Mihai P. ein seltsames Gefühl gewesen sein, plötzlich Geld zu haben. Obwohl er schon Mitte zwanzig war, lebte er mit seinen Eltern in einer engen Zweizimmerwohnung in Dragasani, einer Kleinstadt vier Autostunden westlich von Bukarest. Hier, zwischen Weinbergen und Langeweile, war Mihai P. aufgewachsen. Früher kamen aus Dragasani die einzigen Turnschuhe, die man in Rumänien kaufen konnte, Ceausescus Adidas sozusagen. Als die Rumänen den Diktator 1989 aus dem Amt jagten, gehörte Mihai P. zu den Verlierern der neuen Freiheit, obwohl er erst elf Jahre alt war. Seine Eltern hatten kein Geld. Die Wohnung ließ sich Mihais Vater von seinem Bruder kaufen, während Mihai die Kleidung seiner Vettern auftrug. Die Schule beendete er 2001 erst mit 22 Jahren, drei Jahre später als alle anderen. Danach fand er keine Arbeit. Tagsüber trieb er sich mit seinen Freunden in Internetcafés herum, nachts schlief er im Wohnzimmer seiner Eltern auf dem Sofa. Im letzten Wahlkampf verschenkte der Bürgermeister Adidas-Schuhe an die Armen der Stadt, Mihai erhielt auch ein Paar.
Dann änderte sich auf einmal etwas. Plötzlich besaß Mihai P. Geld - so viel Geld, dass er nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Statt sich ein Auto oder zumindest neue Schuhe zu kaufen, fuhr er über die A1 nach Bukarest und betrankt sich dort in Luxuslokalen wie dem Bamboo. Im Januar 2006 wurde er verhaftet. Die Polizei wies ihm nach, mehr als achtzig Ausländer auf Ebay und anderen Internetseiten betrogen zu haben. Gesamtschaden: rund 57.000 Euro. Bei seiner Verhaftung trug er noch die geschenkten Schuhe.
Mihai P. ist kein Einzelfall. Über 500 Internetverbrecher wurden in Rumänien in den ersten neun Monaten dieses Jahres angeklagt, im vergangenen Jahr waren es 469. Im Sommer warnte Ebay bei einer Pressekonferenz in Australien vor den rumänischen Hochstaplern. In den Jahresberichten über Internetkriminalität, die das amerikanische FBI herausgibt, taucht Rumänien regelmäßig unter den zehn Ländern mit den meisten Tätern auf.

Mihai P. ist einer der Jugendlichen aus Dragasani, der versuchte, mit Online-Gaunereien Geld zu machen© Petrut Calinescu
Der Kreis mit den meisten Internetverbrechen in Rumänien liegt im Südwesten und heißt Valcea. Interpol hat drei Städte dieses Kreises als Hochburgen des Internetbetruges ausgemacht. Zu ihnen gehört auch Dragasani. Rund 21.000 Menschen leben in der Kleinstadt am Fluss Olt, aus der Mihai P. stammt. Auf den Hügeln rund um Dragasani wurde schon vor 3000 Jahren Wein angebaut. Zu den größten Arbeitgebern gehören ein Waffen-, ein Schuh- und ein Felgenhersteller. Der Durchschnittsverdienst in der Region lag vor zwei Jahren bei 233 Euro. Trotzdem sieht man am Wochenende, wenn die Bürger durch die Stadt flanieren, Limousinen von Audi, Mercedes-Benz und BMW auf der Hauptstraße.
Stefan Bauer weiß, woher das Geld für die Autos stammt. Bauer arbeitet als Kriminaloberkommissar in München, ein 29 Jahre alter blonder Mann mit unverbrauchtem Gesicht und Seitenscheitel, der dieses Jahr nach Rumänien gefahren ist, um beim Wiederaufbau eines Kinderheimes mitzuhelfen. Zwei Jahre lang hat Bauer das einzige deutsche Sammelverfahren über Internetbetrug bearbeitet - mit 285 Geschädigten aus 21 Ländern und einem Schaden von mehr als einer Million Euro. Am Ende wurden 15 Mitglieder einer deutschen Zelle verurteilt. Die Köpfe der internationalen Bande sitzen in Dragasani.
Bauer kennt mehr als hundert Mitglieder mit Namen. In der Regel sind es Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Die Bande ist wie ein Unternehmen aufgebaut. Es gibt Bosse, die den Betrug organisieren, und Sachbearbeiter, die die Angebote ins Internet stellen und mit den Opfern in Verbindung stehen. Computerexperten programmieren Webseiten mit erfundenen Unternehmen, die die Geschädigten in Sicherheit wiegen sollen. Sogenannte Arrows - "Pfeile" - holen das Geld bei Bargeldservices wie Western Union ab. Die Arrows sind über ganz Europa verteilt - das erschwert die Ermittlungen.
Neben der Bande, deren Aufbau er kennt, weiß Bauer noch von einer weiteren Bande aus Dragasani. Bei Verhören hat er erfahren, dass rund 500 Einwohner in Dragasani in den organisierten Betrug verwickelt sein sollen. Wer die Begriffe Ebay und Dragasani googelt, findet einige ihrer Namen auf privaten Internetseiten, die vor Betrügern warnen. Auf einer dieser Seiten steht Marinela P. Ein Polizist bestätigt, dass die ganze Familie als Arrow arbeitet. Die P.s sind Roma und wohnen in einem heruntergekommenen Plattenbau am Rand von Dragasani.

Pferdekarren gehören genauso zum Stadtbild wie teure Autos© Petrut Calinescu
Als Marinela P. ihren Namen hört, tritt sie bereitwillig aus einer Wohnung im Erdgeschoss, eine Frau Anfang zwanzig, der ein Schneidezahn fehlt. Von irgendwoher rumpelt Musik wie aus einem Film von Emir Kusturica. Auf der Straße liegen Autoreifen, zerknüllte Plastikflaschen und Kinderschuhe. Rechts verbrennt jemand vertrocknete Blätter. Über die mit Schlaglöchern übersäte Straße fährt holpernd ein Pferdekarren. Marinela P. hört sich an, was die Fremden zu sagen haben. Als sie die Wörter Ebay und Internet hört, schüttelt sie den Kopf. Nein, sie kenne Ebay nicht, sie habe ja noch nicht einmal einen Computer. Wie erklärt sie sich, dass ihr Name auf einer Liste mit Online-Betrügern steht? - Man habe ihr vor zwei Jahren den Pass gestohlen. - Nein, sie habe den Diebstahl nicht angezeigt.
Neun Prozent der rumänischen Bevölkerung sind Roma, ein Drittel davon sind Analphabeten, noch weniger können mit dem PC umgehen. Die Roma erledigen im Online-Betrug die Drecksarbeit. Meist erhalten sie noch nicht einmal den üblichen Anteil eines Arrows, der zwischen zehn und zwanzig Prozent liegt. Kinder, Alte, Männer und Frauen umrunden Marinela P. Ein älterer Mann mit Hemd und Brille, der gepflegter als die anderen wirkt, geht wütend auf und ab: "Sag nichts, sonst wanderst du sofort ins Gefängnis." Marinela P. zieht sich in ihre Wohnung zurück. Die anderen bleiben und machen sich über die Fremden lustig: "Du bist doch ein Opfer und willst dein Geld zurück!" - "Für 5000 Euro zeige ich dir die Villa eines Betrügers!" - "Wisst ihr, was eine MTCN ist? Ihr wollt über Ebay-Betrüger schreiben und wisst noch nicht einmal, was eine MTCN ist?" MTCN steht für Money Transfer Code Number - die Nummer, die man bei Überweisungen über Western Union angibt. Der Bargeld-Service ist bei Betrügern beliebt, weil jeder mit dieser Nummer und einem - notfalls auch gefälschten - Pass das Geld abholen kann. So verwischen die Hintermänner ihre Spuren.
Gefunden im ... ... Ebay-Magazin, Ausgabe 3/2007